Edvard Munch, Alter Fischer mit Tochter, 1902, Städel Museum, Frankfurt am Main, Eigentum des Städelschen Museums-Vereins e.V.

Die Badeseen sind abgekühlt, die Freiluftausstellungen besucht, nun kommt wieder die Zeit der Museen und Ausstellungshäuser. Tipps für eine kunstvolle Herbstplanung in Deutschland von Uta Baier. 


Zu Ehren eines Klangsammlers - Ryuichi Sakamoto in Berlin 

Er versuchte den Klang der Welt einzufangen – im ewigen Eis, zu Hause in Japan, im Wald. Ryuichi Sakamoto (1952-2023) gilt nicht nur als Pionier der elektronischen und experimentellen Musik, er hat Filmmusik (zum Beispiel für „Der letzte Kaiser“) komponiert, zwei Opern geschrieben und Klangräume geschaffen. Vor allem die werden in der ersten Retrospektive in Europa zu Ehren des 2023 gestorbenen Musikers im Hamburger Bahnhof – Nationalgalerie der Gegenwart in Berlin vorgestellt. Darunter ist auch seine Arbeit „IS YOUR TIME“ von 2017, in der er ein im Tsunami zerstörtes Klavier und seismologische Daten zu Klängen kombiniert. 

"Ryuichi Sakamoto. seeing sound, hearing time"
Berlin, Hamburger Bahnhof – Nationalgalerie der Gegenwart | 11. September bis 20. Juni 2027

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Carsten Nicolai, Musik von Ryuichi Sakamoto, ENDO EXO, 2024, © 2024 KAB Inc. Foto: Takeshi Asano

Carsten Nicolai, Musik von Ryuichi Sakamoto, ENDO EXO, 2024, © 2024 KAB Inc. Foto: Takeshi Asano


Kunst und Kosmos im Arp Museum Bahnhof Rolandseck

Das Unwirtliche, Lebensfeindliche von Sonne, Mond und Sternen interessiert Kosmosbegeisterte und Weltallfaszinierte nicht. Sie spielen mit den Möglichkeiten, einer neuen, einer besseren oder zumindest einer anderen Welt. Die skeptischeren Beobachter erwarten weniger Gutes und staunen trotzdem. Egal, wie wichtig oder gleichgültig der Kosmos erscheint, er inspiriert die Kunst. 100 Werke mit Kosmosbezug versammelt das Arp Museum Bahnhof Rolandseck jetzt in seiner Ausstellung „Zu den Sternen! Weltraum und Weltflucht seit der Moderne“. Gezeigt werden zum Beispiel Arbeiten von Max Ernst und Silvie Fleury, Sophie Taeuber-Arp, El Lissitzky, Bjorn Melhus und Emma Talbot. 

Sehr schön ist in der Ausstellung zu sehen, dass keine Zeit nur positiv oder nur ängstlich ins All sah – technikaffine Konstruktivisten sahen Chancen, Dadaisten und Surrealisten erprobten einen spielerischen Ausweg ins All, die Künstler der 21. Jahrhunderts sehen vor allem die Raumfahrt kritisch und machen sie doch zum Thema ihrer Arbeiten. Aber egal, wie Künstlerinnen und Künstler ins All sahen und sehen – es inspiriert sie.

"Zu den Sternen! Weltraum und Weltflucht seit der Moderne"
Remagen, Arp Museum Bahnhof Rolandseck | bis 10. Januar 2027

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Ausstellungsansicht "Zu den Sternen!" mit Emma Talbots "Generative Plants" (2023) und "Spaceship Earth" (2022), Arp Museum, 2026, Foto: David Ertl

Ausstellungsansicht "Zu den Sternen!" mit Emma Talbots "Generative Plants" (2023) und "Spaceship Earth" (2022), Arp Museum, 2026, Foto: David Ertl


„Feine Herrschaft“ der Kunst in Aschersleben 

Heimatstädte können für lebenslange Liebe und ebenso langen Hass stehen. Bei Neo Rauch ist es eindeutig Liebe zu Aschersleben, einer kleinen Stadt am Rand des Harzes. Dort wuchs er auf, von dort ging er nach Leipzig, um zu studieren und ein international erfolgreicher Maler zu werden. Vor 14 Jahren gründete er in Aschersleben die Grafik Stiftung Neo Rauch. Sie ist eine Institution geworden, die sein grafisches Werk sammelt und jedes Jahr eine neue Ausstellung zeigt. Anfangs wurden „nur“ Rauchs Arbeiten vorgestellt, später auch die seines Vaters, von Kollegen, Schülern, Künstlerfreunden. In diesem Jahr hat Neo Rauch Jonathan Meese eingeladen, mit ihm gemeinsam unter der Überschrift „Feine Herrschaft“ auszustellen. Dass der laute, provokative Meese und der verrätselte Rauch Gemeinsamkeiten haben könnten, liegt nicht auf der Hand. Haben sie aber, denn für die Ausstellung arbeiteten sie sogar für zwei Blätter zusammen.

"Feine Herrschaft"
Aschersleben, Grafikstiftung Neo Rauch | bis 25 April 2027 

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Neo Rauch, Die Idee, 2025, Öl auf Papier, 245 x 197,5 cm, Courtesy Galerie EIGEN+ART Leipzig/Berlin; David Zwirner, © Neo Rauch VG Bild-Kunst, Bonn 2026, Foto: © Uwe Walter, Berlin

Neo Rauch, Die Idee, 2025, Öl auf Papier, 245 x 197,5 cm, Courtesy Galerie EIGEN+ART Leipzig/Berlin; David Zwirner, © Neo Rauch VG Bild-Kunst, Bonn 2026, Foto: © Uwe Walter, Berlin


Der Zufall als Prinzip – Simon Hantaï in Baden-Baden

Der Titel ist Programm: „Entfaltung der Farbe“ heißt die neue Ausstellung im Museum Frieder Burda. Es ist die erste Ausstellung seit 25 Jahren, die sich dem Werk des ungarisch-französischen Künstlers Simon Hantaï (1922-2008) widmet. Hantaï fügte den verschiedenen Spielarten abstrakter Kunst seit den 1960 Jahren seine durch „Pliage“ entstandenen Leinwände hinzu. Dafür faltete, zerknitterte, knotete er die Leinwand bevor er sie mit Farbe bearbeitete. Die Zufallsmuster auf den entfalteten Stoffen wurden sein Markenzeichen. 40 dieser leuchtend farbigen, monumentalen Arbeiten zeigt das Museum Frieder Burda in Baden-Baden und erinnert an einen Künstler, der selten in Museumsausstellungen gezeigt, aber fleißig gesammelt wurde. Ein Großteil der Arbeiten kommt aus Privatbesitz und macht die Ausstellung einmalig. 

„Entfaltung der Farbe“
Baden-Baden, Museum Frieder Burda | bis 10. Januar 2027

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Simon Hantaï, Étude, 1968, Öl auf Leinwand / Oil on canvas, 230 × 203 cm, Privatsammlung / private collection © Archives Simon Hantaï/ VG Bild-Kunst, Bonn 2026, Foto: Courtesy Gagosian/Thomas Lannes

Simon Hantaï, Étude, 1968, Öl auf Leinwand / Oil on canvas, 230 × 203 cm, Privatsammlung / private collection © Archives Simon Hantaï/ VG Bild-Kunst, Bonn 2026, Foto: Courtesy Gagosian/Thomas Lannes


Gegen das Vergessen – jüdische Sammlungen in Hamburg

Lange waren die jüdischen Kunstsammler des 20. Jahrhunderts in Deutschland vergessen, aus der Öffentlichkeit verschwunden, unbekannt. Mit der Washingtoner Erklärung von 1998 begann sich zumindest die Forschung mit ihnen und ihren Sammlungen zu beschäftigen. Viele Restitutionen, Diskussionen und Gerichtsverhandlungen später ist bekannt, wie bedeutend die Sammlungen jüdischer Kunstliebhaber waren. Doch wer diese Sammlerinnen und Sammler waren, wie und was sie sammelten und welches Schicksal sie erlitten, ist bis heute oft unbekannt. 
Das Bucerius Kunst Forum in Hamburg, ein Ausstellungshaus ohne eigene Sammlung und damit unbelastet, widmet sich ab 11. September unter dem Titel: „Von Monet bis Picasso. Jüdische Kunstsammler:innen in Deutschland“ 15 Sammlungen. Anhand von 100 Kunstwerken des Realismus, Impressionismus, des Expressionismus und der Neuen Sachlichkeit will die Ausstellung an die „wegweisende Rolle“ jüdischer Sammler wie Paul und Clothilde Schüler, Rosa Schapire oder der Familie Hirschland für die Etablierung moderner Kunst  erinnern. Gezeigt werden Arbeiten von Cézanne und Hodler, Kirchner und Beckmann, Monet und Picasso. 
Jede Sammlung bekommt in der Ausstellung einen eigenen Raum, jedes Schicksal wird anhand von Fotos, Dokumenten, Briefen nacherzählt. Vergessen ist dann nicht mehr möglich. 

"Von Monet bis Picasso. Jüdische Kunstsammler:innen in Deutschland"
Hamburg, Bucerius Kunst Forum 11. September bis 29. März 2027

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Wladimir von Zabotin, Sonntagmorgen in Danzig, o. J., Kunsthalle Mannheim, Schenkung William Landmann, Toronto, 1973 © Sammlung Emma Zabotin

Wladimir von Zabotin, Sonntagmorgen in Danzig, o. J., Kunsthalle Mannheim, Schenkung William Landmann, Toronto, 1973 © Sammlung Emma Zabotin


Hinter den Wänden Wände, in den Zimmern Zimmer – Gregor Schneider in Düsseldorf 

Seit Gregor Schneider sein „Totes Haus u r“ 2001 nach Venedig transportierte, kennt und bewundert ihn die internationale Kunstwelt. Dabei ist Gregor Schneider ein so lokal verwurzelter Künstler wie wenige. In seinem Heimatort Rheydt, einem Stadtteil von Mönchengladbach, hat er ein Haus umgebaut, vervielfacht, transformiert. Von diesem Haus geht seine künstlerische Arbeit aus, in diesem Haus baut er Räume und schafft so eine Welt hinter der Welt, die aussieht wie die Wirklichkeit und doch nur deren Verdopplung ist. Nah bei Schneiders „Haus u r“ befindet sich das Geburtshaus von NS-Propagandaminister Joseph Goebbels, das der Künstler kaufte und bearbeitete. Erst wohnte er dort und dokumentierte und kartierte es, danach entkernte er das Haus, so dass nur noch die Außenmauern stehenblieben. Im Zentrum stand die Frage nach dem Umgang mit der Vergangenheit und nach der Wirkung von exorzistischen Praktiken.
Die Kunsthalle Düsseldorf widmet dem Künstler nun eine umfassende Ausstellung, in deren Zentrum das „Haus u r“, seine verdoppelten Räume, Fotos, Videos und Live-Stream-Projektionen aus dem Haus stehen. 

"Gregor Schneider. Haus u r 2026"
Düsseldorf, Kunsthalle 17. Oktober bis 17. Januar 2027 

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Gregor Schneider, © VG Bild-Kunst, Bonn 2026

Gregor Schneider, © VG Bild-Kunst, Bonn 2026

→ BONUS-TIPP KUNSTHALLE DÜSSELDORF:

In "Enter and Dissolve" zeigt PARNASS Up&Coming-Künstlerin Emmélie Lempert noch bis 20.09.2026 textile Arbeiten, die zwischen Menschlichkeit und Transparenz oszillieren. 
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