Premiere im Leopold Museum

Courbet – Realist und Rebell

Gustave Courbet, L’Homme à la pipe (Der Mann mit der Pfeife), um 1849, © Musée Fabre, Montpellier, Foto: Musée Fabre de Montpellier Méditerranée Métropole / Frédéric Jaulmes

Der Realismus des 19. Jahrhunderts entstand als bewusste Abkehr von der gefühlsbetonten Romantik. Statt Idealwelten und übersteigerter Emotionen rückten nun Alltag, Gesellschaft und die Wirklichkeit des bürgerlichen Lebens in den Mittelpunkt. Mit der Gustave Courbet-Ausstellung richtet das Leopold Museum bis 21. Juni 2026 den Fokus auf diese Tendenzen.


Der Wien-Bezug für die erste umfassende Einzelausstellung des französischen Realisten Gustave Courbet (1819– 1877) in Österreich ist durch Bilder im Besitz des Leopold-Museums begründet, aber vor allem durch das Vorhaben Courbets, seine Werke 1873 anlässlich der Wiener Weltausstellung in einer umfassenden Retrospektive in Wien zu präsentieren. Mit großen Erwartungen blickte er auf das Wiener Parkett – die sich zu seinen Lebzeiten jedoch nicht erfüllten. In der Donaumetropole war man sich der Sprengkraft seiner Malerei und seiner politischen Einstellung allzu bewusst. Aus der großen Personale wurde eine Teilnahme an einer Gruppenausstellung im Österreichischen Kunstverein. Die Ausstellung im Leopold Museum verwirklicht nun gewissermaßen den Wunsch des Künstlers. Und das mit einer erlesenen Auswahl an Gemälden, darunter viele Hauptwerke aus internationalen Museen und Sammlungen.

Courbets Werk ist ohne seine Persönlichkeit kaum zu denken.

Silvie Aigner
Gustave Courbet, La Source du Lison (Die Quelle des Lison), um 1864, © Staatliche Museen zu Berlin, Nationalgalerie, Foto: bpk/Nationalgalerie, SMB/Andres Kilger

Gustave Courbet, La Source du Lison (Die Quelle des Lison), um 1864, © Staatliche Museen zu Berlin, Nationalgalerie, Foto: bpk/Nationalgalerie, SMB/Andres Kilger

Als Gustave Courbet 1855 am Rande der Pariser Weltausstellung seinen eigenen Pavillon errichten ließ, war das mehr als eine künstlerische Geste. Es war eine Kampfansage gegen die etablierten Institutionen und Jurys und ein Wendepunkt im Verhältnis zwischen Künstler und Institution. Courbet verstand Malerei nicht als Verschönerung der Welt, sondern als schonungslose Konfrontation mit der Realität und der sozialen Wirklichkeit. Wegweisend und radikal malte er im Format der damals üblichen Historienbilder Szenen mit einfachen Arbeiter:innen und Dorfbewohner: innen. Bilder wie das berühmte »Begräbnis in Ornans« (1849–50) oder »Die Steinklopfer« (1849) sind Bekenntnisse zu seinen Wurzeln und eine bewusste Gegenposition zur idealisierenden, gefühlsbetonten Theatralik seiner Vorgängergeneration wie Delacroix und Géricault oder zur klassizistischen Bildidee Ingres’. Die Kunstgesellschaft betrachtete das Übergehen gültiger akademischer Regeln und die Darstellung einfacher Menschen aus dem Volk jedoch als Affront und machte Courbet auf einen Schlag zum Rebellen.

Gustave Courbet, Le sommeil (Die Schläferinnen), 1866, Foto und ©: Paris Musées/Petit Palais, musée des Beaux-Arts de la Ville de Paris

Gustave Courbet, Le sommeil (Die Schläferinnen), 1866, Foto und ©: Paris Musées/Petit Palais, musée des Beaux-Arts de la Ville de Paris

Gustave Courbet, L’Origine du monde (Der Ursprung der Welt), 1866, © Paris, musée d’Orsay, Foto: Grand Palais RMN (Musée d’Orsay)/Hervé Lewandowski

Gustave Courbet, L’Origine du monde (Der Ursprung der Welt), 1866, © Paris, musée d’Orsay, Foto: Grand Palais RMN (Musée d’Orsay)/Hervé Lewandowski

Gustave Courbet, Le Calme, marine (Die Ruhe, Meereslandschaft), 1865–1867, © Ville de Lons-le-Saunier, musée des Beaux-Arts, France, Foto: Collection Musée de Lon-le-Saunier/Jean-Loup Mathieu

Gustave Courbet, Le Calme, marine (Die Ruhe, Meereslandschaft), 1865–1867, © Ville de Lons-le-Saunier, musée des Beaux-Arts, France, Foto: Collection Musée de Lon-le-Saunier/Jean-Loup Mathieu

Gustave Courbet, L’Homme à la pipe (Der Mann mit der Pfeife), um 1849, © Musée Fabre, Montpellier, Foto: Musée Fabre de Montpellier Méditerranée Métropole / Frédéric Jaulmes

Gustave Courbet, L’Homme à la pipe (Der Mann mit der Pfeife), um 1849, © Musée Fabre, Montpellier, Foto: Musée Fabre de Montpellier Méditerranée Métropole / Frédéric Jaulmes

Ein frühes Hauptwerk seiner künstlerischen Haltung ist auch das Gemälde »Nach dem Abendessen in Ornans« (1849). Die großformatige Darstellung einer alltäglichen Szene in einem Gasthaus seiner Heimatstadt wurde– nicht ganz ohne Kritik – im Pariser Salon ausgezeichnet und vom französischen Staat angekauft. Damit erhielt erstmals ein alltägliches Motiv als Großformat in der Dimension eines Historienbildes offizielle Anerkennung. Allerdings wollte man dieses Bild nicht in Paris haben und gab es in das Palais des Beaux-Arts de Lille. Heute gilt es als eines von Courbets Meisterwerken und durfte erst nach langen Bemühungen der beiden Kuratoren Hans-Peter Wipplinger, Direktor des Leopold Museums, und Niklaus Manuel Güdel, Kunsthistoriker und Präsident der Société Courbet, nach Wien reisen.

Courbet verzichtete auf eine idealisierte Darstellung, auf ausgewogene Proportionen oder eine mythologische Legitimierung des nackten Körpers, sondern zeigte unvermittelt reale Körperlichkeit.

Silvie Aigner
Gustave Courbet, L’Après-dînée à Ornans (Nach dem Abendessen in Ornans), 1849, © Lille, Palais des Beaux-Arts, Foto: GrandPalaisRmn (PBA, Lille)/Philipp Bernard

Gustave Courbet, L’Après-dînée à Ornans (Nach dem Abendessen in Ornans), 1849, © Lille, Palais des Beaux-Arts, Foto: GrandPalaisRmn (PBA, Lille)/Philipp Bernard

Über Courbets politisches Selbstverständnis und die Fragwürdigkeit von "L'Origine du monde" als Plakatsujet in Zeiten von Pelicot, Epstein und Co. lesen Sie in unserer aktuellen Ausgabe ab Seite 40.

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