Alt genug, um relevant zu sein

Alois Riedl, Ingrid Wiener, Marion Baruch, Nanine Burkart und Alfred Klinkan. Was diese bekannten und bewährten Namen gemeinsam haben, ist ihr jahrzehntelanges künstlerisches Schaffen. Und: Sie alle waren im letzten Jahr mit Einzelausstellungen in Galerien und Museen, sowie auf Kunstmessen vertreten – was zeigt, dass sie trotz ihrer Altersgruppe in der gegenwärtigen Szene keineswegs wegzudenken sind. In unserem jährlichen Special Auctions & Fine Arts widmen wir diesen "Back Again"-Positionen einige wohlverdiente Seiten und möchten sie auch hier nochmal vorstellen.
ALOIS RIEDL
Bis 10. Oktober zeigte Kunsthandel Giese & Schweiger die Ausstellung „Alois Riedl Fundstücke“, am Tag zuvor eröffnete im Schlossmuseum Linz eine große Ausstellung zu Riedls 90. Geburtstag (bis 8. Februar 2026). Den Schwerpunkt bildet eine Werkserie aus den Jahren 1975–1985, die sich auf seine emotionale, expressive Ausdrucksfähigkeit konzentriert. Bei Giese & Schweiger waren neben Papier- und Leinwandarbeiten aus den späten 1970er- und frühen 1980er-Jahren auch ganz aktuelle Aquarelle zu sehen, die 2025 entstanden sind – und die waren beeindruckend. Einmal mehr zeigt sich, dass der 1935 in St. Marienkirchen bei Schärding geborene Alois Riedl in der Eigenständigkeit seines Œuvres in keine Schublade passt „und sich einer konventionellen stilistischen Kategorisierung entzieht“, wie Gerda Ridler 2020 in ihrem PARNASS-Porträt zu Alois Riedl schrieb (nachzulesen hier). Sie besuchte den Künstler in seinem Atelierhaus in Brunnenthal bei Schärding. Dort lebt und arbeitet Riedl gemeinsam mit seiner Frau, der Künstlerin Annerose Riedl, seit den frühen 1960er-Jahren, umgeben von einer umfangreichen Bibliothek und einer nicht minder umfassenden Kunstsammlung. Ebendort schuf er „abseits der künstlerischen Zentren und fern der Moden und Begehrlichkeiten des Kunstmarktes ein kompromissloses Werk, das innerhalb der österreichischen Kunst eine herausgehobene Position einnimmt“, so Ridler– und über das Innviertel überregional ausstrahlt, möchte man ergänzen.

Alois Riedl, O.T 4, 1979, Mischtechnik auf Papier, 109.6 x 111cm © Kunsthandel Giese und Schweiger
In der von Inga Kleinknecht kuratierten Ausstellung im Linzer Schlossmuseum steht Riedls Hang zur Reduktion im Mittelpunkt. Dass die Ausstellung lapidar „Ohne Titel“ heißt, ist daher nur konsequent. Die ausgestellten Arbeiten stehen exemplarisch für seine individuelle Formensprache, die sich zwischen Gegenständlichkeit und Abstraktion bewegt. Denn stets betonte Riedl, dass er ein gegenständlicher Maler sei, kein Abstrakter: „Wenn ich nicht den Fokus auf einen Gegenstand habe, kann ich gar nichts machen. Es muss irgendeine Formung geben, die mir auffällt und in mir einen Arbeitsprozess in Gang bringt“, meinte er im Gespräch 2020.

Alois Riedl, Ohne Titel, 1981, Dispersion, Kohle auf Papier, dreiteilig, je 150 x 420 cm, Foto: Thomas Radlwimmer, © der Künstler
INGRID WIENER
Zu wenig beachtet trotz eines großen, über Jahrzehnte entstandenen Werkes? Vielen Künstler:innen geht das so. Manche jedoch, wie Ingrid Wiener, rückten in den letzten Jahren ins Blickfeld der Kunstwelt. So erschien 2020 eine von Michaela Leutzendorff Pakesch herausgegebene Werkmonografie, 2023 zeigten das Kunsthaus Graz sowie das MAK Wieners Arbeiten in zwei Ausstellungen und 2024 erhielt die Künstlerin den Österreichischen Kunstpreis.
Nun bekommt sie im Museum Marta Herford ihre erste Museumsausstellung in Deutschland. Direktorin Kathleen Rahn ist vor allem von der „emotionalen Intelligenz“ der Künstlerin beeindruckt und hält den Zeitpunkt für perfekt, um Ingrid Wiener auszustellen. Denn bei Rundgängen in der Hochschule für Design im benachbarten Detmold fiel ihr wiederholt auf, dass sich die Studierenden intensiv mit Textil und textilen Arbeitsweisen beschäftigen. Das tat Ingrid Wiener, 1942 in Wien geboren, von Anfang an.

Ingrid Wiener, Drei Feldgurken, 2006, Gobelin, Wolle, Seide, 59 x 73 cm, Privatsammlung, Wien, © die Künstlerin
In Deutschland wurde sie vor allem bekannt, weil sie ab 1969 zusammen mit ihrem Mann Oswald Wiener und Michel Würthle in Westberlin mehrere Künstlerlokale betrieb. Während die Männer hinter dem Tresen standen, kochte Ingrid Wiener „gute österreichische Innereienküche“, wie Kathleen Rahn sagt. Die Lokale wurden zu den angesagtesten Künstler:innentreffpunkten der Stadt – vor allem das „Exil“. Ingrid Wiener kochte ebenso gern, wie sie Fotomodell, Künstlerin und Teil der Wiener Gruppe war. Klassische Frauenrollen einzunehmen, habe sie nie gestört. Es habe ihr Freude gemacht zu kochen und sich bei Performances der Gruppe nackt über den Boden schleifen zu lassen, hat Ingrid Wiener der Herforder Museumsdirektorin erzählt.
Kathleen Rahn ist beeindruckt von der Selbstverständlichkeit, mit der die Künstlerin sich in die verschiedenen Aufgaben fügte. Und erzählt, dass Ingrid Wiener auf die Frage, was sie jungen Frauen heute raten würde, geantwortet habe: „Einfach machen und tun.“ Aus feministischer Sicht sei sie keine Feministin, habe die Rolle der Frau nicht wie VALIE EXPORT thematisiert. Sie sei einfach eine selbstbewusste, pragmatische Frau. Und so seien auch ihre Arbeiten: existenzielle Zeichnungen, gewebte Notizzettel mit sinnlicher Materialität. Ein Werk, das niemals geradlinig sein wolle.

Ingrid Wiener, Jaquardbindung, 2019, Wolle, Baumwolle, Seide, 48 x 100 cm, Courtesy Charim Galerie, Wien, © Ingrid Wiener, Foto: Nick Ash
Wenngleich viele der Arbeiten ein häusliches Umfeld spiegeln, brechen sie durch ihre Darstellungsmechanismen mit tradierten Repräsentationsformen und Rollenbildern und spiegeln eine Künstlerin, die in vielerlei Hinsicht sehr bei sich ist, ‚eine total pragmatische Tussi‘, wie Wiener selbst es einordnete.
MARION BARUCH
Die Präsenz einer Galerie aus Mexiko war ein gelungener Coup der viennacontemporary 2025: Auf ihrem Solostand zeigte die Galería Mascota Textilarbeiten von Marion Baruch.
1929 in Rumänien geboren, lebt die heute 96-jährige Künstlerin nach zahlreichen internationalen Stationen heute in Italien. Zu sehen waren Objekte aus weggeworfenen Textilien, die Baruch zu Metaphern der Leere verdichtet: Sie schneidet aus Reststoffen Negativformen, lässt Nähte, Etiketten und Produktionsspuren stehen und hängt die leichten Gewebe so in den Raum, dass Durchsichten, Lücken und Schatten ein temporäres soziales Feld bilden. Wesentlich ist auch der Einsatz der Farben und Muster.
Baruch denkt in Innenwelten und Außenräumen. Wenn sie von „void“ spricht, meint sie kein spirituelles Nichts, sondern einen konkreten Freiraum – eine Einladung an das Publikum. So entstehen nicht nur physische Objekte, sondern auch partizipative Situationen, etwa das Projekt „une chambre vide“ (2009), für das sie ein Zimmer ihrer Wohnung leerräumte und einen Monat lang jeden Nachmittag – wenn die Sonne ein warmes Rechteck auf den Holzboden zeichnete – zum Gespräch einlud. Nicht zuletzt ist Baruchs Arbeit generell soziopolitisch zu lesen und auch ein Kommentar zu Fast Fashion und zur Wegwerfindustrie. Die Textilarbeiten und der spezifische Stil der letzten Jahre entstanden aber auch aus ihrer persönlichen Lebenssituation heraus. Eine zunehmende Sehbeeinträchtigung prägt Materialwahl und Verfahren, nicht jedoch die Prägnanz des Ausdrucks.

Marion Baruch, Promenade dans le bois, 2018, Courtesy Marion Baruch Studio, Foto: Peter Colombo, Bildrecht Wien, 2025
NANINE BURKART
Eine Entdeckung der vielfältigen Herbstmessen in Wien war die Künstlerin Nanine Burkart. Dabei vertritt die in Krems ansässige Galerie Kopriva die 1942 in Königsberg geborene Künstlerin bereits seit vielen Jahren. Doch durch den Solostand auf der Vienna Highlights rückte sie in den Fokus eines breiteren Publikums. Und das zu recht. Burkart lebt seit den 1960er-Jahren in Österreich und Italien und schuf in ihrem Atelierhaus in Kötschach-Mauthen in Kärnten und am Zweitwohnsitz in den Bergen der ligurischen Küste ein umfangreiches und auch vielfältiges Werk. Es reicht von bunten Bildkonzeptionen, in die Landschaftsmotive und Farbflächen ineinander verwebt sind, bis hin zur Abstraktion. In den abstrakten Arbeitenwird die Leinwand unterschiedlich inszeniert: mittels Flächen aus cremigen Weißtönen, in die Nanine Burkart grafische Linien platziert, bis hin zu dunklen Arbeiten, die aus dichten malerische Schichten bestehen.
Nanine Burkart, Ohne Titel, 2018, Mischtechnik auf Leinwand, 80 x 120 cm, Courtesy Galerie Kopriva Krems
In den aktuellen Werken, die auch auf der Messe zu sehen waren, ist die lyrische Grundhaltung ihrer Bilder einer dynamischen Malerei gewichen. Burkart spannt ein kraftvolles Netzwerk aus Farbflächen und schwarzen Pinselstrichen über die Leinwand. Diese sind gestisch in das Bild gesetzt und überlagern sich mit den breitflächigen Farbfeldern. Die aktuellen Bilder vermitteln eine spontane, schnelle Arbeitsweise und zeigen einmal mehr die Vielfältigkeit ihres Œuvres sowie ihre bis heute andauernde Freude an der Malerei.
ALFRED KLINKAN
Alfred Klinkan ist ein Künstler, dem in der Kunstgeschichte Österreichs der 1970er- bis 1990er-Jahre stets eine wesentliche Rolle zugeschrieben wird – und der dennoch nie so im Mittelpunkt stand wie andere Vertreter der figurativen Malerei von Siegfried Anzinger über Erwin Bohatsch und Alois Mosbacher bis Hubert Schmalix. In einer Zeit, als Konzeptkunst, Performances und Medien wie Fotografie, Film und Video die Avantgarde dominierten, setzte Klinkan Anfang der 1970er-Jahre mit seinen farbigen, figurativen Bildern ein Statement für eine expressive, gestische Malerei. Rückblickend war das avanciert, sollte doch die Neue Malerei das kommende Jahrzehnt dominieren, international mit Künstlern wie unter anderen Baselitz oder Lüpertz und in Österreich mit den Neuen Wilden. So gilt Klinkan heute als Vorreiter der „Neuen Malerei“, die er in den folgenden Jahren auch wesentlich mitprägte.
2025 wäre Alfred Klinkan 75 Jahre alt geworden. Ein Anlass für die Galerie bei der Albertina. Zetter, dem Künstler die Ausstellung "Wunderwelten" zu widmen. Seit vielen Jahren kümmert sich die Galerie darum, das Werk des Österreichers auch in seinem Heimatland präsent zu halten. Kennt man vor allem die großformatigen, in rot-orangen Farben gehaltenen Leinwandbilder, so zeigt die Ausstellung, die den Fokus auf die Jahre 1970 bis 1985 setzt, die erstaunliche Vielseitigkeit seines Œuvres – und das anhand von Malerei und Grafiken, die bislang kaum oder noch gar nicht in einem Ausstellungskontext gezeigt wurden und aus dem von der Familie Klinkan verwalteten Nachlass stammen.
Die Bilder sind für mich wie ein Aufenthalt in einem Phantasie- oder Wunschland.
Der 1950 im steirischen Judenburg geborene Künstler studierte ab 1970 an der Akademie der bildenden Künste in Wien bei Josef Mikl und Wolfgang Hollegha, deren abstrakte Malerei Klinkan jedoch nicht übernahm. Schon früh entwickelte Alfred Klinkan in seinen Grafiken und in seiner Malerei einen sehr individuellen figurativen Stil. Dazu gehören auch seine Anfang der 1970er-Jahre entstandenen „Krampusbilder“ mit ihren charakteristischen, spiralförmig aufgetragenen Linien, die eine Figur umschreiben. Gekonnt entwickelt Klinkan aus einer an sich abstrakten Kritzelei das Motiv. Sind es Erinnerungen an seine Kindheit oder ironische, kritische Anmerkungen zur Gegenwart? Vermischt sich Autobiografisches mit dem Weltgeschehen? Die Krampusse sind zuweilen knallrot, wirken angestrengt, erschöpft und mutieren zum Skelett eingewebt in ein Strickmuster.

Alfred Klinkan, Keuchender Krampus, 1971, 200 x 90 cm, Provenienz: Aus dem Nachlass Alfred Klinkan, Ausstellung: Graz, Neue Galerie, „Alfred Klinkan. Wasnichtallessorauskommt“, 2019
Dieses düstere Szenario löst Klinkan 1972 in der Serie „Doud“ auf. Nicht nur wird der Krampus weiblich, er findet sich auch in einer Motiv- und Farbwelt wieder, die Anleihen an die Pop-Art nimmt. Doch verdichtete Klinkan „Kunstrichtungen wie den Wiener Aktionismus, die Kunstgruppe Wirklichkeiten oder die Pop-Art in seinem Werk zu etwas Anarchisch-Eigenständigem. Die doppelbödige Naivität und der damit verbundene Humor seiner Kunst übertrugen sich selbstverständlich auf das reale Leben, das Klinkan oft als Story, als Comic oder überhaupt als Wunder begriff“, wie Günther Holler-Schuster treffend formulierte. Der Kunsthistoriker und Kurator präsentierte 2020 die umfassende Ausstellung „Alfred Klinkan – Wasnichtallessorauskommt“ in der Neuen Galerie Graz.
In nur zwei Jahrzehnten hat Alfred Klinkan ein erstaunlich umfassendes Werk erarbeitet: großflächige Serien von Gemälden, Zeichnungen und zahlreiche Grafiken. Eine nuancierte Farbigkeit, häufig in Komplementärkontrasten, prägt die Werke seiner Fabelwelten. „Die Farbe ist eine der wesentlichen Herausforderungen in meiner Malerei. Ich versuche die Farbe auf meine Art zu kultivieren, eigene Gesetzlichkeiten und Variationen zu erarbeiten, die gewisse und starke sinnliche Reize auslösen. […] Durch die Farbgegenüberstellungen und -kombinationen versuche ich, eine bestimmte Gesamtwirkung zu erzielen, die ich als Sättigkeit definieren möchte.“, so der Künstler 1983 herausgegebenen Katalog zur Ausstellung „Einfach gute Malerei“ im heutigen Belvedere 21.
1985 entstand mit Bildern wie „Der Wolkenbläser“ eine Werkserie mit einer neuen Farbpalette. Das Rot ist einem intensiven Türkis gewichen und der Horror Vacui des Hintergrundes einem monochromen Farbauftrag, der wie eine Bühne die davor agierenden Personen umfängt. Mythologische Literatur, Fabeln und Sagen sind jedoch weiterhin die ikonografische Bildquellen seiner Malerei. Im Spätwerk des 1994 früh verstorbenen Künstlers zeichnet sich ein thematischer wie formaler Wandel ab: Klinkan reduzierte in seinen letzten Werkzyklen die Bildelemente und das Kolorit wurde dunkler.

Alfred Klinkan, Wolkenbläser, 1985, Öl auf Leinwand, 198 x 139 cm, Foto © Laura Spes

