Chaos als politisches Statement

Wer Care-Arbeit und Erwerbsarbeit in einem auf 24 Stunden begrenzten Alltag kombinieren muss, weiß: Es bedarf perfekter Organisation. Aber mit Kindern läuft nichts perfekt und schon gar nichts organisiert. Eine Ausstellung im WUK lädt nun dazu ein, das Chaos anzunehmen.
HOOD for Artist Parents ist ein künstlerisch geführter Verein, gegründet von Künstler:innen, die selbst Eltern sind und die Doppelbelastung aus kreativer Arbeit und Sorgeverantwortung aus eigener Erfahrung kennen. Den Begriff „parent“ versteht HOOD bewusst inklusiv, für alle Geschlechter und Familienformen, im Wissen, dass Care-Arbeit noch immer überproportional auf Müttern und gebärenden Elternteilen lastet. Der Verein entwickelt Ressourcen, Community und Arbeitsmodelle, damit künstlerisches Schaffen unter Betreuungspflichten möglich bleibt. By artists, for artists.
Die von HOOD initierte aktuelle Ausstellung in der Kunsthalle Exnergasse im WUK ist ungewöhnlich. Es gibt Platz zum Arbeiten mitten im Ausstellungsraum, gespielt werden darf da ebenso, die Kunst ist im Wandel begriffen und die Community trägt die Stimmung. Wie könnte der Kunstbetrieb mehr Raum für Care-Arbeit schaffen? Diese Frage stellen sich die Künstler:innen im Selbstexperiment. Es geht darum, sich und den zu betreuenden Personen mehr zu erlauben.

Ausstellungsansicht "HOOD for Artist Parents: On Chewing Shoelaces", 2026, Foto: kex / Wolfgang Thaler
Manches ist nicht rechtzeitig zur Eröffnung fertig geworden, manches hat andere Formen angenommen, als es das Konzept ursprünglich vorgesehen hatte. So ist der Alltag mit Kindern, etwas unberechenbar.
Kuratiert werden ausschließlich Künstler:innen, die selbst Eltern oder sorgearbeitend sind, Positionen quer durch Video, Textil, Malerei, Skulptur und Performance. Liesel Burisch zeigt in Gorilla Milk ein berührendes Video über eine Gorilla Dame in der Menopause, Nana Mandl übersetzt den Blick auf Mütter in eine aufwändige Textilarbeit. Sarah Sternats „I wish I was dad“, Wachsmalstift auf Papier, ist ein Hilferuf gegen die mentale Last, unter der Mütter oft leiden. Jesseline Preach ist im Musikvideo „Mach auf" hochschwanger zu sehen, zwei Tage vor der Geburt ihres Sohnes. Rychèl Thérin Scott baut aus Patronenhülsen, einem Ledergürtel und einem präparierten Wieselfell eine Skulptur über moderne Mutterschaft. Und das Kollektiv Club Fortuna stellt mit future perfect einen keramischen Kinderwagen in den Raum. Hinzu kommen performative Happenings und mehr. Ein Begleitheft mit Buntstiften verführt groß und klein zum Notiz nehmen.
Gerade im Kunstbetrieb müssen Eltern und andere betreuende Personen unterschiedliche Ansprüche verbinden. Einerseits erfordert auch ein Künstler:innenleben das Einhalten von Deadlines und Office-Strukturen. Andererseits kommt schöpferische Energie schwer auf Knopfdruck, in der einen Stunde, die man sich zwischen Kindergartenabholzeit und Brotjob freihalten kann. Das künstlerische Schaffen muss also flexibel bleiben. Mut zur Beweglichkeit fordert „On Chewing Shoelaces: Art, Mess and Radical Kinship“ ein und aktiviert vor allem den Diskurs.
Miteinander träumen, von einer Welt, in der weniger der Erwartungshaltung entsprochen wird und dafür wieder neue Ideen ausgeformt werden, frei vom Korsett des Gewesenen. Wer kann uns das besser lehren als die Kids?! Packt sie ein und schaut euch im WUK um. Eines ist gewiss: gute Laune und ein paar Momente ohne gröberen Leistungsstress.
HOOD for Artist Parents.
On Chewing Shoelaces
kex—kunsthalle exnergasse (WUK Wien)
bis 24.10.2026
Ausstellende Künstler*innen:
Liesel Burisch, Club Fortuna, Nana Mandl, Jesseline Preach, Rychèl Thérin Scott, Sarah Sternat, HOOD dreamers

HOOD for Artist Parents, Opening, Foto © Markus Riedler

PARNASS 03/2026


