La Traviata – Oper BURG GARS

Carolin Pienkos und Cornelius Obonya im Gespräch

Übersichtsaufnahme der Oper BURG GARS © Alexander Ch. Wulz

Unter der Intendanz von Clemens Unterreiner zeigt die Oper BURG GARS mit Giuseppe Verdis La Traviata – der tragischen Liebesbeziehung zwischen der Kurtisane Violetta Valéry und dem jungen Bourgeois Alfredo Germont eine der ergreifendsten Geschichten der Opernliteratur. Die Titelpartien werden gesungen von Hila Fahima (Violetta)und Filip Filipović (Alfredo). Levente Török ist für die musikalische Leitung verantwortlich, die Kostüme wurden Laura Madgé Hörmann entworfen und das Bühnenbild von Devin McDonough. Regie führen Carolin Pienkos und Cornelius Obonya. PARNASS bat sie zum Interview. Ein Gespräch über die Bedeutung der Oper in der aktuellen Gegenwart.


 

 

PARNASS: Im Fokus von „La Traviata" einer Oper in drei Akten von Giuseppe Verdi steht die tragische Liebesgeschichte zwischen der Kurtisane Violetta Valéry und dem jungen Alfredo Germont.  Die Oper spielt in Paris und beleuchtet gesellschaftliche Konventionen und Vorurteile, die die Liebe der beiden verhindern. Und das mit allen Emotionen, dazu kommt die wirkungsvollen Musik Verdis. Was hat euch an diesem Inhalt fasziniert?

CAROLIN PIENKOS I CORNELIUS OBONYA: Genau diese Kombination ist so faszinierend: eine tragische Erzählung von zwei Liebenden, die in einer grausam ungerechten Welt von einander getrennt werden - eine Frau, deren Liebe so groß ist, dass sie sich für die Zukunft ihres Geliebten opfert. Und Verdis unfassbar dramatische und zugleich lyrische Musik, die all das Leid und das Glück der Liebenden so feinfühlig zum Ausdruck bringt.

P: Bereits die literarische Vorlage: „Die Kameliendame” von Alexandre Dumas bietet ein Melodram mit allen emotionalen Höhen und Tiefen. Ist unsere Zeit überhaupt noch fähig solche Emotionen nachzuvollziehen, oder ist es sogar so, dass diese an so einem Einzelschicksal erst überhaupt fassbar werden, während wir tagtäglich die Schicksale von Menschen an unser in den Nachrichten nur noch als zeithistorische Statistik empfinden?

Carolin Pinkos © Alexander Ch. Wulz

Carolin Pinkos © Alexander Ch. Wulz

CP/CO: Die Geschichte von „La Traviata“, was soviel bedeutete wie „der vom Wege abgekommenen“ ist so zeitlos und berührend, weil sie an Tragik nicht zu überbieten ist: wir alle suchen nach dem Menschen den wir lieben. Und wenn wir tatsächlich das Glück haben diesen einen Menschen zu finden - und ich fürchte, zu wenige haben dieses Glück - und dann wird er/sie uns wieder genommen: das ist an Schmerz kaum zu überbieten. Und die Menschen sehnen sich nach diesen berührenden Geschichten. Wie schon vor tausenden von Jahren, will man mit dem Helden/der Heldin lieben und leiden. Diese Emotionen kommen ganz nah an einen heran. Und jeder könnte so eine Tochter sein, so einen Sohn haben und so einen Vater verfluchen.

P: Leben wir nicht auch wieder in einer Zeit, in der gesellschaftliche Konventionen, vielleicht anderes als damals aber dennoch, wieder sehr stark im Fokus stehen.

CP/CO: Scheinbar haben wir heute sehr viel mehr Freiheiten, dennoch besteht die gesellschaftliche Ächtung der Frauen, die Sexarbeit leisten, unerträglicher Weise noch immer. Die Männer allerdings, die sich Sex kaufen, bleiben recht unbeeinträchtigt. Diese Geschlechterungleichheit wird sich so schnell kaum auflösen lassen.

Wenn gesellschaftliche Konventionen allerdings zu starren Dogmen werden, die nur darauf ausgerichtet sind, was "andere von einem denken", dann wird es problematisch. Und La Traviata zeigt macht das sichtbar wie keine andere Oper.

P: Kann die Liebe diese überwinden, so wie uns dies die Oper demonstriert? Valery lebt zunächst auf der Überholspur im Luxus, Saus und Braus auch um ihre Krankheit zu vergessen, dann jedoch wendet sie sich davon ab. Eine Läuterung die jedoch nicht zu einem Happy End führt.

CP/CO: Das Leben, das Violetta führt, bevor sie sich verliebt, ist vergnügungsüchtig und versucht, der Realität zu entfliehen. Eine Realität, in der alle nur oberflächlich und egoistisch sind. Das wird ihr sehr wohl bewusst. In dieser Realität muss sie fürchten, sich zu verlieben, weil sie dadurch verletzlich wird. Deshalb fliehen die beiden Liebenden auch aus dieser Pariser Welt der Oberflächlichkeit. Doch ihre neue Welt ist auf Sand gebaut, weil sie die Zukunft ausblenden.  Und hier können die beängstigende Moral und die Fantasien einer Zukunftslosigkeit vom Vater Germont ansetzen, um diese Liebe zu zerstören.

Cornelius Obonya © Sasha Ilushina Photography

Cornelius Obonya © Sasha Ilushina Photography

P: Ist es nicht auch die Besonderheit dieser Oper, dass sie  – konzentriert auf eine Person – alles Leid der Welt vorführt? Sie aus Liebe auf ihr eigenes Glück verzichtet?

CP/CO: Es ist sicher eine ganz besondere Perspektive, die Verdi auch aus persönlichen Gründen eingenommen hat: auch seine Lebensgefährtin wurde gesellschaftlich geächtet, weil sie zuvor eine uneheliche Beziehung hatte. Er möchte uns allen den Spiegel vorhalten, indem wir uns mit ihr leiden lässt. Und am Ende, die bereuen lässt, die sie ungerecht in dieses Unglück gestürzt haben.

P: Was habt ihr in eurer Regie in den Mittelpunkt gestellt? Wie kann man einen historischen Klassiker neu und modern auf die Bühne bringen? Die Musik ist zeitlos ist es auch das Libretto? Oder steckt in den Klassikern eben noch immer viel Wahrheit und Energie. Ist es eben nicht nur Theater, sondern stets auch ein Stück Wahrheit?

CP/CO: Jede gute Geschichte enthält – und ist – Wahrheit. In jedem Märchen, in jedem Shakespeare, in jedem Libretto. Hierfür Bilder zu finden, Kostüme, eine Spielweise, die für uns heute diesen Kern der Geschichte spürbar, erfahrbar macht, ist die Aufgabe. Uns war wichtig zu betonen, das es auch heute noch ein Alptraum für eine Prostituierte sein muss, von der Gesellschaft benutzt und zugleich verachtet zu werden. Und in welcher Einsamkeit sie gelebt hat, bevor sie sich in Alfredo verliebt hat. Unser Mittelpunkt konnte nur die Geschichte selbst sein, gemeinsam mit den Sängerinnen und Sängern, also mit Menschen, erzählt.

La Traviata – Oper BURG GARS © Alexander Ch. Wulz

La Traviata – Oper BURG GARS © Alexander Ch. Wulz

P: „Gioia – Freude“ ist ihr letztes Wort!  Geht es also mehr um das Leben? Und wie wir leben? Darum wie bewusst man sein Leben wahrnimmt. Geht es angesichts des Todes letztlich um die Antwort auf die Frage: Wie sinnvoll habe ich gelebt?

CP/CO: Alles in ihr begehrt diese Freude: „Gioia“ ruft sie schon im 1. Akt, nachdem sie das Gefühl der Liebe erstmals spürt. Es ist diese Glückseligkeit, dieses „O Augenblick verweile“, nachdem wir uns alle sehen. Doch wie wir sie erreichen, wissen wir häufig nicht.

Der sogenannte Philosophen-Kaiser Markus Aurelius hat einmal sinngemäß geschrieben, dass man jeden Tag so leben sollte, als er der letzte wäre.

La Traviata – Oper BURG GARS © Alexander Ch. Wulz

La Traviata – Oper BURG GARS © Alexander Ch. Wulz

P: Was macht den Spielort in Gars am Kamp so besonders?

CP/CO: Da man keinerlei Kulisse oder größere räumlichen Veränderungen vornehmen kann, ist man dort vor der Naturkulisse der Burg darauf noch mehr als in einem geschlossenen Opernraum angewiesen, den Fokus auf die Figuren und ihre Motivationen zu legen. Drama und Konflikt kommt immer aus den Beziehungen der Handelnden. Wer ist eifersüchtig auf wen? Wie funktioniert die Hierarchie dieser Gesellschaft? Warum muss der Vater Germont diese Liebe zerstören? Und wie sehr zerreißt es auch ihn? Der Zauber liegt in der Ruine selbst, die mit einigen wenigen Veränderungen oder Adaptionen fast für jede Geschichte einen Hintergrund bilden kann. Und die raumfüllende Akkustik auf dieser letzten unverstärkt gesungenen Opernbühne ist wirklich einzigartig.

Oper Burg Gars

Hauptplatz 80, 3571 Gars am Kamp
Österreich

LA TRAVIATA

bis 2. August 2025

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La Traviata – Oper BURG GARS © Alexander Ch. Wulz

La Traviata – Oper BURG GARS © Alexander Ch. Wulz

La Traviata – Oper BURG GARS © Alexander Ch. Wulz

La Traviata – Oper BURG GARS © Alexander Ch. Wulz

La Traviata – Oper BURG GARS © Alexander Ch. Wulz

La Traviata – Oper BURG GARS © Alexander Ch. Wulz

La Traviata – Oper BURG GARS © Alexander Ch. Wulz

La Traviata – Oper BURG GARS © Alexander Ch. Wulz

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