Das bin nicht ich, das ist bloß (m)ein (Spiegel-)Bild: Elina Brotherus

Elina Brotherus, Der Wanderer 5, aus The New Painting, 2004 © the artist, courtesy: gb agency, Paris

Elina Brotherus ist noch bis 19. August 2018 im Kunst Haus Wien zu sehen. Lesen Sie hier die mit dem AICA Preis für junge Kunstkritik ausgezeichnete Ausstellungsbesprechung unserer PARNASS Redakteurin Paula Watzl.


Gegenüberstellungen und Zeitabfolgen. 1999 geht die damals 26-jährige in Helsinki geborene Elina Brotherus nach Frankreich um an einem Artist-in-Residency-Programm teilzunehmen. Französisch lernt sie anhand gelber Klebenotizen, die sie an sich und ihrer Umgebung anbringt. Frankreich fühlt sich fremd und einsam für die junge Künstlerin an, wie auch die Bilder die damals entstehen.

Da ist Fremdes, wo auch Einheit herrscht.

 

Paula Watzl

Brotherus entwickelt einen Blick von außen auf sich selbst, einen inneren Monolog durch die distanzierte Linse, eine biografische Dokumentation die vieles später aufkommender Instagram Ästhetik vorwegnimmt. Wiederkehrendes ikonografisches Moment der Bildserien ist das Fernauslöser-Kabel der Kamera, das wie das Handy im Selfie den eigenen Blick enttarnt, Model und Fotografen als Personalunion offenlegt.

Bloß bleibt in der analogen Fotografie von damals die unmittelbare Bildkontrolle ebenso aus wie der Einsatz beschönigender Filter. Dem fotografierten Ich steht Brotherus erst Wochen, Monate später gegenüber – wenn die Filme entwickelt wurden. Da ist Fremdes, wo auch Einheit herrscht. Zwölf Jahre später kehrt Elina Brotherus im selben Mantel in denselben Schlafraum zurück. Nichts hat sich verändert. Alles ist anders. Geblieben ist eine fragende Perspektive auf Raum und Zeit.

Elina Brotherus, La Main, aus Suites Francaises 2, 1999 © the artist, courtesy: gb agency, Paris

Elina Brotherus, La Main, aus Suites Francaises 2, 1999
© the artist, courtesy: gb agency, Paris

 


Ich und die anderen

Die aktuelle Mid-Career-Show von Brotherus im Kunst Haus Wien fokussiert gelungen auf Einsamkeit und Liebe, das Ich und die anderen. Große Themen denen die Künstlerin stets mit ruhiger Stimme begegnet. Besonders berührt der Zyklus „Annonciation“ in dem sie ungefiltert, still und gnadenlos direkt die Tragik ihres unerfüllten Kinderwunsches thematisiert.

Changierend zwischen Nähe und Distanz spielt die durchwegs helle Farbpalette leicht mit der ganzen Schwere des Dargestellten. Titel wie „I hate sex.“ oder “My dog is cuter than your ugly baby“ helfen dort mit Ironie wo sonst allzu trübe Melancholie einzusetzen droht.

Bildgewaltig auch die Werke der Serie „The New Painting“ in denen kompositorische Geniestreiche der Kunstgeschichte aufgegriffen und neu interpretiert werden. Verweise spielen auch in den jüngsten Arbeiten der Künstlerin eine zentrale Rolle. In Auseinandersetzung mit der Fluxus Bewegung entstanden folglich Kooperationen, unter anderem auch mit Erwin Wurm.

Nein, meine Bilder sind wirklich keine Therapie. Sie lösen keine Probleme.

Elina Brotherus

Doch obwohl Brotherus das Verspielte all ihrer Arbeiten betont – neben den starken emotionalen Zeugnissen wirken die inszenierten „One Minute Sculptures“ eher flach als anekdotisch und auch aus kuratorische Sicht eher deplatziert als konsequent gehängt. Komplexer und ansprechender hingegen in einem anderen Winkel die Auseinandersetzung mit VALIE EXPORT – das gemeinsame Porträt „Disobedience“ entstand erst wenige Tage vor Ausstellungsbeginn.

Elina Brotherus, Artist and Model Reflected in a Mirror 1, 2007 © Elina Brotherus, Courtesy: gb agency, Paris

Elina Brotherus, Artist and Model Reflected in a Mirror 1, 2007
© Elina Brotherus, Courtesy: gb agency, Paris

Kuratorin Verena Kaspar-Eisert, die die Ausstellung gemeinsam mit Bettina Leidl konzipierte, erkennt drei zentrale Themenkomplexe: Fragen nach dem eigenen Selbst, nach Räumlichkeit und an die Kunstgeschichte. Alle drei Zugänge ergänzen sich, doch vor allem haftet die persönliche Begegnung mit der Person Elina Brotherus nach Verlassen der beiden Stockwerke an einem.


It’s Not Me, It’s a Photograph

„Nein, meine Bilder sind wirklich keine Therapie. Sie lösen keine Probleme. Probleme werden gelöst indem man über sie spricht“, lächelt die schüchterne Künstlerin neben ihren mutigen Werken. Auch wenn die Kamera ihr ein Display bietet, versteht Brotherus die Beziehung zwischen sich und den Selbstporträts genau spiegelverkehrt zu dem was man annehmen könnte.Die Kamera ist nicht der Stift für ihr Tagebuch, sondern sie bietet sich als Objekt, als Kompositionsmittel der Kamera an. Ihren Körper, ihre Biografie, ihr Innerstes wie ihr Äußeres. „Am Ende geht es immer um den Fotografen, nicht das Model“, fordert sie. Der Titel ist Programm – “It’s Not Me, It’s a Photograph”.

Die Kamera ist nicht der Stift für ihr Tagebuch, sondern sie bietet sich als Objekt, als Kompositionsmittel der Kamera an.

Paula Watzl

Kunst Haus Wien

Untere Weißgerberstraße 13, 1030 Wien
Österreich

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