ARNULF RAINER

Zuletzt geriet Arnulf Rainer wieder in die Schlagzeilen, als er sich gegen die Präsentation und von 77 Werke in Kreuzform aus der Sammlung Werner Trenker im Wiener Stephansdom aussprach, die für Februar 2026 angekündigt wurde, da er seine Gemälde nicht religiös gedeutet wissen wollte. Einmal mehr erwies sich, dass seine Kunst komplex und widersprüchlich ist und sich einer linearen allzu vordergründigen Interpretation stets entzog. Nun ist der Künstler im 96. Lebensjahr am 18. Dezember gestorben, wie seine Familie via Galerie Ropac mitteilte.
Mit Arnulf Rainer geht erneut ein wichtiger Künstler Österreichs dessen Fokus auf der Malerei und ihrer Befragung lag. Darüber hinaus war Rainer ein exzellenter Grafiker, dessen Kaltnadelradierungen zu den feinsten Werken in dieser Technik zählen.
Bereits seine frühen Werke waren charakteristisch für die Aufbruchstendenzen der künstlerischen Avantgarde in Österreich und ihrer Hinwendung zu den vielfältigen Möglichkeiten des abstrakten Gestaltens. Entstanden von 1948 bis 1950 in seiner surrealistischen Phase figurativen Zeichnungen so suchte er bald nach neuen radikaleren Möglichkeiten seine künstlerische Intention zum Ausdruck zu bringen. Zusammen mit Ernst Fuch, Anton Lehmden, Arik Brauer, Wolfgang Hollegha, Markus Prachensky und Josef Mikl gründete er 1950 die Hundsgruppe, mit der er 1951 in den Räumen der Wiener Gesellschaft für Wissenschaft und Kunst ausstellte 1951 fand die legendäre Reise Rainers mit Maria Lassnig nach Paris statt, um dort in die surrealistische Bewegung einzutauchen und André Breton zu treffen. Enttäuscht von der Bürgerlichkeit des großen Surrealisten, die beide als Enttäuschung empfanden, sollte vor allem die Ausstellung „Véhémences confrontés“ in der Pariser Galerie Nina Dausset Rainers weiteres künstlerischen Schaffen prägen. Ebendort wurden sie mit den abstrakten Werken von Jackson Pollock, De Kooning, Jean-Paul Riopelle, Hans Hartung, Georges Mathieu und anderen konfrontiert und die surrealistischen Bildkompositionen wurden von einer informellen Formensprache abgelöst. Rainers Interesse galt dabei vor allem der automatischen Kunst – der écriture automatique. Er begann damals mit den sogenannten „Blindzeichnungen“, in der vertikale und zentrale Linien im Fokus standen und mit denen er eine völlige Abkehr von jeglicher narrativen Bildauffassung vollzog. Im Vordergrund steht die unbewusste Handhabung zeichnerischer Mittel und die körperliche Gestik. Diese Werke, die er damals noch oft mit seinem Künstlernahmen TRR signierte, zeigen die Suche nach einer neuen, radikalen Ausdrucksweise und sein Streben die „Malerei, um die Malerei zu verlassen“. Das Informel gab ihm die Möglichkeit der Emotion mittels gestischer Strickführung Ausdruck zu verleihen sowie durch die automatisierter Handlungen eine komplett neue künstlerische Praxis zu etablieren. Die Vertikal- und Zentralgestaltung markieren Schlüsselwerke im Œuvre des Künstlers und begründeten seine internationale Position. 1973 schrieb er im Nachhinein über ihren Entstehungsprozess:
„Mit der Befürchtung keinerlei Weg zu finden, die Kunst überhaupt aufzugeben, lag ich wochenlang herum, sinnierte, versuchte aber im Geiste zu zeichnen. Dabei stieß ich auf Gesten, Zeichengesten, die sich mir immer wieder aufdrängten: kurze, sekundenschnelle Kürzel. Auf kleinen Blättern wagte ich es, diese Handbewegungen seismographisch niederzuschreiben. Ich hatte etwas gefunden, ich hatte eine Outputmotorik erwischt, die mich nicht mehr losließ.“
Über die Werkserie der „Zentralisationen“, gelangte Rainer zu den Zumalungen und Übermalungen, die er bis Anfang der 1970er-Jahre schuf. Vor allem die großformatigen roten und schwarzen Übermalungen, die in einer Auswahl 2018 in der Galerie Ropac zu sehen waren, beeindruckten. In dieser Zeit begann er auch auch Psychiatrie und die Malerei Geisteskranker zu interessieren und agierte selbst mit ‚Posen und Grimassierungen vor der Kamera und übermalte in Folge seine eigenen Selbstporträts in Werkserien wie den bekannten „Face Farces“ oder „Body Poses“. Sein Spätwerk wurde wieder lyrischer und farbiger. So zeigten seine „Schleierbilder“ eine besonders subtile Transparenz verschiedener Malschichten, Ebenso bereiteten Überarbeitungen kunsthistorischer Bezugsgrößen, wie etwa Leonardo da Vinci, Goya oder von Motiven aus Landschaftsbüchern des 18. und 19. Jahrhunderts aus bereiten eine äußerst farbintensives Spätwerk vor. So lebte sein Werk „von von den Gegensätzen“, wie Stefan Üner in seinem PARNASS-Text zum 90. Geburtstag des Künstlers die Rainer-Expertin und Galeristin Christa Armann zitierte. Das bestätigt auch Kuratorin Antonia Hoerschelmann, die 2020 die Schau „Arnulf Rainer. Eine Hommage“ in der Wiener Albertina ausgerichtete angesichts Rainers Werkzyklen treffend von einer Art Pendelbewegung spricht: „Es geht dabei immer auch um ein Befreiungsmoment. Rainer hat sich sehr individuell durch die österreichischen und internationalen, künstlerischen Entwicklungen der Nachkriegszeit bewegt.“

Arnulf Rainer, Ohne Titel, ca. 1989, Mixed media on chromolithography auf Karton und Holz,
Courtesy Galerie Thaddaeus Ropac, London · Paris · Salzburg · Milan · Seoul, © Arnulf Rainer
Foto:: Ulrich Ghezzi
In jüngerer Vergangenheit wurden Rainers Werk zahlreiche Retrospektiven in internationalen Institutionen gewidmet, darunter das Stedelijk Museum, Amsterdam (2000); Kunstmuseum Den Haag (2005); Alte Pinakothek, München (2010); ALBERTINA, Wien (2014 und 2019–20); Lentos Kunstmuseum Linz (2017); und MARe – Muzeul de Artă Recentă, Bucharest (2022). Anlässlich des 95. Geburtstags des Künstlers im Jahr 2024 fand eine große monografische Ausstellung im Arnulf Rainer Museum statt, das 2009 in seiner Heimatstadt Baden gegründet wurde. Eine der mir besonders in Erinnerung gebliebenen Ausstellungen ist „Tizian schaut“ – eine Dialogausstellung zwischen Arnulf Rainer und Werken des 2006 verstorbenen venezianischen Maler Emilio Vedova, die sowohl im Rainer-Museum in Baden als auch in der Folge in der Fondazione Emilio e Annabianca Vedova gezeigt wurde. Die Künstler waren Weggefährten und Freunde, verbunden auch in einem ähnlichen Verhältnis zu Farbe und der Malerei per se. In dem expressiven Ausdruck im Spätwerk Tizian fanden sowohl Rainer als auch Vedova eine künstlerische Entsprechung zu ihrer Malerei – von den kraftvollen Pinselhieben Vedovas bis hin zu den Fingermalereien Rainers. Das „Venezianische“, wenn man so will, findet sich auch in Rainers Suite der Piranesi-Überarbeitungen von 1987.
Arnulf Rainer war ein wahrer Visionär. Er warf nicht nur Licht auf die Mentalität Nachkriegseuropas, sondern erweiterte auch unermüdlich die Grenzen der Kunst und ihrer Schaffensmöglichkeiten. Er zählt zu den inspirierendsten Künstlern, mit denen ich zusammenarbeiten durfte, und seine künstlerischen Errungenschaften werden für immer Teil des Kanons bleiben. Es war eine große Ehre, ihn über vierzig Jahre lang gekannt und in zahlreichen Ausstellungen viele seiner bedeutendsten Werke gezeigt zu haben.

Arnulf Rainer, Ohne Titel, 1960er-Jahre: Öl auf Leinwand, Courtesy Galerie Thaddaeus Ropac, London · Paris · Salzburg · Milan · Seoul, © Arnulf Rainer
Foto: Ulrich Ghezzi
Rainer arbeitet viel in Teneriffa. Hier entstanden Aquarelle, die seine Beobachtung der Natur widerspiegeln und ein eindrucksvolle späte Werkserie des Künstlers darstellte. Wie als wenn er alle gesagt, hätte, alles durckdekliniert hätte die Malerei und ihre Parameter in Frage gestellt hätte um letztlich der Farbe und Geste, den Möglichkeiten der Malerei und Grafik erneut mit großer Leichtigkeit Ausdruck zu verleihen. „Er ist einzig dem Schöpferischen aus Geste und Farbe verpflichtet. Rainer braucht nichts mehr darunter. Alles Darunterliegende hat sich aufgelöst. Er kann ganz sicher und bestimmt seine Geste auf das Papier setzen – er hat nichts mehr zu verbergen, sondern begibt sich auf die Seite des Entdeckens, des Aufspürens.“, wie Christa Armann damals für PARNASS über diese Arbeiten schrieb. Zeitlebens konnte Rainer keiner Stilrichtung zugeordnet werden, wenngleich viele Tendenzen der Kunst sein Werk tangential begleiteten, so waren sie stets Anregung für ihn daraus Neues zu entwickeln.
Für ihn, so sagte Rainer einmal, ist Kunstgeschichte keine Geschichte, in der ein Stil den anderen ablöst. Für ihn hat Kunst eine kumulative Qualität; was er gemalt hat, bleibt Teil seines Wissens. Ein Künstler macht sich die Vergangenheit zu eigen und fügt etwas Neues hinzu.
