Berlin in Kunstlaune: Das Gallery Weekend 2026

Sophy Rickett, Vauxhall Bridge, Pissing Women series, 1995. Courtesy the artist.

Ausgebrannte Container, kollektive Gesänge, blaue Bodybuilder auf einem BMW – das Gallery Weekend Berlin wird aufregend, anregend und auch ein bisschen anstrengend.


Niemand wird sich beschweren können, nach diesem Wochenende nicht gut unterhalten, gebildet, erfreut und um neue Horizonte erweitert worden zu sein. Denn das diesjährige Berliner Gallery Weekend ist so bunt und abwechslungsreich wie jedes Jahr. 50 Galerien zeigen an 66 Standorten 80 Künstler:innen. Dazu gesellen sich einige Museen und sieben Galerien, die im Rahmen des neu gegründeten Sektors „Perspectives" ihre Künstler:innen vorstellen. Zu ihnen gehört der 1993 in Seoul (Südkorea) geborene Künstler Shinoh Nam. Er reflektiert in seiner ersten Einzelausstellung in der Galerie Mountains über utopische Versprechen der Architektur und soziale Ideologien. Seine Arbeiten für die Ausstellung „A Guide to the Interior for a House on Ambiguous Grounds" sind Fragmente aus Stahl, Glas, verbranntem Holz und Industrieschaum. Der Autor und Kurator Olamiju Fajemisin beschreibt über diese Arbeiten so: „Nam vertritt eine Philosophie des Wiederaufbaus, die die Gewohnheit, ständig neue Gebäude zu errichten, zugleich romantisiert und kritisiert."

Zwischen Stahl, Asche und kollektivem Gesang

Deutlich mehr als Nam ist Petrit Halilaj, der 1986 im Kosovo geboren wurde, von seiner Biografie geprägt. Halilaj beschäftigt sich in seiner künstlerischen Arbeit vor allem mit der jüngeren Geschichte seines Heimatlandes. In der Ausstellung in der Galerie ChertLüdde zeigt er ausgebrannte Container. Sie enthielten die Requisiten für seine Oper „Syrigana" und waren 2025 mit Hassparolen und serbisch-nationalistischen Symbolen beschmiert und in Brand gesetzt worden. Der Angriff wurde für Halilaj zum Anlass für seine Berliner Galerie-Ausstellung, die den schönen Titel „Wem gehört die Erde, während man den Wind malt?!" bekam.
 

Wer zum Gallery Weekend aufbricht, ist nicht unbedingt auf Ruhe und Kontemplation aus.

Uta Baier
Shinoh Nam, I call my frustrating envy Admiration and struggle to console myself. Victory lies before me yet drifts away, amid endless and forgotten purposes, I still pray others’ lives serve my longing yet, 2025. 1900s vintage Berlin door, 1930s Hermann Hesse’s Narziss und Goldmund, acrylic box, mirror-polished stainless steel, door viewer, stainless steel, steel, brass, 219.2 × 35 × 35 cm. Courtesy of the artist.

Shinoh Nam, I call my frustrating envy Admiration and struggle to console myself. Victory lies before me yet drifts away, amid endless and forgotten purposes, I still pray others’ lives serve my longing yet, 2025. 1900s vintage Berlin door, 1930s Hermann Hesse’s Narziss und Goldmund, acrylic box, mirror-polished stainless steel, door viewer, stainless steel, steel, brass, 219.2 × 35 × 35 cm. Courtesy of the artist.

Für Gallery Weekend-Besucher:innen bietet sich die einmalige Möglichkeit, diesen Künstler noch genauer kennenzulernen. Denn das Museum Hamburger Bahnhof – Nationalgalerie der Gegenwart zeigt eine große Überblicksschau mit seinen Skulpturen und Installationen. Der Hamburger Bahnhof ist neben der Neuen Nationalgalerie eines der Museen, die ebenfalls an diesem Wochenende zu Neuem und Exklusivem einladen und eröffnet im Rahmen der zweiten CHANEL Commission die Ausstellung „We Make Years Out of Hours" der Künstlerin Lina Lapelytė. Die litauische Künstlerin und Komponistin entwickelte für das Museum eine weitere kollektive Gesangsaktion.

Nebel, Roboter und blaue Performance

Eher leise geht es bei Fujiko Nakaya zu. Die japanische Künstlerin vernebelte den Besucher:innen des Skulpturengartens der Neuen Nationalgalerie schon zum vergangenen Gallery Weekend die Sicht mit einer Nebelskulptur. Wegen der Besucher:innenbegeisterung wird es die Nebelskulptur in diesem Jahr erneut geben.

Petrit Halilaj, Syrigana , 2025. Charred and Graffitied steel shipping containers housing “Syrigana” props. Courtesy of ChertLüdde, Berlin and Petrit Halilaj. Photo: Esad Duraki.

Petrit Halilaj, Syrigana , 2025. Charred and Graffitied steel shipping containers housing “Syrigana” props. Courtesy of ChertLüdde, Berlin and Petrit Halilaj. Photo: Esad Duraki.

Weniger poetisch, dafür erstmals in Deutschland zu sehen sind die autonomen Robotik-Hunde des US-amerikanischen Künstlers Beeple (Mike Winkelmann). Sie bewegen sich frei im unteren Foyer der Nationalgalerie, tragen Silikonköpfe bekannter Persönlichkeiten und verarbeiten die aktuellen Bilder ihrer Kameras zu neuen Bildern, die sie aus ihren Hinterteilen ausstoßen.

Ganz und gar menschlich sind dagegen die Performer:innen von Göksu Kunak in der Galerie Ebensperger. Denn Göksu Kunak überzieht einen Bodybuilder und einen CrossFit-Athleten mit blauer Farbe, die an Yves Klein erinnern soll. Sie benutzen einen BMW als Leinwand und Bühne und „prägen ihre Bewegungen in das Fahrzeug ein", heißt es in der Ankündigung, die außerdem einen von Kunak gelesenen Text verspricht.

Von der Performance zum Film ist es oft nur ein kleiner Schritt, den Julian Rosefeldt perfekt beherrscht. Sein Film „Euphoria" wird von der Galerie Philippe Bober im Kino „International" präsentiert. Das „International" ist selbst ein Kunstwerk und steht unter Denkmalschutz. Es wurde nach mehrjähriger Sanierung jetzt wiedereröffnet.

 

Schaufensterbummel, Stadtspaziergänge und ein Ort der Stille

Wie immer können geführte Stadtspaziergänge gebucht werden, die jeweils zu benachbarten Galerien in einem Viertel führen. Diese Spaziergänge sind wahre Entdeckungs-Angebote. Sind sie ausgebucht, kann man sich hervorragend an den Routen orientieren. Eine davon führt in den Bereich der Auguststraße gleich hinter den Hackeschen Höfen. Dort zeigt die Galerie Sprüth Magers neue Arbeiten von Thomas Demand. Der Künstler, der mit akribisch aus Papier nachgebauten realen und inszenierten Szenen bekannt wurde, druckt seit 2025 Bilder auf Kupfer.

Noch älter ist die Technik von Pae White, die die Galerie neugerriemenschneider vorstellt. Pae White malt Krabben, Schnecken, Fliegen, Schmetterlinge in der traditionellen Garnmalerei eines indigenen Volkes aus Westmexiko. Ebenfalls bei neugerriemenschneider sind die Gemälde von Jorge Pardo zu sehen, der sich mit der postminimalistischen US-Kunst des 20. Jahrhunderts auseinandersetzt. Durch digitale Bearbeitung und späteren Druck verschwinden die historischen Kunstwerke in den neuen Kompositionen.

Pae White, Untitled, 2026. Cotton, lurex, 318 x 327 cm. © Pae White. Courtesy the artist and neugerriemschneider, Berlin. Photo: Jens Ziehe, Berlin.

Pae White, Untitled, 2026. Cotton, lurex, 318 x 327 cm. © Pae White. Courtesy the artist and neugerriemschneider, Berlin. Photo: Jens Ziehe, Berlin.

Der klassische Schaufensterbummel mag ein wenig aus der Mode gekommen sein. Der künstlerische Schaufensterbummel hingegen war im vergangenen Jahr so ein Erfolg, dass er in diesem Jahr erneut inszeniert wird und das KaDeWe dem Kurator Sebastian Hoffmann wieder seine zehn großen Schaufenster zur Verfügung stellt. Jedes wird von einem:einer Künstler:in mit Berliner Galerie bespielt. Unter ihnen sind David Byrne, Hanne Darboven, Leila Hekmat, Harry Nuriev und Kayode Ojo. Außerdem wird im Haus zu jeder vollen Stunde Hanne Darbovens „Opus 25a" gespielt und in der zweiten Etage eine Rolltreppeninstallation von Heiner Franzen.

Wer zum Gallery Weekend aufbricht, ist nicht unbedingt auf Ruhe und Kontemplation aus. Wer sie trotzdem vermisst, findet sie in der Feuerle Collection, die nun Feuerle Puig House heißt. Die feiert in diesem Jahr ihr zehnjähriges Bestehen mit einer Ausstellung des Fotografen Adam Fuss, dessen Arbeiten eine Leonardo da Vinci zugeschriebene Zeichnung gegenübergestellt wird.
 

EIN LETZTER TIPP GEGEN FOMO!
So vielfältig das Angebot, so unübersichtlich kann die Orientierung während des Gallery Weekends sein. Um einen Überblick zu behalten und Fomo zu vermeiden, empfehlen wir deshalb einen Blick in die Festival-Map!

 



GALLERY WEEKEND BERLIN

01. bis 03. Mai 2026

Mehr Infos

GALLERY WEEKEND 2025, Lena Henke at Galerie Thomas Schulte. Photo: Stefan Korte

GALLERY WEEKEND 2025, Lena Henke at Galerie Thomas Schulte. Photo: Stefan Korte

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