Meisterwerke #13

Ein Anblick zum Schreien | Munchs Meisterwerk

Zerbrechlich wirkt die glatzköpfige Gestalt im Vordergrund, bedrohlich und kompromisslos die gewaltige Natur. Farblich scheint hier ebenso wenig zusammenzupassen: Ein blutroter Flammenhimmel trifft auf eine blaue kalte Fjordlandschaft, schräg durch das Bild führt ein Steg ins Nirgendwo. Das Ergebnis: Existenzielles Unwohlsein, eine Panikattacke des Fin de Siècle und der Geburtsschrei des Expressionismus.


1892 notiert Edvard Munch in seinem „violetten Tagebuch“: „Ich ging den Weg entlang mit zwei Freunden – die Sonne ging unter – der Himmel wurde plötzlich blutig rot – […] die flammenden Wolken wie Blut und Schwert – den blauschwarzen Fjord und die Stadt – Meine Freunde gingen weiter – ich stand da zitternd vor Angst – und ich fühlte etwas wie einen großen, unendlichen Schrei durch die Natur.“

Der Schrei (norwegisch Skrik, deutsch ursprünglich auch Geschrei)

Edvard Munch (18631944)

Datum: 1893

Format: 91 cm x 73,5 cm

Heute: Munch Museum Oslo/Norwegische Nationalgalerie Oslo

Edvard Munch, Der Schrei, 18893, 91 cm x 73,5 cm, Munch Museum Oslo/Norwegische Nationalgalerie Oslo (Detail)

Expressiv und verzerrt äußert sich dieser Urschrei der Natur, selbst die visuelle Ebene wird dabei durcheinandergewirbelt. Eruptive Schallwellen hallen durch das Bild, durchströmen sogar den geschlechtslosen Körper des archetypischen Protagonisten. Unfreiwillig scheint er zwischen die Fronten von Himmel und Erde geraten zu sein, erschrocken reißt er Augen und Mund auf, hält sich mit knöchernen Fingern die Ohren zu.

Farbstrudel haben die Welt aus den Angeln gehoben. Alles wirbelt und vibriert, die Seele wird zur Landschaft, Klang und Emotion verschmelzen zur Einheit, schwach und vergänglich steht der Mensch dem übermächtigen Naturgeschehen gegenüber.

Nur die beiden Spaziergänger im hinteren Teil des Gemäldes scheinen von dem universellen Kampf nichts mitzubekommen – unbeteiligt und abgestumpft durchwandern sie die Szenerie. Denn scheinbar will Munch vor allem eines unterstreichen: Das Flirren, das Klagen und das Schreien der Natur kann nur die fühlende Künstlerseele begreifen. Hochsensibel – wie ein nackter Fötus, – ist das schaffende Individuum gleichsam in die Welt geworfen, ist den Stimmungsschwankungen jedoch gleichsam schutzlos ausgeliefert, muss sie aufnehmen, kanalisieren und als Bild verarbeiten. Nicht umsonst schreibt Munch später links oben mit Bleistift in den Himmel: „kan kun være malet af en gal mand“/„kann nur von einem verrückten Mann gemalt worden sein“.

Bis heute fasziniert der universelle Schauer, der von diesem Werk ausgeht: Hollywood etwa hat Munchs Gemälde als Vorlage für die Maske in den „Scream“-Horrorfilmen genommen und selbst das Emoji „face screaming in fear“ ist dem "Schrei" nachempfunden.

Edvard Munch, Der Schrei, 18893, 91 cm x 73,5 cm, Munch Museum Oslo/Norwegische Nationalgalerie Oslo

Unzählige Pressemeldungen haben die Berühmtheit des Werkes noch zusätzlich befeuert: Mehrfach ist das Tempera-Gemälde gestohlen und schwer beschädigt worden. 2012 sorgte auch die Pastellversion für einen Aufschrei: Bei Sotheby‘s für knapp 120 Millionen US-Dollar versteigert, erzielte es den damals höchsten Preis bei einer Kunstauktion.

Aktuell wird der "Schrei" für die Neueröffnung des Nationalmuseums in Oslo 2022 vorbereitet. Das neue Munchmuseum Oslo eröffnet bereits im Herbst diesen Jahres.

 

Literatur:

Anni Carlsson: Edvard Munch. Leben und Werk. Belser 1989

Hilde Zaloscer: "Der Schrei". Signum einer Epoche. Das expressionistische Jahrhundert. Bildende Kunst, Lyrik und Prosa, Theater. Brandtstätter 1985

Karl Ove Knausgård: So viel Sehnsucht auf so kleiner Fläche. Edvard Munch und seine Bilder. Luchterhand 2019

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