Die Finger in die Wunden unserer Zeit legen

Ob sie in Zeiten des Klimawandels und kriegerischer Auseinandersetzungen eine Lichtinstallation mit dem Titel »from Moscow with love« erleuchtet, Seismographen aus NATO-Gewehrpatronen mit poetischen und gleichzeitig ironischen Botschaften herstellt oder bei der 60. Biennale di Venezia fragile Figuren aus dem »Mensch ärgere Dich nicht«-Spiel in ein überdimensionales Bassin stellt und damit symbolisch andeutet, dass uns das Wasser bis zum Hals steht, stets erweist sich die Wiener Künstlerin Sabine Wiedenhofer als kritische Zeitzeugin.
2025 wagt sie sich auf neues Terrain, legt dieses aber nicht minder politisch an. Im Auftrag des Stadttheaters Klagenfurt entwarf sie für Guiseppe Verdis »Messa da Requiem« Bühnenbild, Licht und Kostüm und machte aus Verdis Requiem eine »Messe für die Menschheit«.
Verdi spielte bereits unter dem Eindruck des Todes von Gioachino Rossini 1868 mit der Idee einer Totenmesse, die jedoch nicht zustande kam. Als 1873 der Dichter Alessandro Manzoni starb, eine Identifikationsfigur der italienischen Nationalbewegung, griff Verdi auf die Idee der Totenmesse zurück und schrieb die »Messa da Requiem«. Die Uraufführung fand am ersten Todestag Manzonis in der Mailänder Kirche San Marco statt. Im Juni 1875 stellte Verdi die »Messa da Requiem « auch an der Wiener Hofoper vor.
Wiedenhofer hat sich eingehend mit dem lateinischen Text und der Geschichte des Requiems beschäftigt. Bombastisch und bedrohlich hat Verdi die sieben Todsünden, das Flehen um Erbarmen und das Bitten um Vergebung in einem monumentalen Werk zum Erklingen gebracht.
Doch ist es nicht vermessen, angesichts der vielen Toten, die täglich in den Kriegen der Welt oder durch Umweltzerstörung sterben, ein Requiem für eine einzelne Person zu schreiben?, fragt sich Sabine Wiedenhofer. Denn 150 Jahre später haben die Todsünden – Neid, Völlerei, Habgier, Wollust, Hochmut, Trägheit und Zorn – die Menschheit an den Abgrund ihrer eigenen Existenz geführt. Die Elemente des Lebens schlagen zurück und werfen den Menschen von der Erde. Sie wird weiterbestehen, doch ob sie für den Menschen noch bewohnbar ist, bleibt offen. Unmissverständlich zeigt Sabine Wiedenhofer den Menschen als Akteur und Verursacher von Krieg und Umweltsünden.

Sabine Wiedenhofer, Messa da Requiem, Foto: Courtesy the artist
Es liegt an uns, an jedem und jeder Einzelnen und an der Gemeinschaft, etwas zu ändern und zu handeln.
Der aus 100 Personen bestehende Chor des Stadttheaters Klagenfurt tritt in weißen Totentüchern auf die Bühne. Die auf ihn gerichtete Projektion zeigt die Ergebnisse menschlicher Ausbeutung: steigende Meeresspiegel, Waldbrände, Überschwemmungen, Artensterben, Radioaktivität, Klimawandel, Krieg und Zerstörung. Symbolisch für die vier Elemente des Lebens stehen vier Solist:innen, Hohepriester:innen, die im Interesse der Menschen um Gnade vor Gottes Zorn flehen.
Mit dem Bühnenbild setzt Sabine Wiedenhofer das bedrohliche Donnergrollen, die lodernden Flammen des Fegefeuers und das jämmerliche Wimmern um Vergebung vor dem Weltenrichter spektakulär in Szene. Ist dies die Totenmesse unseres Planeten? Oder erhält die Menschheit die Chance zur Umkehr und damit den Segen der Vergebung? Es liegt an uns, an jedem und jeder Einzelnen und an der Gemeinschaft, etwas zu ändern und zu handeln, so die Künstlerin. Wiedenhofer gelingt es durch ihre Interpretation, die »Messa da Requiem« in die Gegenwart zu holen und ihr eine neue, erschreckend brisante Thematik zu geben.

Sabine Wiedenhofer, 2025, © Katharina Schiffl
