Drei Gründe, warum der »Salvator Mundi« nicht von Leonardo ist

Leonardo da Vinci (zugeschrieben) | Salvator Mundi, um 1500, Öl auf Holz | Department of Culture and Tourism, Abu Dhabi / commons.wikipedia.org

Am 15. November 2017 wurde der „Salvator Mundi“ für 400 Millionen Dollar im Auktionshaus Christie’s in New York versteigert. Bei zahlreichen Kunsthistorikern und Kunsthistorikerinnen war die Zuschreibung an Leonardo umstritten. Für den aktuellen PARNASS 4/2019 gab uns Professorin Martina Pippal einen Einblick warum.


Ein Argument für Leonardos Autorschaft war die transparente Kugel in des Heilands linker Hand: das Zeichen seines Königtums und Symbol der Welt. Aufgrund der kleinen Flecken und Einschlüsse scheint die Sphaira aus Bergkristall zu bestehen; hierin äußere sich Leonardos Interesse an Mineralien und Stofflichkeit ebenso wie an den Gesetzen der Optik. Dies implizierte, nur Leonardo habe dieses Objekt so perfekt malen können.


1. Nicht nur Leonardo konnte so malen

In den Gemälden, die im 15. Jahrhundert in den Niederlanden geschaffen wurden, wandeln Christus, die Gottesmutter und die Heiligen in der zeitgenössischen Welt der – meist bürgerlichen – Auftraggeber. Und diese ist voll edler Materialien. So hält das Christuskind, dem sich der Kanzler Nicolaus Rolin betend zuwendet (Jan van Eyck, um 1435; Paris, Musée du Louvre), eine kleine Bergkristallkugel mit einem goldenen Edelstein- und Perlenkreuz in seiner Linken.

Das malerische Können zur Wiedergabe von Bergkristall- und Glasgegenständen verbreitete sich rasch in der Region, aber auch in Deutschland. In Italien gelangte es vom Anjou-Hof in Neapel nach Norditalien: Antonello da Messina hat es 1475/76 auf seinem Altar für die Kirche San Cassiano in Venedig (Fragmente: Wien, Kunsthistorisches Museum) selbstbewusst beim Bischofsstab des hl. Nikolaus eingesetzt. Um 1500, in der präsumtiven Entstehungszeit des New Yorker „Salvators“, gehörte die technische Fähigkeit zur Darstellung von Glas etc. in der italienischen Malerei zum Allgemeingut.


2. Der Maler war offensichtlich nicht an Optik interessiert

Was die optische Verzerrung durch Kristall- und Glaskugeln betrifft, kann jeder Folgendes leicht ausprobieren: Blickt man durch eine Bergkristall- oder eine massive Glaskugel oder einen kugelförmigen, mit Wasser gefüllten Hohlkörper auf weit Entferntes, erscheint dieses in der Kugel stark verkleinert und auf dem Kopf stehend. Diese Vergrößerung und Verzerrung gibt es beim „Salvator“ nicht; die Falten verlaufen hier kaum verändert hinter der Kugel weiter.

Leonardo da Vinci (zugeschrieben) | Salvator Mundi, um 1500, Öl auf Holz | Department of Culture and Tourism, Abu Dhabi / commons.wikipedia.org

Leonardo da Vinci (zugeschrieben) | Salvator Mundi, um 1500, Öl auf Holz | Department of Culture and Tourism, Abu Dhabi / commons.wikipedia.org

Dies ist nur der Fall, wenn eine Glaskugel leer ist (eine leere Bergkristallkugel ist technisch nicht herstellbar). Das heißt: Auch wenn beim New Yorker Bild die Einschlüsse und Flecken auf eine massive Bergkristallkugel schließen lassen, hält Christus hier eine leere Glaskugel in Händen, die auf ein Interesse des Malers an optischen Effekten nicht schließen lässt.

PARNASS 4/2019 | Cover: Hannes Mlenek, Installation »Zeichenhand«, 2019 | Foto: Detlef Löffler

3. Ein alter oder neuer Leonardo?

Zugegebenermaßen verweisen die Physiognomie Christi und das Sfumato (die „verrauchten“, von Halbschatten absorbierten und daher verschwommen erscheinenden Konturen) auf ihn; auch die Wiedergabe der feinen, ornamentalen, im Licht glänzenden Locken. Allerdings passen die Gesichtszüge und das Sfumato zum Spätwerk Leonardos, während sich nur der junge Leonardo, etwa bei der „Ginevra de' Benci“ (1474–76; National Gallery, Washington DC) für die präzise Formulierung des Haares interessiert hatte.

Dazu kommt, dass es Leonardo ein Anliegen war...


Wieso die Bildkomposition und ein fehlendes Lächeln weitere Zweifel an der Autorschaft aufkommen lassen, lesen Sie im vollständigen Artikel im PARNASS 4/2019.

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