Das maximale Patchwork der Sammlung Philara

Die Düsseldorfer Sammlung Philara feiert ihr zehnjähriges Bestehen mit der fulminanten Jubiläumsschau „House of Balagan“. Die neue Leiterin Hannah Niemeier strukturiert die wagemutigen Käufe des Sammlers Gil Bronner zu einem überraschenden Parcours. Entstanden ist ein dichtes Panorama, das den bewussten Verzicht auf eine starre konzeptionelle Linie als größte Stärke einer lebendigen Privatsammlung zelebriert.
Ein versteckter Hinterhof im Düsseldorfer Stadtteil Flingern beherbergt eine der dynamischsten Kunstinstitutionen des Rheinlands. Wo früher in einer Glasfabrik Industriebetrieb herrschte, feiert die Sammlung Philara im Sommer 2026 ein doppeltes Jubiläum: Seit 30 Jahren sammelt der Immobilienentwickler Gil Bronner zeitgenössische Kunst. Vor genau zehn Jahren zog die stetig wachsende Sammlung in das Gebäude der ehemaligen Glaserei Lennarz. Das Düsseldorfer Büro Sieber Architekten wandelte die Hallen damals sensibel in ein multifunktionales Ausstellungsgebäude um, ohne die raue Industrie-Ästhetik und den Bezug zum Bestand zu opfern.
Hommage an das kreative Durcheinander
Die Jubiläumsschau trägt den programmatischen Titel „House of Balagan“. Das hebräische Wort „Balagan“ steht umgangssprachlich für Chaos, Durcheinander oder Schlamassel. Es ist eine verschmitzt-ironische Anspielung auf den Sammlungsansatz von Gil Bronner. Wer durch die rund 100 gezeigten Arbeiten von über 80 Künstler:innen wandert, sucht vergeblich nach einer strengen, theoretisch vorgezeichneten Linie. Bronner kauft aus dem Bauch heraus. Er erwirbt, was ihn im Augenblick anspricht oder herausfordert. Dass sich dieses intuitive Schauen über drei Jahrzehnte hinweg professionalisiert hat, zeigt die immense Dichte der Schau wie auch der Sammlung. Mittlerweile umfasst die Sammlung weit mehr als 2.000 Werke und deckt alle medialen Gattungen ab. Vor Berührungsängsten mit raumgreifenden Videoinstallationen oder sperrigen Objekten ist der Sammler gefeit.
Eine persönliche Familiengeschichte
Die Ausstellung macht deutlich, dass Philara eine echte Familiensache ist. Schon der Name verrät es: Er setzt sich aus den Namen von Bronners Kindern Philip und Lara zusammen. Konsequenterweise bezieht die Ausstellung auch Arbeiten aus den Beständen der Kinder sowie Werke aus der Sammlung der Eltern Dan-Georg und Cary Bronner ein.

HOUSE OF BALAGAN, Rowena Dring, Otherside of Vegas, 2008, Courtesy of the artist & Sammlung Philara, Düsseldorf, Foto: Kai Werner Schmidt
Die Eltern, selbst leidenschaftliche Sammler:innen der klassischen Moderne und Stifter, legten einst das Fundament für die Passion des Sohnes. Dennoch markiert die Schau einen Generationswechsel. Es ist das institutionelle Debüt von Hannah Niemeier als neue Leiterin des Hauses. Sie hat die Sammlung quasi „von der Pike“ auf kennengelernt, und begleitete das Haus über Jahre hinweg – vom Studentinnenjob bis zur Kuratorin.
Klug strukturierter Parcours durch die Stile
Niemeier meistert die Aufgabe einer Sammlungsschau mit Bravour. Sie bändigt die Vielfalt der Sammlung durch eine kluge Strukturierung in Themengebiete. Das Ausstellungsdesign leitet die Besucher:innen mithilfe von farbigen Wandflächen durch einen stringenten, verständlichen Parcours. Dabei setzt sie auf Kontraste. In einem der ersten Räume trifft das allererste Werk, das Bronner je erwarb – ein Gemälde des Spaniers Miguel Ángel Campano –, auf eine klassische Zeichnung von Alexander Calder. Solche Brüche zwischen etablierten Positionen und junger Kunst prägen die gesamte Dramaturgie.

HOUSE OF BALAGAN, Anat und Gil Bronner zwischen Arbeiten von Margarete Jakschik und Matthias Weischer auf einer Bank von Michaela Yearwood-Dan, Foto: Kai Werner Schmidt
Die Entdeckungsreise führt vorbei an Meilensteinen und Neuzugängen. Unbedingt sehenswert ist eine unlängst erworbene Serie filigraner Architekturzeichnungen von Gerhard Richter, kombiniert mit einem frühen, abstrakten Kleinod des Malers. Dem gegenüber stehen dystopische Ansätze des Emerging Artist Marc Henry (Jahrgang 1996) oder die dynamischen Farberuptionen einer Kerstin Brätsch. Fesselnd und zutiefst berührend präsentiert sich das Video „Shoulder“ von Leigh Ledare, das den schmerzhaften Lebensweg seiner Mutter seziert. Auch Wiederentdeckungen gelingen: Sarah Morris' Arbeit „Insane“ aus dem Jahr 1996 blüht im industriellen Kontext neu auf. Hinzu kommen fluide Farbebenen von Rita Ackermann, die queere, extravagante Bildersequenz „Maton“ (1969–72) von Katharina Sieverding und die strengen, radikalen Do-it-yourself-Skulpturen von Charlotte Posenenske.
Prägende Leipzig-Jahre und ein Hauch von Galerie-Kommerz
Ein prägender Teil der Geschichte wird in den Kabinetten spürbar: Bronners beruflicher Aufenthalt in Leipzig während der 1990er-Jahre. Die Konfrontation mit der Neuen Leipziger Schule beeinflusste seine Ästhetik nachhaltig. Arbeiten von Neo Rauch, Thomas Scheibitz oder Tilo Baumgärtel spiegeln diese Epoche wider. Als starkes „Seitenprojekt“ fungiert eine dichte Solo-Präsentation des kanadischen Künstlers Marcel Dzama. Sie liefert einen exzellenten Überblick über dessen surreales Schaffen. Ein kleiner Wermutstropfen bleibt jedoch für kritische Betrachter:innen: Einige der gezeigten Dzama-Werke sind als Leihgaben der Galerie Sies + Höke ausgewiesen. Hier schleicht sich die unbequeme Frage ein, ob es sich um Kommissionsware des Kunstmarktes handelt, die zum Verkauf steht. Das kratzt etwas an der sonst so authentischen Aura der reinen Privatsammlung.
Der Sammler behält das letzte Wort
Ganz ohne Mitspracherecht wollte Gil Bronner sein „Haus des Chaos“ dann doch nicht übergeben. Einen Raum hat sich der Hausherr explizit ausbedungen. Dieser von ihm persönlich eingerichtete „Saal“ versammelt unter anderem Arbeiten von Amy Sillman, Friedrich Kunath und Michael Sailstorfer. Er bildet den verdichteten, fast opulenten Abschluss der Schau. Wenn sich hier die kraftvolle Malerei eines Oscar Murillo mit einer fragilen Skulptur von Petrit Halilaj matcht, geht die visuelle Dramaturgie vollends auf.
„House of Balagan“ demonstriert eindrucksvoll, dass sich Wagemut im Kunstbetrieb auszahlt. Die Schau ist kurzweilig, unterhaltsam und scheut sich dennoch nicht, in einzelnen Räumen existenzielle Themen wie Krieg und Gewalt offensiv anzusprechen. Sie schließt den Kreis zu früheren, erfolgreichen Philara-Formaten – von Einzelschauen über Gruppenausstellungen bis hin zum vielbeachteten Projekt „Heimspiel“ im Frühjahr 2026, bei dem ausschließlich die kunstschaffenden Mitarbeiter:innen des Hauses ausgestellt wurden. Philara beweist zum Jubiläum, dass eine Sammlung kein starres Mausoleum sein darf, sondern ein lebendiger Organismus sein muss.

HOUSE OF BALAGAN, Ugo Rondinone ("The assertive", 2025), Edouard Baribeaud ("Empedocles at Mount Semeru", 2015) Courtesy of the artists & Sammlung Philara, Düsseldorf, Foto: Kai Werner Schmidt
HOUSE OF BALAGAN
JUBILÄUM! 10 Jahre Sammlung Philara
bis 14.02.2027
Sammlung Philara, Düsseldorf

HOUSE OF BALAGAN. Ignacio Uriarte, Rita Ackermann, Dasha Shishkin, Rosemarie Trockel & Melissa Gordon. Installationsansicht Sammlung Philara, Düsseldorf, 2026 © Sammlung Philara, Düsseldorf, Foto: Kai Werner Schmidt





