Bebender Zorn: Hannah Perry in Graz

 Hannah Perry, Shock Absorber, 2018 Ausstellungsansicht, Halle für Kunst & Medien, Graz, Foto: MK

Ein Jahr Vorbereitung geht der ersten institutionellen Einzelausstellung Hannah Perrys voran. Im Künstlerhaus Halle für Kunst & Medien Graz verarbeitet die britische Künstlerin klischeebehaftete Geschlechtervorstellungen und die Ambivalenz von Lust und Verlust.


Vibrierende Bässe, schimmerndes Metall, tiefergelegte Karosserien. Ein getuntes Auto ist nicht nur eine Entscheidung für einen gewissen sozialen Status, sondern oft auch ein wichtiges Requisit in modernen Balzritualen. Hannah Perry, 1984 in Chester, einer Arbeitergegend im Nordwesten Englands, geboren, kennt diesen Flirtzug gut. Jungs die mit wummernden Sounds beeindrucken wollen und dabei an ihr abprallen wie die Schallwellen der Außenwelt an der verspiegelten Karosserie.

Nun werden die Erinnerungen zur Skulptur. Kurator Jürgen Dehm entdeckte die junge Künstlerin Perry schon 2014 bei ihrer Abschlusspräsentation an den Royal Academy Schools in London. Bereits damals zeichnete sich der Ursprung dessen ab, was nun in Graz als Hauptwerk der Ausstellung präsentiert wird. Perry hat ihr ausgehendes Prinzip der bewegten Wandarbeit immer weiter in den Raum gebracht und zur beweglichen Skulptur installiert.

In der großen Halle des Künstlerhause schweben die rosé-farbenen reflektierenden Autofolien, sie vibrieren vom Bass der Lautsprecher montiert auf der Rückseite der geschwungenen Stahlwände. Der Ausstellungstitel „Rage Fluids“, zu Deutsch etwa „die Säfte der Wut“ oder „Zornwallungen“, spielt mit der persönlichen Erfahrung in Chester. Dieses autobiografische Element ist bei Perry ein sehr bestechliches – weil man es ihr abnimmt. Vielleicht liegt das auch an der Art wie Perry den Betrachter miteinbezieht. In der Spiegelung entlang der Folien körperlich erfahrbar, in den wiederkehrenden Inhaltsebenen subtiler.

 Hannah Perry, Shock Absorber, 2018 Ausstellungsansicht, Halle für Kunst & Medien, Graz, Foto: MK

Hannah Perry, Shock Absorber, 2018, Ausstellungsansicht, Halle für Kunst & Medien, Graz, Foto: MK

Die Hauptarbeit im großen Saal ist ein Projekt von vier umfassenden Neuproduktionen die für Graz innerhalb einer einjährigen Vorbereitungszeit entstanden sind. Raumfüllend eingenommen wird auch die Apsis. Hier zeigt Perry einen jüngst fertiggestellten 360° Film. Auf einem Stoff der wirkt wie soeben verlassene Bettlaken fliegen die Körperteile zweier Tänzer durch den Raum. Unterschiedliche Geschlechter überlagern sich, Nähe und Distanz und damit Verschmelzung und Entfremdung wechseln sich ab. Die Künstlerin legt einen poetischen Text über die Stimmung. In projizierten Wortfetzen und einem betörenden Voiceover reflektiert sie Verlust und Veränderung. Manche Wörter finden sich in den Seitenarmen des Ausstellungsraumes wieder; Auf den eigens angefertigten Wandarbeiten – Drucke die mit geschichteten Autofolien und Autolack zu Collagen werden.

Ein letzter Teil der Gesamtidee war eine für die Eröffnung der Ausstellung von Perry zusammen mit Tänzerinnen und Tänzern konzipierten Performance. Abermals steckte sie hier Spannungsfelder zwischen Anziehung und Abstoßung ab und fasste dieses Mit- und Gegeneinander in melodische Choreografien.

 Hannah Perry, Shock Absorber, 2018 Ausstellungsansicht, Halle für Kunst & Medien, Graz, Foto: MK

Hannah Perry, Shock Absorber, 2018, Ausstellungsansicht, Halle für Kunst & Medien, Graz, Foto: MK

Künstlerhaus Halle für Kunst & Medien

Burgring 2, 8010 Graz
Österreich

Hannah Perry
Rage Fluids

30. Juni 2018 bis 26. August 2018

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