Cattelan in Berlin: Die Möglichkeiten des Morgens

Maurizio Cattelan, Neue Nationalgalerie, 2026 © Neue Nationalgalerie – Stiftung Preußischer Kulturbesitz / David von Becker

Mauricio Cattelan gewinnt den Preis der Nationalgalerie und zeigt die düstere Ausstellung „Night“ in Berlin.


Nein, die Ausstellung eines Schelmen-Künstlers sei das nicht. Es gehe um Ehrfurcht und Erhabenheit. Sogar von Demut spricht Klaus Biesenbach, Direktor der Neuen Nationalgalerie in Berlin. Die richtet dem Künstler Mauricio Cattelan anlässlich der Verleihung des Preises der Nationalgalerie 2026 eine große Ausstellung aus.
Cattelan bringt 17 Werke mit, sechs davon sind neu und extra für Berlin entstanden. „People“ zum Beispiel, 3950 präparierte Tauben, die der Künstler in der Deckenkonstruktion von Mies van der Rohes Gebäude und auf dem Dach platziert hat. Sie wirken, als könnten sie sich jederzeit auf die Museumsbesucher:innen herabstürzen, den Raum erobern. Assoziationen zum Heiligen Geist, der in Form einer Taube dargestellt wird, sind theoretisch möglich, aber die Besetzung des Museumsraums wirkt stärker als das christliche Versprechen. 

Die obere Halle der Neuen Nationalgalerie wird gern mit einem Tempel verglichen. Mauricio Cattelan versteht das Glashaus als dreischiffiges Kirchengebäude, dem er einen neuen Eingang – ein verkleinertes Brandenburger Tor – gebaut hat. Er nennt es „Purgatorium“. Durch dieses Fegefeuer müssen die Besucher:innen, um zu all den gescheiterten Träumen, den schwankenden Gewissheiten zu kommen, die Cattelan in Berlin äußerst konzentriert und ohne das für ihn typisch Spielerisch-Schelmenhafte zeigt. Da ist gleich hinter dem Fegefeuer-Eingang die neunteilige Arbeit „All“ aus dem Jahr 2007. Neun Figuren liegen unter Leichentüchern nebeneinander. Es sind Skulpturen aus Carrara-Marmor mit perfektem Faltenwurf und seidiger Oberfläche. Für Berlin ist noch ein weiteres Memento Mori-Werk entstanden: „Dust“ ist ein Feuerlöscher, der wie vergessen an einer der Säulen der Museumshalle steht und die Asche eines Freundes des Künstlers enthalten soll. Klar ist allein: Dieser Lebensretter kann kein Leben mehr retten. 

MAURIZIO CATTELAN. NIGHT, Ausstellungsansicht, Neue Nationalgalerie, 2026, © Neue Nationalgalerie – Stiftung Preußischer Kulturbesitz / David von Becker

MAURIZIO CATTELAN. NIGHT, Ausstellungsansicht, Neue Nationalgalerie, 2026, © Neue Nationalgalerie – Stiftung Preußischer Kulturbesitz / David von Becker

Die Ausstellung handelt nicht von Dunkelheit, sondern von der Fragilität von Gewissheiten.

Maurizio Cattelan

Exakt auf der Mittellinie des Ausstellungshauses kniet „Him“, der kleine Junge mit dem Gesicht Adolf Hitlers. Seine Hände sind gefaltet, sein Blick ist ins Unbestimmte gerichtet. Hitler, der Inbegriff des Bösen, ist auf die Größe eines Zehnjährigen geschrumpft, was die verstörende Wirkung der Figur von 2001, die schon an vielen Orten ausgestellt war, noch verstärkt. Direkt vor der Hitlerfigur hängt eine Frau, die in ihrer Transportkiste gefangen ist. Sie ist eine Gekreuzigte, die keine Erlösung verspricht, denn ihr Gesicht ist in der Kiste verborgen. Für Hoffnungslosigkeit steht auch der gestürzte Adler, „Bones“ genannt. Von Größe, majestätischem Flug oder gar einer Eignung zum Wappentier ist er weit entfernt. Er ist sein eigenes, gefallenes Denkmal. 

MAURIZIO CATTELAN. NIGHT, Ausstellungsansicht, Neue Nationalgalerie, 2026, © Neue Nationalgalerie – Stiftung Preußischer Kulturbesitz / David von Becker

MAURIZIO CATTELAN. NIGHT, Ausstellungsansicht, Neue Nationalgalerie, 2026, © Neue Nationalgalerie – Stiftung Preußischer Kulturbesitz / David von Becker

MAURIZIO CATTELAN. NIGHT, Ausstellungsansicht, Neue Nationalgalerie, 2026, © Neue Nationalgalerie – Stiftung Preußischer Kulturbesitz / David von Becker

MAURIZIO CATTELAN. NIGHT, Ausstellungsansicht, Neue Nationalgalerie, 2026, © Neue Nationalgalerie – Stiftung Preußischer Kulturbesitz / David von Becker

MAURIZIO CATTELAN. NIGHT, Ausstellungsansicht, Neue Nationalgalerie, 2026, © Neue Nationalgalerie – Stiftung Preußischer Kulturbesitz / David von Becker

MAURIZIO CATTELAN. NIGHT, Ausstellungsansicht, Neue Nationalgalerie, 2026, © Neue Nationalgalerie – Stiftung Preußischer Kulturbesitz / David von Becker

Maurizio Cattelan, 2026, © Neue Nationalgalerie – Stiftung Preußischer Kulturbesitz / Ivan Erofeev

Maurizio Cattelan, 2026, © Neue Nationalgalerie – Stiftung Preußischer Kulturbesitz / Ivan Erofeev

Scheitern, zu Bewegungslosigkeit verdammt sein, festgenagelt werden – es ist eine düstere Ausstellung, die der Künstler für Berlin komponiert hat. „Charlie don’t surf“ von 1997, ein kleiner Junge mit dem Gesicht des Künstlers, dem Bleistifte durch die Hände in die Schulbank gebohrt wurden und das schlaff von der Decke hängende Pferd mit dem Titel „Novecento“ (20. Jahrhundert) illustrieren das ebenso wie die Cattelan-Figur im Filzanzug, die an einem Garderobenständer hängt. Bei Beuys, auf den sich die Arbeit bezieht, vermittelte der Titel „Die Revolution sind wir“ Hoffnung, Tatkraft, Veränderungsoptimismus. Bei Cattelan hängt all das schlaff an der Garderobe. 

Letztendlich weist der Titel von Cattelans Ausstellung den Weg heraus aus dieser nachdenklichen Ausstellung im lichten Museumsglashaus. „Night“ bedeute „nicht einfach die Abwesenheit von Licht“, sagt Cattelan. Die Nacht setze zwar Gewissheiten außer Kraft. Doch: „Die Ausstellung handelt nicht von Dunkelheit, sondern von der Fragilität von Gewissheiten. Zugleich ist die Nacht immer nur vorübergehend. Sie trägt stets die Möglichkeit des Morgens in sich, auch wenn dieser noch nicht sichtbar ist.“ Nimmt man den Künstler beim Wort, ist sein auf dem Dach sitzender Blechtrommler, nicht nur Oskar Matzerath, sondern auch ein einfacher kleiner Junge, der für die Besuche:innen trommelt. 


MAURIZIO CATTELAN. NIGHT

bis 07.03.27
Neue Nationalgalerie Berlin

Mehr Informationen

MAURIZIO CATTELAN. NIGHT, Ausstellungsansicht, Neue Nationalgalerie, 2026, © Neue Nationalgalerie – Stiftung Preußischer Kulturbesitz / David von Becker

MAURIZIO CATTELAN. NIGHT, Ausstellungsansicht, Neue Nationalgalerie, 2026, © Neue Nationalgalerie – Stiftung Preußischer Kulturbesitz / David von Becker

PARNASS 03/2026

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