Ed Atkins, Safe Conduct, 2016
, Drei-Kanal-HD-Video mit 5.1 Surround Sound, 9:05 Min., Loop, Videostill | Courtesy of the artist, Galerie Isabella Bortolozzi, Berlin, Cabinet Gallery, London, Gavin Brown’s Enterprise, New York, Rom, und dépendance, Brüssel © Ed Atkins

Vielleicht um sich seine eigenen Ängste und Obsessionen abzutrainieren, erschafft sich der britische Medienkünstler Ed Atkins eine dystopische Welt, bevölkert von virtuell gezeugten Dummies, um menschliche Emotionen auf allen vier Geschossen des Bregenzer Kunsthauses radikalen Crashtests auszusetzen.


Während dem Besucher bereits beim Betreten des Kunsthauses Ravels „Bolero“ in ohrenbetäubender Lautstärke entgegenschallt, scheint er gleich darauf in der Abfertigungshalle eines Flughafens zu landen – der Tresen samt Kassa wurde für die Dauer der Schau ins Untergeschoss verbannt. Laufbänder drehen sich auf großen Bildschirmen in dem Drei-Kanal-Videoloop „Safe Conduct“ im Kreis.

Ein Avatar, der unübersehbar große Ähnlichkeit mit seinem Schöpfer hat, entledigt sich in weiße Schalen seiner selbst, indem er in dem neunminütigen Video, das wie eine Parodie auf ein Sicherheitsdemonstrationsvideo irgendeines Flughafens daherkommt, seine Haut, seine Augäpfel, seine Hände und sein Gehirn in diese wirft, bevor er sich das Herz aus dem makellos glatten Leib reißt, seine Gedärme und sein Blut in die Schalen ergießt. Was übrig bleibt, ist eine ihrer individuellen Würde entleerte Hülle. Einem Einstieg in eine Maschine der British Airways steht nun nichts mehr im Weg.

Es sind verstörende Bilder, die der 37-jährige Brite seinem Publikum zumutet, wobei das Erschrecken über das Gesehene durch deren oberflächlich perfekte Schönheit relativiert wird. Was er mache, habe sehr viel mit ihm, seinen Ängsten und Obsessionen zu tun, sagt der auch schreibende und zeichnende Künstler, um, vielleicht als Ausdruck britischen Humors, dem Besucher seiner Ausstellung dann doch zu raten, das Gesehene nicht allzu ernst zu nehmen.

Frauen fehlen in diesem künstlichen Universum komplett, genauso wie männliche Superhelden.

Edith Schlocker

Der mit dem Virtuellen aufgewachsene Ed Atkins beherrscht dessen Handwerkszeug perfekt, um gleichzeitig Angst davor zu haben. Vor der Einsamkeit, die das Flüchten in künstlich generierte Welten mit sich bringt, vor menschlicher Beziehungslosigkeit, existenzieller Hoffnungslosigkeit. Frauen fehlen in diesem künstlichen Universum komplett, genauso wie männliche Superhelden.

Wie sehr Atkins an unserer auf Hochglanz getrimmten Zeit leidet, zeigt sein „Food-Porn“, verkürzt zum surrealen, mit Versatzstücken der Wirklichkeit gefüllten Hamburger. Wirklich berührend ist dagegen die Videoinstallation „Happy Birthday!“, in der sich der Künstler in einem schmerzhaften Prozess mit dem Verlust seines Vaters auseinandersetzt. Die Bilder sind grau und diffus, das Gefühl der Sanftheit wechselt mit dem von existenzieller Verzweiflung – und dazu schnulzt Elvis: „You are always on my mind.“


Den vollständigen Artikel lesen Sie in unserem PARNASS 1/2019.

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