Die eigenen Wurzeln ergründend: Neo Rauch im Interview

© Neo Rauch, VG Bild-Kunst, Bonn | Courtesy Galerie EIGEN+ART, Leipzig/Berlin & David Zwirner, New York/London/Hong Kong |  Foto: Uwe Walter, Berlin

Neo Rauch Neo Rauch gilt als einer als der bekanntesten Maler der Neuen Leipziger Schule und zählt zu den wenigen Künstlern, denen das Metropolitan Museum of Art in New York bereits zu Lebzeiten eine Ausstellung widmete. Sammler wie Kunsttheoretiker setzen seine Malerei gerne in Verbindung mit dem Surrealismus oder dem Begriff einer postmodernen Aneignung von Vergangenheit.


Geboren 1960 in Leipzig, studierte Neo Rauch an der Leipziger Hochschule für Grafik und Buchkunst bei Professor Arno Rink, dessen Professur er von 2005 bis 2009 übernahm, bis 2014 war er Honorarprofessor. Wir haben Neo Rauch in seinem Atelier in der Leipziger Spinnerei besucht, wo der Künstler seit 1994 arbeitet.

Cover PARNASS 03/2019 | Richard Gerstl, Selbstbildnis als Halbakt, 1902/04, Öl auf Leinwand, 159 x 109 cm | Foto: Leopold Museum, Wien/Manfred Thumberger (Detail)
PARNASS: Sie haben Leipzig in einem Gespräch mit dem ART-Redakteur Axel Hecht „als künstlerischen Nährboden“ bezeichnet, als einen Ort der Konzentration und der Inspiration. Was bedeutet die Stadt für Sie?

Neo Rauch: Leipzig ist der Ort, der mir alles liefert, was ich brauche, um schöpferisch tätig sein zu können. Die Stadt liegt von ihrer Dimension her gut in der Hand, sie ist nicht zu groß, aber auch nicht zu klein. Man kann jeden Punkt mit dem Fahrrad innerhalb einer Stunde erreichen und es ist ein dichter kultureller Humus, auf dem man hier seine Werkstatt errichten kann. Max Beckmann wurde hier geboren, Max Klinger war hier wirksam.

P: Sehen Sie sich in der Tradition der Malerei von Max Beckmann oder Otto Dix?

NR: Sicher, Beckmann war einer der Hausgötter der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig. In den 1980er-Jahren und wohl auch davor. Und Bernhard Heisig, der seinerzeitige Rektor, war auch durch Beckmann maßgeblich geprägt. Er hat ihn uns stets nahegebracht – als überwältigendes Beispiel für die Möglichkeiten figurativen Malens. Man muss sagen, dass in der Zeit meines Studiums der sozialistische Realismus überhaupt keine Rolle gespielt hat. Ich werde nicht müde das zu betonen, weil immer wieder das Missverständnis da ist, dass wir in dieser Weise indoktriniert worden wären. Das ist nicht der Fall. Wir wurden in unserer künstlerischen Entwicklung nach den Hausgöttern ausgerichtet, die da wären: Max Beckmann, Otto Dix und Lovis Corinth.

Wir wurden in unserer künstlerischen Entwicklung nach den Hausgöttern ausgerichtet, die da wären: Max Beckmann, Otto Dix und Lovis Corinth.

Neo Rauch

 

© Neo Rauch, VG Bild-Kunst, Bonn | Courtesy Galerie EIGEN+ART, Leipzig/Berlin & David Zwirner, New York/London/Hong Kong |  Foto: Uwe Walter, Berlin

© Neo Rauch, VG Bild-Kunst, Bonn | Courtesy Galerie EIGEN+ART, Leipzig/Berlin & David Zwirner, New York/London/Hong Kong |  Foto: Uwe Walter, Berlin

P: Die figurative Malerei, wie sie damals auf der Hochschule gelehrt wurde, war nach der Wende zunächst nicht mehr gefragt. International dominierte die abstrakte und konzeptuelle Kunst. In einem Interview mit Ulf Lippitz im Tagesspiegel sagten Sie, Sie wären gerne ein deutscher Maler, denn in anderen Ländern, sie nannten z. B. Frankreich, gelte der figurative Maler nach wie vor als „Eselsbänkler“ der Moderne. Dennoch haben Sie sich an der Abstraktion versucht, sind aber gescheitert?

NR: Das kann man sagen, ich habe mich verloren in diesen Bemühungen, irgendwie zeitgeistkonform zu agieren. Ich befand mich in dem Glauben, als junger Maler, möglichst modern auftreten zu müssen. Meine Vorstellung von Modernität war natürlich eine, die jenseits des Eisernen Vorhangs entwickelt wurde, und die von daher natürlich auch unser besonderes Interesse hervorrief. Unter dem Motto: Die Kirschen in Nachbars Garten sind immer die rötesten und die fettesten. Später habe ich erst gemerkt, dass das eigentlich Unsinn ist, und in den Sand gesetzte Lebenszeit ist, diesem Phänomen nachzueifern und den Anschluss an den westlichen Diskurs finden zu wollen. Ich habe erkannt, dass es besser ist, seine eigenen Wurzeln zu ergründen und die Nährstoffe aufzunehmen, die der Ort bietet. Und das war bei mir um das Jahr 1993 herum, als ich diese erste Umrundung vollzogen habe und Kurs aufnahm, zu mir hin, in meine Mitte.


Das vollständige Interview, in dem Neo Rauch über sein Verhältnis zur Abstraktion, sein zeichnerisches Werk und den Ausstellungsbetrieb spricht, lesen Sie im PARNASS 03/2019.

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