Ausstellungsbesprechung

Denken ausdrücklich erwünscht: Martha Rosler & Hito Steyerl

Hell Yeah We Fuck Die, Hito Steyerl, 2016

Die Ausstellung "War Games" im Kunstmuseum Basel präsentiert Werke von Martha Roslerund Hito Steyerl und setzt sie in einen mit beiden Künstlerinnen gemeinsam konzipierten Dialog.

1993 sammelt Martha Rosler Repräsentationen des Krieges – wie etwa ein Bild Hitlers vom Wiener Flohmarkt – für den Steirischen Herbst, 1997 legt Hito Steyerl ein Video vor das antisemitische Hetze in einer kleinen deutschen Gemeinde zeigt, 2006 fällt in einer Rede Martha Roslers im Kontext der Auseinandersetzung mit Hannah Arendt der Satz: „Denken ist dieser Tage ausdrücklich erwünscht.“

Wir schreiben das Jahr 2018. Derzeit geht man von etwa 20 Kriegen und über 200 akuten Konfliktsituationen weltweit aus. Denken ist angebrachter denn je, auch wenn eine Politik formuliert aus Twitter-Wahrheiten und reißerischer Bildsymbolik das Gewicht mehr auf die Emotio als die Ratio legt.

Die Emotionen können, trotz allem intellektuellen Unterbau, auch in der Auseinandersetzung mit den beiden Künstlerinnen Martha Rosler und Hito Steyerl nicht ausbleiben. Gemeinsam haben die zwei, die nun das erste Mal miteinander ausstellen, im Kunstmuseum Basel einen dichten Dialog aus Videoarbeiten, Fotos, Fotomontagen, Bannern und Multimedia-Installationen zusammengetragen: Die Wunden der Welt im White Cube versammelt. Konfliktfelder wie Migration, Fremdenfeindlichkeit, Konsum und Stadtentwicklung stehen neben einer strikten Befragung von Machtverhältnissen und Dominanzen im Fokus der beiden Œuvres, in die sich auch Institutionskritik und Selbstbefragung als Künstlerinnen mischt.

Mit der Gabe zum vernetzten Denken führen die gezeigten Arbeiten, die ab den 1980ern bis 2018 entstanden, Grauen und Gewalt in verschiedenen Gesichtern vor.

Mit der Gabe zum vernetzten Denken führen die gezeigten Arbeiten, die ab den 1980ern bis 2018 entstanden, Grauen und Gewalt in verschiedenen Gesichtern vor. Etwa in Form eines Ölfasses mit Fallschirm begleitet von einem Gedicht, das auf die Doppelmoral der Luftangriffe der USA und der NATO im Kosovokrieg anspielt. Diese Arbeit „OOPS! (Nobody loves a hegemon)“ kann exemplarisch für die vielschichtigen Werke in der Ausstellung stehen.

Daneben die heile Welt. Bei Rosler karikiert in Fotomontagen die mondäne Vertreter der sogenannten „oberen 10.000“ und deren Insignien der Macht – Luxuslofts und High-Fashion – in Kriegskulissen platzieren. Bei Steyerl in den Leuchtlettern Hell, Yeah, We, Fuck, Die – den fünf häufigsten Wörtern in englischsprachigen Popsongs – die Teil eines kritischen Environments werden das auf die Militarisierung unserer Alltagswelt anspielt.

Born To Be Sold: Martha Rosler Reads the Strange Case of Baby $/M, Martha Rosler, 1988, Video, Farbe, Ton, 35:00 Min, Courtesy of Galerie Nagel Draxler, Berlin. Gallery Mitchell-Innes & Nash, New York

Born To Be Sold: Martha Rosler Reads the Strange Case of Baby $/M, Martha Rosler, 1988, Video, Farbe, Ton, 35:00 Min, Courtesy of Galerie Nagel Draxler, Berlin. Gallery Mitchell-Innes & Nash, New York

Auch begegnet der Ausstellungsbesucher gefährlichen Potenzialen, wie beispielswiese der wachsenden Entpersonalisierung von Gewalt durch den steigenden Einsatz von Drohnen und Robotik. Ein Kompendium an jüngerer Geschichte mischt sich so mit einem aktuellen Blick – etwa auf Gentrifizierung und Lobbyismus, Entmachtung und Supermächte. Und den Konflikt der Informationsungleichheit. Mit „Stirke“ legt Steyerl hierzu eine Art Manifest vor. In dem 35 Sekunden langem Video wird der Display eines LCD-Monitors – das Werkzeug das unsere Wirklichkeit repräsentiert und reproduziert – zersplittert und so eine Art mediale Zäsur erzeugt.

Ganz im Sinne Arendts ermahnt die Ausstellung die „Banalität des Bösen“ und den individuellen Beitrag zum Schicksal der Menschheit. Wenn es im Ausstellungstext heißt „Die Wahrheit ist das erste Opfer des Krieges“, wird schnell deutlich, dass die einzige Alternative zu Fake-News eben das eigene Denken ist.

Kunstmuseum Basel

St. Alban-Graben 16, 4010 Basel
Österreich

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