Ein Nachruf von Silvie Aigner

Elfie Semotan (1941–2026)

Elfie Semotan gehörte zu den international gefragtesten Modefotografinnen. Seit den 1980er-Jahren arbeitete sie für Magazine wie Vogue, Elle, Esquire, Interview, Harper's Bazaar, Allure, Marie Claire und The New Yorker, vor allem aber für den österreichischen Modeschöpfer Helmut Lang, bis sich dieser aus der Modewelt zurückzog. Parallel dazu schuf sie in ihrer künstlerischen Fotografie ein ebenso eindrucksvolles Œuvre – mit einer Handschrift, die in Galerien und Museen ebenso Anerkennung fand wie in der Modewelt.


Mich hat die Nachricht zu ihrem Tod sehr betroffen. Ihr lässiger Stil, zuletzt beeindruckend in Szene gesetzt bei der Helmut-Lang-Ausstellung, in der sie am großen Screen als Modell lief und zugleich ad personam davorstand. Sie war präsent in der Kunstwelt durch ihre charmante, unprätentiöse Art, mit der sie selbstverständlich Mode und Kunst verband und zu einer steten Grenzgängerin zwischen den Genres wurde. Ebenso konsequent wie sie ihr eigenes Werk entwickelte und verfolgte, war ihr steter Einsatz für die Kunst ihres ersten Ehemannes Kurt Kocherscheidt, der 1992 in Folge schweren Herzversagens starb. Sein Spätwerk kuratierten wir gemeinsam für eine Ausstellung im Palais von Wienerroither & Kohlbacher. Die Schau war zugleich eine persönliche Annäherung an einen Künstler, mit dem Semotan nicht nur ihr Leben, sondern auch einen intensiven künstlerischen Dialog teilte. Gemeinsam mit Kurt Kocherscheidt kaufte Semotan Anfang der 1970er-Jahre das Haus in Jennersdorf im Südburgenland – eine Landschaft, die beide nachhaltig prägte und in ihren jeweiligen Werken Spuren hinterließ.

Es gibt Menschen, die immer schöner werden.
Weil sie sozusagen in ihre Persönlichkeit hineinwachsen.

Elfie Semotan

Zur Fotografie kam sie, wie sie in einem Interview mit unserer Autorin Maria Rennhofer anlässlich ihrer Ausstellung im KunstHausWien erzählte, als 20-Jährige durch ihren damaligen Freund, den kanadischen Fotografen John Cook, und eignete sich die Grundlagen und Fertigkeiten der Fotografie autodidaktisch an. Als Mannequin in Paris verdiente sich die aus Oberösterreich stammende Absolventin der Wiener Modeschule Hetzendorf ihr erstes Geld, und so war es nur logisch, dass die Welt der Mode ihr erstes Betätigungsfeld als Fotografin wurde. Was sie bis zuletzt an diesem Medium faszinierte? „Es ist interessant, Teile aus dem Leben, aus der Umgebung, die man sich aussucht, in Szene zu setzen. Man kann seine eigene Sicht und Stimmung ausdrücken über die Auswahl, die man trifft, über die Leute, mit denen man arbeitet, über die Dinge, die man verwendet. Dinge, die vorhanden sind, aber die man sehen muss, um sie in einem Foto zu gestalten."

Ihre Formensprache in der Modefotografie ebenso wie in ihrer künstlerischen Arbeit war von Beginn an einprägsam und brach mit dem in der Modewelt verbreiteten Bild der Frau und den gesellschaftlich etablierten Schönheitsidealen. „Für mich entsteht Schönheit aus einer Mischung aus einem interessanten Äußeren und dem Inhalt einer Person. Es wird immer besser, je älter man wird. Es gibt Menschen, die immer schöner werden. Weil sie sozusagen in ihre Persönlichkeit hineinwachsen", sagte sie 2009 in einem Interview für die deutsche Tageszeitung „Die Welt". Jene andere Art von Schönheit, die Elfie Semotan propagierte, zeigte sich schon von Beginn an in ihrer fotografischen Arbeit. Sie arbeitete gegen den Mainstream, der wünschte, Werbung habe unkompliziert und übersichtlich zu sein. An den Models interessierte sie weniger körperliche Perfektion als Haltung, Ausdruck und Charakter. Gleichzeitig hebelte die Fotografin herkömmliche Vorstellungen, wie man Produkte ins Bild zu setzen habe, aus. In ihren Mode- und Werbeaufnahmen stand selten das Produkt im Vordergrund. Stattdessen erzeugte sie Stimmungen und erzählte kleine Geschichten.

Elfie Semotan, Self Portrait, 2020 © Elfie Semotan, Courtesy: Studio Semotan

Dies zeigte sich bereits in den frühen Kampagnen für Palmers und Römerquelle, mit denen sie auch einem breiteren Publikum bekannt wurde. „Trau dich doch" für Palmers entstand Ende der 1970er- bzw. Anfang der 1980er-Jahre und wurde zu einem Meilenstein der österreichischen Werbefotografie; ebenso im visuellen Gedächtnis geblieben ist ihre legendäre Römerquelle-Kampagne „Dreier". In beiden Fällen stellte Semotan die Frauen stets selbstbewusst dar. Bei einem Atelierbesuch sprachen wir auch über die Werbe- und Modefotografie von heute. Wären solche provokanten Plakate heute noch möglich?

Semotan meinte damals, dass die Bewerbung von Produkten und auch die Modestrecken weit angepasster, „modischer und zeitgeistiger" seien als früher: „Es war damals leichter – vor allem in den Modemagazinen, die kaum Geld hatten, Neues auszuprobieren. Das war in der reinen Produktwerbung natürlich schwieriger, aber dennoch gab es mutige Art-Direktor:innen, die gerne Neues ausprobiert haben, die etwas von Kunst verstanden und die Qualität der fotografischen Arbeiten jenseits des Mainstreams zu schätzen wussten. Natürlich gibt es auch heute noch einige Labels, die eine andere Art von Modefotografie forcieren." Viele ihrer Modestrecken waren geprägt von ihrer Auseinandersetzung mit der Kunstgeschichte wie auch mit der zeitgenössischen Kunst: „Die Beschäftigung mit Kunst ermöglicht für mich eine andere Sichtweise. Von Lichtstimmungen, Atmosphäre und Inszenierung der Realität. In der Malerei ist viel mehr möglich als in der Fotografie, wo ich zwar immer wieder versuche, durch gezieltes Set Design eine neue Wirklichkeit zu gestalten, doch letztlich ist man immer mit ihr konfrontiert. Die Kunst hat da viel mehr Freiheiten. Für mich bietet die Kunst die Möglichkeit zu experimentieren. Ich finde es langweilig, die Rolle des Fotografen darauf zu reduzieren, im richtigen Moment abzudrücken. Daher schaffe ich mir ein Setting, in das ich Motive und Themen einbaue, die mich interessieren. Ob es die musealen Inszenierungen von Vanessa Beecroft waren oder die Madonnen von Raffael, Botticelli." Aber auch Künstler:innen wie Diane Arbus oder Irving Penn inspirierten sie, ebenso Szenen nach Lucian Freud oder Robert Frank. Besonders prägnant waren Semotans ausdrucksstarke Porträts – von Elfriede Jelinek, Louise Bourgeois, Jenny Holzer, Bruno Gironcoli, Maria Lassnig und insbesondere von Johanna Dohnal, der ersten Frauenministerin Österreichs, die sie kongenial erfasste. Aber auch Filmstars wie Ornella Muti oder Willem Dafoe fotografierte sie in strengem Schwarz-Weiß, jenseits ihrer Rollenklischees.

 

Auch in der Produktfotografie von Accessoires, insbesondere von Schmuck, wurde der individuelle Stil von Elfie Semotan deutlich. „Gerade hier", so die Künstlerin, „dominiert der Mainstream, das aus dem Bild herausblickende Model, jung und schön im adäquaten Setting. Ich verstehe, dass man Schönheit zeigen will, aber das geht mir viel zu weit. Es ist viel zu weit weg von jener Realität, die ein normaler Mensch lebt oder verstehen kann." Semotan setzte diesem Trend ihre beeindruckenden Serien „Black & White Jewellery" und „Roy Lichtenstein Jewellery" entgegen. In letzterer arbeitete sie „mit absoluten No-Gos", wie sie sagte: „Das Model blickt nicht aus dem Bild, die Haare sind aus Plastik und künstlich sowie dominante Farbkontraste, die scheinbar vom Produkt ablenken. Aber genau diese Irritation ist es, die solche Bilder hervorhebt. Zudem beziehen sich heute viele Modedesigner:innen selbstverständlich auf die Kunst und binden sie ein und stellen ihre Mode zum Teil als Objekt aus oder inszenieren ihre Shows in einem künstlerischen Umfeld."

Doch stets betonte Elfie Semotan, wie wichtig ihr auch die künstlerische Fotografie war. Natur und Stillleben waren konstante Motive in ihrem Werk und gewannen in den letzten Jahren zunehmend an Bedeutung. Eine für sie wichtige Werkgruppe entstand im Zusammenhang mit einer Reise von New York nach Marfa und zurück – poetische Studien von Licht, Strukturen, Landschaften und arrangierten Objekten. Die Arbeiten bewegen sich zwischen Stillleben, Landschaft und konzeptueller Fotografie.

Semotan war in erster Ehe mit dem Künstler Kurt Kocherscheidt verheiratet, mit dem sie zwei Söhne hat, und in zweiter Ehe mit dem deutschen Künstler Martin Kippenberger, der 1997 verstarb. Doch auch wenn ihre Männer bekannte Künstler waren, stand sie nie in ihrem Schatten – im Gegenteil. Elfie Semotan war eine der einflussreichsten österreichischen Fotografinnen der Gegenwart, eine präzise Beobachterin. Ihre Bilder wirken oft beiläufig und natürlich, sind aber sorgfältig komponiert. Sie interessierte sich für Menschen, Gesten, Körperhaltungen und Atmosphären. Semotan war nie an Trends orientiert, sondern verfolgte konsequent ihren eigenen Blick. Dieser Blick wird bleiben.

Elfie Semotan, Self-Portrait, New York, 2000/2021 © Elfie Semotan, Courtesy: Studio Semotan

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