Berlin Art Week 2026: Premieren, Politik, „Alternde Meister“

Nein, die Auswahl ist nicht leichter geworden. Eher schwieriger. Verwirrender. Aber das macht nichts. Denn Vielfalt ist Programm bei der Berlin Art Week, die in diesem Jahr zum 15. Mal stattfindet. Vielfalt garantiert Tage, Wochen, Monate mit aufregenden Kunsterlebnissen. Doch vor dem gemütlichen Galerie- und Museumsbesuch kommt die Art Week mit ihren 120 assoziierten Museen, Sammlungen, Galerien, Projekträumen und mit fast ebenso vielen Eröffnungen zwischen dem 9. und 13. September.
Die Lust, in Berlin für eine Woche die Kunst in den Mittelpunkt zu rücken, wird von Jahr zu Jahr größer. Immer mehr Institutionen legen wichtige Ausstellungen und Premieren in den Herbst. Zentraler Infopunkt und Festivalort ist in diesem Jahr der Platz am Kulturforum. Hier starten nicht nur die kuratierten Routen zu den Galerien und Sammlungen, die Museen am Kulturforum sind mit ihren Programmen Teil der Art Week. Die Neue Nationalgalerie eröffnet gleich am ersten Festivaltag die Ausstellung „Night“ von Mauricio Cattelan. Es ist die erste Einzelausstellung des italienischen Künstlers in Deutschland. Täglich ist dort außerdem die Performance „Walking on the Wall“ von Trisha Brown zu sehen – und neue, von Brown inspirierte Performances zeitgenössischer Künstler wie Kianí Del Valle, Josh Johnson, Miriam Kongstad und Deva Schubert.
Mit „Alternde Meister“, einer Performance von Ersan Mondtag und Nadim Samman in Zusammenarbeit mit dem Berliner Ensemble, wird die Gemäldegalerie ab Freitag Ort für eine Performance-Premiere. In deren Zentrum steht Lucas Cranachs Gemälde „Der Jungbrunnen“ von 1546, in dem ältere Frauen nach dem Bad wieder jung sind und jugendlich eingekleidet feiern gehen. Die Performer und Performerinnen, werden sich ebenfalls an- und ausziehen und sich nach dem Gang durchs Museum zusammenfinden. Doch sie werden nicht jünger, ihr Fest ist eine Totenfeier. Die Besucher:innen sind von Mondtag und Samman explizit dazu eingeladen, „Falten, Narben, Erschöpfung und Verletzlichkeit als Zeugnisse gelebten Lebens zu lesen.“

Berlin Art Week 2026, Neue Nationalgalerie, Maurizio Cattelan, Novecento, 1997. Foto: Paolo Pellioni di Persano
Performances
Das Performance-Programm ist naturgemäß an feste Zeiten gebunden, so dass es vor allem für die Besucher:innen der Art Week gedacht ist. Es verspricht in diesem Jahr außergewöhnliche Inszenierungen, wie „Etwas Schreckliches wird passieren: Die Menschenfresserin“ im Theater Hebbel am Ufer-HAU1 am 12. und 13. September. Die Künstlerin Sophia Süßmilch befindet sich in einem Zustand der Wut und zeigt, wozu eine wütende Frau fähig ist.
Ein komplettes Performance-Festival veranstaltet das Georg Kolbe Museum am So., 13. September mit „everybody“. Monilola Olayemi Ilupeju, Janne Kummer und Lauryn Youden zeigen körperbezogene Arbeiten, die der Erfahrung von „radikaler Verletzlichkeit, Verbundenheit, Autonomie und Widerstand“ nachgehen, kündigt das Museum an, das parallel eine Ausstellung mit gleichem Titel zeigt, in der Körper „herausgefordert und gefeiert“ werden.

Berlin Art Week 2026, Hebel am Ufer, Sophia Süßmilch im HAU. Foto: Lee Everett Thieler
Klangkunst
Klangkunst gehörte immer zur Art Week, aber in diesem Jahr gibt es besonders viele prominente Projekte. Der Hamburger Bahnhof Nationalgalerie der Gegenwart etwa präsentiert mit "seeing sound, hearing time" eine große Retrospektive des japanischen Komponisten Ryuichi Sakamoto (mehr dazu lesen Sie in "Die wichtigsten 6 Ausstellungen aktuell in Deutschland").
Im Konzerthaus Berlin treten Leyla Yenirce und Solomon Garçon zusammen auf, im Haus am Waldsee verwebt JJJJJerome Ellis „Stottern, Stimme und Schwarze musikalische Traditionen“ in einer Performance, um nur ein paar von vielen Programmpunkten zu nennen.

Carsten Nicolai, Musik von Ryuichi Sakamoto, ENDO EXO, 2024, © 2024 KAB Inc. Foto: Takeshi Asano
Politische Kunst
Explizit politische Kunst zu zeigen, hat in Berlin Tradition und zur Art Week beschäftigen sich gleich mehrere Institutionen mit politischen Themen. Der Gropius Bau widmet sich unter dem Titel „Kreuzberg: Kunst und Migration seit 1960“ einer Berliner Geschichte, während Neuer Berliner Kunstverein, Schinkel Pavillon, ifa-Galerie Berlin, Stiftung Kunstforum Berliner Volksbank, nGbK und Kvost-Kunstverein Ost sich dem Erbe der DDR und Reflexionen über den Umgang mit der Kunst dieses Landes widmen. Denn längst ist nicht alles dazu gesagt. Das diskutieren auch die „Hamburg Bahnhof Art Week Talks“, bei denen es um die Rolle von Museen in Ostdeutschland, sowohl im Hinblick auf die lokalen Kunstszenen als auch die Funktion von Vermittlung und Marketing, geht. Besonders interessant in politisch stark polarisierenden Zeiten dürfte der Austausch darüber werden, wie Museen als „Diskursraum“ funktionieren können, ohne dass sie sich parteipolitisch engagieren. Als Ort für Diskussionen über politische Themen hat sich das Haus der Kulturen der Welt längst etabliert. Jetzt ist es Ort einer Premiere. Die Biennale Sao Paulo ist zum ersten Mal in Deutschland mit einer Berlin Edition zu Gast. Ihr Titel ist so aktuell wie zeitlos: „Nicht alle Reisenden folgen Wegen – Humanität als Praxis“.

Berlin Art Week 2026, Neuer Berliner Kunstverein (n.b.k.), Guerrilla Girls, Demand a Return to Traditional Values on Abortion, Pro-Choice March, Washington, D.C., 1992. Courtesy of gurillagirls.com
Kunstmesse Positions
Parallel zur Art Week findet traditionell die Kunstmesse Positions Berlin Art Fair im Hangar 5 und 6 des ehemaligen Flughafens Tempelhof statt. Mit den leerstehenden Hallen des stillgelegten Flughafens bespielt Berlins Kunstmesse einen Ort, der Pragmatismus und einen Hang zur (Industrie-)Romantik gleichermaßen verkörpert. Und so sieht man auf dieser Messe immer viele entspannte Besucher:innen, die zur Kunst kommen, in den Liegestühlen am Rollfeld rasten, um zur Kunst zurückzukehren, sie zu bestaunen und zu kaufen. Moderne und zeitgenössische Kunst wird in diesem Jahr von 96 Galerien aus 20 Ländern präsentiert. Gastland ist die Türkei.
Als Schaufenster ihrer Arbeit dürfen auch Berliner Modedesigner die Messe nutzen. 20 Labels werden auf der „Fashion Positions“ wieder ihre Entwürfe zeigen und Kunst und Mode in einen direkten Zusammenhang bringen.

POSITIONS Berlin Art Fair, 2024, Foto: Clara Wenzel-Theiler
Private Sammlungen
Während Museen ihre Ausstellungen über Monate zeigen, öffnen Privatsammler:innen ihre Räume selten und meist nur nach Voranmeldung. Zur Art Week machen sie wieder eine Ausnahme und bieten einen jeweils ganz besonderen Einblick in ihre privaten Kunst-Räume. In diesem Jahr sind zum Beispiel dabei: die Boros Collection, die Miettinen Collection von Timo Miettinen, den wir bereits in einem Sammler:innen-Porträt vorstellten, die Sammlung Hackelsberger und die haubrok foundation.
Auch die Julia Stoschek Foundation ist eine Privatsammlung, die jedoch bisher für die Öffentlichkeit immer zugänglich war. Damit ist ab Oktober Schluss, denn Stoschek verlässt zusammen mit ihrer Kunst Berlin und konzentriert sich auf ihren Standort in Düsseldorf. Mit der Ausstellung „If you can reach my heart you can keep it“ zu Matt Lamberts Videoarbeiten und Filmen über Berlin geht ihr 10-jähriges Engagement in Berlin zu Ende – eine letzte Chance also, der Sammlung einen Besuch abzustatten.

Berlin Art Week 2026, Sammlung Hackelsberger, Jan Groover, Untitled, 1988, © Sammlung Hackelsberger
Gallery Night und Kunstfestival Hallen 07
Wie immer schlagen die Organisatoren der Kunstwoche Spaziergänge in bestimmten Stadtvierteln vor, bündeln Ausstellungsrundgänge thematisch, weisen Wege durch die Festivalstadt mit ihrem riesigen Angebot. Das ist nützlich – auch für die Gallery Night am am Donnerstag, 10. September, denn da eröffnen gleichzeitig 54 Galerien neue Ausstellungen und Projekte. Eine Orientierung an den vorgeschlagenen Wegen ist also zu empfehlen!
Wer weniger Zeit hat, aber viel vom Flair der Kunstszene erleben will, fährt in die Wilhelm Hallen in Berlin-Reinickendorf, die mit 9000 Quadratmetern und vielen Freiflächen ein idealer Festivalort sind. Dort zeigen Berliner Galerien und Museen und Sammlungen aus ganz Deutschland auf 9000 Quadratmetern 50 Künstler in einer kuratierten Ausstellung.

Berlin Art Week 2026, ChertLüdde, Stephanie Comilang, Installation view of ›Coordinates at Dawn‹, Schirn Kunsthalle Frankfurt, Frankfurt am Main, 2025 – 2026
BERLIN, BERLIN – eine sehr persönliche momentaufnahme
Zehn Jahre Berlin, zehn Jahre Nachtleben, Begehren, Freundschaft und Erinnerung. Für den österreichischen Fotografen Vincent Wechselberger sind es intime Porträts, durchfeierte Nächte, queere Körper und die Menschen, die diese Stadt zu seinem persönlichen Zuhause gemacht haben. In seiner dokumentarischen und autobiografischen Fotografie geht er der Frage nach, wie Identität, Exzess und Alltag ineinandergreifen und seine immanente Beziehung zu einer Stadt formten, die von Gegensätzen, Träumen und Widersprüchen lebt.
Zum Auftakt der Berlin Art Week präsentiert er nun sein zweites, von SMUT Press veröffentlichtes Fotobuch: „Dreams and How To Keep Them“ versammelt ein über ein Jahrzehnt entstandenes fotografisches Archiv und erzählt von einem Berlin, das gleichzeitig großzügig und unerbittlich, schön und chaotisch, lustvoll und melancholisch sein kann.
Vincent Wechselberger, "Dreams and How To Keep Them"
Launch Event: 10. September 2026, 18 Uhr
BAM Works, Ritterstraße 8, 10969 Berlin

Vincent Wechselberger, "Dreams and How To Keep Them" (Smut Press Verlag), © by the artist, Courtesy BAM Works Berlin

PARNASS 03/2026
