Andreas Leikauf und Eva Grün

Mit der Dialogschau von Andreas Leikauf und Eva Grün ist der Galerie Hilger wohl eine der interessanten Ausstellung in diesem beginnenden Kunstwinter gelungen. Nicht nur, dass die neuen Werke von Andreas Leikauf wie immer brisant, aktuell und formal gelungen sind, es sind vor allem die Arbeiten von Eva Grün, die für Überraschung sorgen.
„Let´s talk about the weather“ ist der Titel eines Werkes von Andreas Leikauf und zugleich jener der Ausstellung. Der scheinbar banale Aufruf ist jedoch ebenso brisant wie entlarvend. Betrachtet man das Bild wird einem die Intention des Künstlers sofort bewusst. Grundsätzlich beginnen Smalltalks gerne mit dem Wetter, vor allem dann wenn man sich kaum kennt oder sich nichts zu sagen hat. Aber dieses oberflächliche Gerede meint Andreas Leikauf nicht: „Wenn man in Österreich über das Wetter redet, redet man nicht über gesellschaftspolitische Entwicklungen, sondern sucht jede politische Diskussion tunlichst zu vermeiden. Das Ergeben an das Schicksalhafte der Witterung wird dem politischen Diskurs und dem Austausch über die Möglichkeiten der eigenen gesellschaftlichen Mitgestaltung vorgezogen. Ein Blick zurück auf die letzten Jahrzehnte zeigt, dass auch österreichische Printmedien in den Schlagzeilen ihrer Titelseiten den Zustand des Wetters wichtigen politischen Ereignissen vorgezogen haben. Wie oft hat man von Rekord-Temperaturen oder -Niederschlägen gelesen und nichts von weltpolitischen Ereignissen von historischer Tragweite erfahren. Wohl nicht zufällig beginnt der paradigmatische Roman über die Verfasstheit des Österreichers, Robert Musils Mann ohne Eigenschaften, mit einem Wetterbericht“ , so Roman Grabner treffend in seiner Laudatio.
Die Ausstellung macht unmissverständlich klar, dass die Werke von Andreas Leikauf und Eva Grün gesellschaftliche und politische Themen ansprechen. Die Malerei von Andreas Leikauf ist seit jeher ein kritischer Kommentar zu unsere Gegenwart, nicht moralisierend, nicht erklärend und sie geben auch keine Antwort auf aktuelle Fragestellungen. Denn auch die Kunst kann für die komplexen Themen der Gegenwart keine linearen Lösungen anbieten und schon garnicht kann sie die Welt retten. Doch sie kann ein Bewusstsein schaffen und betrachtet man die Bilder von Leikauf, so vergisst man ihre Botschaft so schnell nicht. Formal beeindruckt das nuancierte Spiel mit einer Farbe und der Dialog zwischen Grafik und Malerei bis man über das Motiv zum Text kommt, der dann einen entscheidenden Twist in der Leserichtung gibt. Diese sind jedoch keine komplexen Botschaften, ebenso sind die Motive seltsam vertraut – aus der medialen Bilderwelt der Magazine und Zeitungen, aus TV und Werbung – und das bringt sie nur noch näher in unsere Lebenswelt. Sie nehmen den „Zeitgeist und seine einprägsamen Slogans“, so Roman Grabner, „in den Blick.“ Solcherart entsteht eine „Bild-Text-Relation, die ein Narrativ evoziert, das so assoziativ wie rätselhaft, so offen wie hermetisch ist.“ Leikauf bricht mit dem schönen Schein und lässt uns hinter die hinter die Oberfläche blicken, in der zuweilen eine erschreckende Leere klafft. „Er adaptiert die Inszenierung bekannter Ikonographien und stolzer Gesten, um sie in den Gesichtsausdrücken seiner Protagonist:innen als hohle Attitüden zu desavouieren.“

Ausstellungsansicht, Andreas Leikauf let´s talk about the weather feat. Eva Grün, Foto: © Galerie Ernst Hilger
Der Dialog mit der Wiener Künstlerin Eva Grün – ein Vorschlag des Künstlers Andreas Leikauf – könnte nicht besser gelingen. Ihre Werke sind Tuschzeichnungen auf vorgefundenen Papieren. Das sind Pläne, Landkarten, Verpackungen, Flugtickets, Karteikarten oder Versandkartons. Diese sind jedoch nicht nur ein willkommener Bildträger sondern verleihen der Zeichnung eine zusätzliche Bedeutung, wie die Medikamentenkartons. Diese inszeniert sie in der Ausstellung als Wandinstallation. Doch es sind Verpackungen von schmerzstillenden oder bewusstseinserweiternden Pillen, die stets farbenfroh daher kommen und uns, wie Roman Grabner ausführte: „die Wirklichkeit erträglicher machen". Zugleich sind sie auch eine "subjektiven Diagnose unserer Jetztzeit" ebenso wie ein kritischer Blick auf die Pharmaindustrie: „Ob Fentanyl, Oxycontin oder Psychopharmaka, ob Betäubung, Rausch oder Sucht, einer verdient immer und es wird schwieriger bei klarem Verstand zu bleiben.“ Durch die Verwendung von alten Architekturplänen, die von ihrem Großvater stammen, verweist Eva Grün auch auf die Rolle und Bedeutung der gebauten Umwelt für gesellschaftliche Entwicklungen und in ihren Zeichnungen auf Landkarten „verhandeln ganz selbstverständlich die Vermessung der Welt, die Konstruktion von Nationen, die Künstlichkeit von Grenzziehungen und künden von alten Konflikten und neuen Imperialismen“, erklärt Grabner.

Ausstellungsansicht, Andreas Leikauf let´s talk about the weather feat. Eva Grün, Foto: © Galerie Ernst Hilger
Eva Grün ist eine exzellente Zeichnerin, doch ist dies nur die Ausgangsbasis um prägnant ihre Bildideen umzusetzen. Diese führen den Betrachter in eine Welt zwischen Realität und Fiktion. Sie sind Erzählungen, die uns den fragilen Zustand unsere Welt vor Augen führen – in all seiner Absurdität. Dabei ist man sich ob dieser feinen, realistischen Darstellungen über Landkarten und Bauplänen nicht sicher in welcher Zeit man sich befindet – Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft scheinen gleichzeitig präsent zu sein. Ähnlich wie Leikauf arbeitet auch Eva Grün mit den Möglichkeiten von Text und Bild und bedient sich oft ausgeschnittenen Zeitungsschlagzeilen, die sie collagiert und die zugleich auch als Bildtitel dienen. Grün und Leikauf arbeiten auf unterschiedliche Weise zu einem vergleichbaren thematischen Spektrum, die Ausstellung wirkt daher wie ein Dialog über die Themen, die beide beschäftigen und die sie versuchen in ihrer jeweiligen künstlerischen Praxis zu fassen oder sich ihnen zumindest anzunähern. Doch eines steht fest, anders als die digitalen Bilder auf den Displays, in den Fernsehnachrichten haben die analogen Bilder der Ausstellung eine viel stärkere Wirkkraft, man kann sie nicht wegwischen, und auch nicht nur kurz davor stehen bleiben. Sie schreiben sich in unser Gedächtnis ein und fragen: Sollen wir wirklich noch über das Wetter reden, wenn im Hintergrund der Panzer auffährt? Doch sie lassen uns auch ratlos zurück, machen uns unsere Ohnmacht und vielleicht auch Sprachlosigkeit ob der absurden politischen Entwicklungen bewusst. Was können wir also wirklich tun?

Ausstellungsansicht, Andreas Leikauf let´s talk about the weather feat. Eva Grün, Foto: © Galerie Ernst Hilger
Andreas Leikauf let´s talk about
the weather feat. Eva Grün
bis 14. Jänner 2026
Galerie Hilger
Terminhinweis:
Katalogpräsentation
Samstag, 13. Dezember 2025, 14 - 18 Uhr
