Ein Prachtbau für die Fondation Cartier Paris

Fondation Cartier, © Jean Nouvel / Adagp, Paris, 2025, Foto © Martin Argyroglo

Die neue Fondation Cartier an der Place du Palais Royal in Paris wurde im Oktober eröffnet und ist nur einen Steinwurf vom Louvre entfernt. Durch die privilegierte Lage erhofft sich die Fondation Cartier jährlich rund 600.000 Besucher:innen. Und dies könnte durchaus gelingen, denn es ist alles angerichtet, sowohl die Sammlung als auch die Architektur brillieren. Ein Besuch in Paris.


Architektonisch ist die Fondation Cartier ein perfekter Mix von klassischer Eleganz und moderner Innovation. Während die Fassade des Prachtbaus von 1855, einst als Grand Hôtel du Louvre zur Weltausstellung konzipiert, erhalten blieb, wurde die Historie im Inneren durch ein komplexes, von Architekt Jean Nouvel entworfenes System beweglicher Bodenplateaus ersetzt. So können fünf stählerne Plattformen, jede zwischen 250 und 350 Tonnen schwer, zwischen Souterrain und Beletage in elf Höhenlagen eingerastet werden. Dieser auf Knopfdruck mobilisierte Raumwandel ist weitaus technischer, als er klingt und zugleich sinnbildlich für den Anspruch der Fondation, sich stetig neu zu konfigurieren.

Die Stiftung bespielt nun den gesamten 150 Meter langen Häuserblock – einer der ersten, der nach dem Generalplan für die Stadt Paris von Baron Georges- Eugène Haussmann im 19. Jahrhundert realisiert wurde – und fügt sich so auf bemerkenswerte Weise in die urbane Textur der Stadt ein.

Fondation Cartier, © Jean Nouvel / Adagp, Paris, 2025, Foto © Martin Argyroglo

Fondation Cartier, © Jean Nouvel / Adagp, Paris, 2025, Foto © Martin Argyroglo

Mit dem Adresswechsel aus dem 14. Arrondissement ist die Fondation Cartier mitten ins (touristische) Herz von Paris übersiedelt. Gegründet wurde sie 1984 von Alain Dominique Perrin, damaliger Präsident von Cartier, sie gilt als erste rein unternehmensfinanzierte Stiftung für zeitgenössische Kunst in Frankreich. Bis 1993 war die Stiftung auf dem ehemaligen Montcel-Gut in Jouy-en-Josas (Yvelines) südwestlich von Paris ansässig, wo sie eine Artist Residency betrieb. In den frühen 1990er-Jahren erwarb sie dann – nachdem das Gebäude des ehemaligen American Center am Boulevard Raspail frei wurde – ein neues Domizil in Paris. Bereits für dieses Projekt zeichnete Jean Nouvel verantwortlich; sein Neubau aus Glas und Stahl wurde 1994 eröffnet und bot rund 1.200 Quadratmeter Ausstellungsfläche – seit langem schon zu wenig für die inzwischen rund 4.500 Objekte umfassende Kunstsammlung.

8.500 Quadratmeter öffentlich zugängliche Fläche stehen nun an der neuen Adresse zur Verfügung, davon 6.500 Quadratmeter reine Ausstellungsfläche. Diese werden im Zuge der Eröffnungsausstellung großzügig bespielt. Als Referenz zogen die beiden Kuratorinnen Grazia Quaroni und Béatrice Grenier die Gebäudegeschichte heran. So war viele Jahre das „Grands Magasins du Louvre“ an der edlen Adresse untergebracht, ein beliebtes, opulentes Kaufhaus, das bis etwa 1974 in Betrieb blieb. Im Jahr 1978 wurde im Gebäude das Projekt „Louvre des Antiquaires“ eröffnet – eine Markthalle mit rund 240 Antiquitäten-Shops. Damit blieb der Ort als Handels- und Ausstellungsraum aktiv, wenn auch mit veränderter Ausrichtung.

Der Titel der Eröffnungsausstellung „Exposition Générale“ verweist auf die bewegte Geschichte des Ortes – vom Weltausstellungshotel über das Kaufhaus bis zum Antiquitätenmarkt – und zugleich auf den Anspruch, den Kunstbegriff weit zu fassen. Design, Architektur, Handwerk und künstlerische Forschung sollen hier gleichberechtigt verhandelt werden. Entsprechend beginnt die Schau mit einem architektonischen Fokus: Entwürfe und Werke von Alessandro Mendini, Jun’ya Ishigami und Freddy Mamani veranschaulichen, wie Raum poetisch, sozial oder politisch gedacht werden kann. Neben Superstars wie Ron Mueck, Damien Hirst und James Turrell, dessen Erfahrungsraum das Publikum immersiv einbindet, sind zahlreiche Positionen vertreten, die lange am Rand westlich geprägter Ausstellungsnarrative standen.

Ökologische Fragestellungen werden ebenso verhandelt wie Themen globaler Gerechtigkeit und technologischer Umbrüche – etwa in der Arbeit „Exit“ von Diller Scofidio + Renfro. Die raumgreifende Dateninstallation macht Migrationsbewegungen, Klimawandel, den Verlust sprachlicher Vielfalt und andere globale Veränderungen in animierten Weltkarten sichtbar und zeigt exemplarisch, wie Kunst wissenschaftliche Inhalte poetisch vermitteln kann.

Fondation Cartier, © Jean Nouvel / Adagp, Paris, 2025, Foto © Martin Argyroglo

Fondation Cartier, © Jean Nouvel / Adagp, Paris, 2025, Foto © Martin Argyroglo

Eindrücklich ist auch eine großformatige, organisch-mythologische Installation der brasilianischen Künstlerin Solange Pessoa aus Hühnerfedern, die das Verhältnis von Mensch, Natur und Erinnerung jenseits westlicher Bildlogiken verhandelt. Überhaupt werden politische Grenzziehungen und eurozentrische Haltungen konsequent zur Debatte gestellt. So hinterlässt auch der chinesische Künstler Cai Guo-Qiang mit seinen charakteristischen Schießpulverarbeiten einen bleibenden Eindruck: In seinen „Explosion Drawings“ verkehrt sich destruktive Energie in sinnlich erfahrbare Bildwelten. Und mit Werken von Chéri Samba oder Claudia Andujar wird nicht zuletzt die koloniale Perspektive selbst in Frage gestellt.

Insgesamt entfaltet die Schau eine bemerkenswerte Vielstimmigkeit, die eindrucksvoll zeigt, wie vielschichtig, global und diskursiv die Sammlung der Fondation Cartier mittlerweile geworden ist.

Paula Watzl

 Unter der Leitung von Chris Dercon, der nach seiner Zeit bei der Tate Modern und seiner umstrittenen Intendanz an der Berliner Volksbühne nun eine neue Balance zwischen öffentlicher Wirksamkeit und intellektuellem Anspruch sucht, positioniert sich die Fondation Cartier bewusst als Teil eines kulturellen „Biotops“. Inmitten von Louis-Vuitton-Stiftung, Bourse de Commerce und dem renovierungsbedingt geschlossenen Centre Pompidou versteht sie sich als „infra-disziplinärer“ Ort – eine Referenz an Alexander Kluge. Ziel ist nicht Konkurrenz, sondern Vernetzung. Im Interview mit der Welt erklärt Dercon, Paris sei heute „ganz oben auf der Sinuskurve“ der internationalen Kunstlandschaft.

Die langen Schlangen vor dem neuen Ausstellungshaus scheinen ihm recht zu geben. Kuratorisch ist hier jedoch gewiss noch wesentlich mehr möglich, als die Eröffnungsausstellung aufschlägt. Sie ist vor allem lustvoll, laut und divers, aber lässt da und dort eine tiefer gehende, weiter gefasste Auseinandersetzung vermissen. Die „Exposition Générale“ ist vor allem auch ein freudvolles Erproben der neuen Bühne. Jean Nouvels Architektur ist die Hauptdarstellerin der Eröffnungsshow – und der architektonische Möglichkeitsraum der kommenden kuratorischen Jahre macht jetzt schon Lust auf ein Wiedersehen in neuer Form. Mit seiner Wandelbarkeit passt das neue Haus perfekt in unsere Zeit unstillbaren Unterhaltungsappetits. „Dieser leere Raum wird zum Ort des Ausdrucks – ein Versprechen endloser Möglichkeiten“, beschreibt Jean Nouvel seine Idee für das Gebäude (Fondation Cartier, Press Kit, 2025). Mit Ibrahim Mahama, gerade noch zu Gast in der Wiener Kunsthalle, ist für Herbst 2026 bereits ein nächstes großes Projekt angekündigt.

Blick von Platform 2, zu sehen Arbeiten von Ron Mueck, Solange Pessoa und Olga de Amaral, Foto: Cyril Marcilhacy, Ron Mueck / Bildrecht, Wien 2025

Blick von Platform 2, zu sehen Arbeiten von Ron Mueck, Solange Pessoa und Olga de Amaral, Foto: Cyril Marcilhacy, Ron Mueck / Bildrecht, Wien 2025


EXPOSITION GÉNÉRALE


Fondation Cartier Paris
bis 23. August 2026

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PARNASS 04/2025

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