Diese alternativen Art Spaces erobern Wien

Wien kann Kunst, das wissen wir. Mit ihrem dichten Künstler:innen-Netzwerk, einer reichhaltigen Geschichte und vor allem einer fest-etablierten Galerien-Struktur leibt und lebt die heimische Kunstszene. Aber auch neue Konzepte und Gegenmodelle zur klassischen Galerie sprießen hier regelmäßig aus dem Asphalt. Neben dem Davy Art Space haben diese zwei alternativen Kunsträume unsere Aufmerksamkeit besonders auf sich gezogen.
KUNST AB HINTERHOF
Wer zwischen dem Brunnenviertel und Neulerchenfeld auf der Thaliastraße stadtauswärts unterwegs ist, hat es fast geschafft. Ein wenig abseits des großen Getümmels liegt »die Schöne«, ein Name, den der Marketing- und Werbefachmann Michael Ledl dem Gebäude vor Jahren gegeben hat, damals, als die Ottakringer Brauerei ihm und seinen Mitstreiter:innen die zweistöckige Industriehalle samt Innenhof zur Miete überlassen hat. Seit dieser Zeit betreibt eine Gruppe kunstaffiner Idealist:innen an diesem Standort eine Online-Plattform für zeitgenössische Kunst mit öffentlich zugänglichem Archiv, mit Galerie und Atelierräumlichkeiten, einer Bar und einem Grafik- und Printstudio.

© Kunst ab Hinterhof
Rudolf Fitz, Manuel Skirl, Linda Steiner, Hannah Franke und Markus Tozzer sind nur einige der mehr als 100 Künstler:innen, deren Arbeiten von Editionen bis zu Originalen auf Leinwand, online, auf Messen, Ausstellungen und im hauseigenen Showroom zu sehen sind, und mit denen das Team des KaH (KUNST AB HINTERHOF), allen voran Daniel Renz, permanent in Kontakt ist. Im Archiv sticht ein halbes Auto ins Auge, das als Ausstellungsfläche dient, dahinter, darüber, daneben jede Menge Kunst an Wänden und in Regalen.
Renz zeigt uns die fiktiven, urbanen Realitäten, die auf Rudolf Fitz’ Bildern zu sehen sind, er führt uns zu den großformatigen, eindrücklichen Ölmalereien des Litauers Justas Pranevicius und zu bunten, lauten Gemälden der aus dem Iran stammenden Azadeh Vaziri, die sich mit dem Frauenbild ihrer Heimat und den westlichen Einflüssen darauf beschäftigt. Auch einer der Begründer von KaH im Jahr 2019, Florian Appelt, ist mit seiner neuen Werkserie vor Ort vertreten und nutzt eine Werkstatt im oberen Stockwerk als Atelier. Hier experimentiert er mit expandiertem Polystyrol, Epoxidharz, Acryl, Pigmenten, Stahl und Holz, um körperhafte Objekte zu schaffen.
Die Initiative wird von einigen namhaften Mäzenen unterstützt. Es sind Unternehmer, die aus dem Musik-, Architektur-, Event- oder Gastronomiebusiness kommen und der Plattform finanziell den Rücken stärken. Ein kleines Team ist vor Ort, sondiert Kunst und Künstler:innen, managt die technischen und bürokratischen Herausforderungen, wickelt Verkäufe ab und ganz wichtig: stellt die Homepage auf neue Beine. Für alle vertetenen Künstler:innen soll es zukünftig ein eigenes, aufschlussreiches Online-Portfolio geben. Zusätzlich ist auch die Siebdruck-Werkstatt im ersten Stock besetzt. Sie sorgt für leistbare Prints »für Menschen, die sich erst an Kunst herantasten«, wie Daniel Renz sagt.
Ein klares Konzept liegt auch der Auswahl der Künstler:innen zugrunde. Nicht das Renommee zählt, sondern die Hingabe, das Engagement, die Leidenschaft sind für das Team von KaH entscheidend. Und meist entwickelt sich eine langjährige Begleitung. Eine Besonderheit von KaH sind die monatlichen »Gelage«. An einer langen Tafel kommen Künstler:innen, Kunstinteressierte und Sammler:innen zusammen, um sich bei exquisiter Bewirtung auszutauschen. Alles dem Credo von niederschwelligem, direktem Kontakt zu interessanten Positionen zeitgenössischer Kunst folgend.
KUNST AB HINTERHOF
Kuffnergasse 7, 1160 Wien
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© Kunst ab Hinterhof
SEHSAAL
Mitten in Margareten, nicht weit vom pulsierenden Teil des fünften Wiener Gemeindebezirks entfernt, befindet sich der »sehsaal«, ein Verein zur Förderung experimenteller Raumkunst. In einem unscheinbaren Hinterhof herrscht das ganze Jahr über reges Treiben. Seien es die Vernissagen, die Finissagen, diverse externe Projekte oder hauseigene Artist-Talks, die jede Menge Interessierte hierherlocken, ebenso wie das Atelier der Gründerin des sehsaals, der Künstlerin Barbara Höller, in dem die Brainstormings des fünfköpfigen Teams stattfinden, das dieses Kunstraumprojekt passioniert und professionell führt.

Stefanie Wilhelm, Kein Bild, sehsaal, 2024, © Stefanie Wilhelm / Bildrecht, Wien 2026
Barbara Höller und ihr Mann, der Architekt Konrad Rautter, haben den sehsaal 1 bereits in den 1990er-Jahren im benachbarten Gumpendorf in der Luftbadgasse aus der Taufe gehoben, zehn Jahre lang betrieben und danach bis 2016 ruhend gestellt, solange ihr Kind noch klein war. sehsaal 2 befindet sich in der Zentagasse. Hier wie dort und heute wie damals geht es Barbara Höller in erster Linie um raumbezogene Installationen. Es sollte ein Non-Profit-Space für experimentelle Kunst sein. Malerei, Bildhauerei, Performance oder auch Film können hier gezeigt werden.
Es ist eine große Befriedigung etwas zu programmieren und auszustellen, das mitten im Kunstdiskurs steht, aber parallel zur etablierten Galerienszene läuft.
»Wir geben als Team den thematischen Rahmen vor, wir recherchieren im Vorfeld aufwändig, welche Künstler:innen ins Programm passen, wen wir einladen, ein Ausstellungskonzept zu erstellen, und dann geben wir größtmögliche Freiheit und Unterstützung «, erklärt Daniel Amin Zaman, einer der Mitstreiter, die Vorgangsweise. Das Thema dieses Jahres war »Wiederholung «, was sich sowohl auf die künstlerische Praxis der einzelnen Teilnehmer:innen als auch »auf die psychologische Verortung in der Welt bezieht«, wie Zaman sagt. 2026 lautet das Motto »In Through the Back Door.« Die ausgewählten Positionen »nähern sich thematisch nicht mit dem Vorschlaghammer, sondern durch die Hintertür und mit der feinen Klinge« erhofft und erwartet er sich.
Zaman ist selbst als Künstler tätig und verbindet in seiner Arbeit die philosophischen Ansätze seiner indischen Wurzeln mit jenen des Westens in Form von skulpturalen Installationen. Sein Atelier teilt er sich mit Christiane Reiter, die ebenfalls Teil des sehsaal-Kunstraumprojekts ist. Sie arbeitet fast ausschließlich mit Buntstiften. »Ich erstelle vorab genau definierte Regeln, an die ich mich binde, und führe diese im Anschluss seriell in intensiven Arbeitseinheiten großflächig aus«, beschreibt Reiter ihren künstlerischen Prozess.
Ebenso interessant sind die geometrischen Arbeiten von Barbara Höller, die in ihrem Atelier einen Stock über dem sehsaal entstehen. »Kombinatorik ist etwas, was mich total fasziniert und interessiert«, erzählt die Künstlerin, während sie über ihre mehrteiligen Arbeiten spricht, die in unterschiedlichen Kombinationen gesehen und verstanden werden können und sich teilweise auch über den Bildraum hin ausdehnen.
Gemeinsam hat das Team die künstlerischen Interventionen für das kommende Jahr ausgewählt. Lisa Reiter, eine junge Künstlerin, die unter anderem raumbezogene Objekte aus Papier macht, Fabian Seiz, »der einen subtilen Zugang wählt, indem er beispielsweise bereits vollendete Werke zerstört, um sie dann in eine neue Ordnung zu bringen«, wie das Kurator:innenteam beschreibt, oder Heribert Friedl, ein Künstler, der seine oft installativen Werke aus Gerüchen, Sound, Malerei und Sprache kreiert – um nur einige der eingeladenen Positionen zu nennen. Als ich Barbara Höller frage, was sie antreibt, ist die Antwort sehr klar: »Es ist eine große Befriedigung etwas zu programmieren und auszustellen, das mitten im Kunstdiskurs steht, aber parallel zur etablierten Galerienszene läuft. Wir bewegen uns unterhalb dieses Radars. Aber mindestens so gut, wenn nicht teilweise sogar besser und interessanter.«
SEHSAAL
Zentagasse 38 | 1050 Wien
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Markus Guschelbauer, I Never Promised You A Rose Garden, sehsaal, 2023, Foto: © Markus Guschelbauer / Bildrecht, Wien 2025
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