Klima Biennale Wien 2026

Aktivismus, vom Stadtstrand aus gesehen

(No) Funny Games, Kaorle am Karlsplatz, Klima Biennale 2026, Foto © eSeL.at - Joanna Pianka

Die Klima Biennale Wien erstreckt sich in ihrer zweiten Ausgabe in den öffentlichen Raum und kooperiert mit zahlreichen Spaces in der Stadt. Obwohl das Programm dadurch unübersichtlich scheint, ist es eine gelungene Einladung, viele Kunsträume und Projekte zu unterschiedlichen Klimaaspekten zu erkunden. So werden etwa mit der Wirtschaftsagentur Farben aus Bioabfällen gewonnen. Der einzige Wermutstropfen: sie kommen nicht direkt in Werken der Biennale zum Einsatz.


Raus in den öffentlichen Raum

Zuerst lohnt es sich aber, die Präsentation im öffentlichen Raum mit dem gleich zwei Filmklassiker zitierenden Titel „(No) Funny Games“ oder „Wie wir lernten, fürsorglich zu sein und die Dystopie zu lieben“ zu sehen:

Verkörperte Margot Pilz‘ ortsspezifische Installation „Caorle am Karlsplatz“ 1982 noch Sehnsucht, lesen wir die Reinszenierung heute anders. Dass sich in den aufgeschütteten Sand, ein paar Klappsessel und den gestrandeten Plastikwal nunmehr Diskurse von Massentourismus, Erderwärmung und Artensterben einschreiben, beraubt die Arbeit kaum ihrer Attraktivität für Besucher:innen. Fake-Palmen aus Hebebühnen und Abdeckplanen der finnischen Künstlerin Pia Sirén komplettieren das Karlsplatz-Ensemble; ästhetisch nahe an den Baggern in St. Marx, wodurch sich zumindest sanfte Panik vor der Dystopie in gleißender Hitze einstellt.

Margot Pilz, Kaorle 1982, © Margot Pilz

Margot Pilz, Kaorle 1982, © Margot Pilz

In unmittelbarer Nähe wagt Folke Köbberlings „Maaaaash!“ einen Eingriff in die Umwelt und verweist nicht bloß auf diese. Von einer üblicherweise kraftvoll motorisierten G-Klasse abgeformt, besteht die Skulptur aus einem sich kontinuierlich zersetzendem Bioverbundstoff. Entgegen dem Original, das die städtische Flora mit Abgaswerten belastet, gibt das aktuelle Kunstwerk somit Nährstoffe in den Boden.

Weitere Positionen, die Teil des Parcours im öffentlichen Raum sind, reflektieren wichtige ökologische Probleme wie zum Beispiel „Ultrafauna“, die Soundinstallation von Dominik Eulberg & Marcin Nowicki in einem Waggon des Wiener Riesenrads, in welcher die Ultraschallkommunikation gefährdeter Fledermäuse aus der Lobau hörbar gemacht wird. Zuletzt ist auch die Kooperation mit Calle Libre eine gute Abwechslung: An einem Mietshaus in der Baumgasse verwandelt ein Mural der Schweizer Gruppe NEVERCREW die Klimabedrohung in ein wandfüllendes Plastikfigurenset von Eisbär bis -scholle. Dass die Auftragsarbeit bleiben wird, kann man als Nachhaltigkeitsdimension der Biennale ergänzen.

Folke Köbberling, games are Open, Klima Biennale 2026, Foto © Other Sights / KÖR Wien

Folke Köbberling, games are Open, Klima Biennale 2026, Foto © Other Sights / KÖR Wien

Satelliten in der ganzen Stadt

Das Programm umfasst Satelliten in der ganzen Stadt, die teilweise schon zu sehen sind oder während der Laufzeit eröffnen. In der MQ ART BOX geht Eva Seiler der nicht-menschlichen Kodependenz in der Seidenproduktion nach – was zudem schlau an deren Geschichte im 7. Bezirk anknüpft.
DAS WEISSE HAUS zeigt, ebenso außerhalb der von Menschen bestimmten Sphäre, ein beeindruckendes skulpturales Instrument von Lena Kuzmich und Tony Wagner, das die photosynthetischen Prozesse lebender Cyanobakterien und Algen übersetzt.
Bei ENTRE beschäftigt sich Soñ Gweha mit einer als invasive Schädlingsart eingestuften Schneckenart, die bei den Bassa in Kamerun in einer komplexen Verbindung mit Spiritualität, Heilung und Revolution steht.

Wiener Würstelstand, HOT BOX BUILDING, Klima Biennale Wien 2026, © Hannes Kläger 

Wiener Würstelstand, HOT BOX BUILDING, Klima Biennale Wien 2026, © Hannes Kläger 

An vielen Stellen könnte die Klima Biennale eindringlicher protestieren.

Maximilian Lehner

Festivalzentrale im KunstHausWien

Die Spur von Schnecken bringt uns in Richtung Festivalzentrale im KunstHausWien: In der Ausstellung von The Institute of Queer Ecology im Projektraum Garage zeigt Daniela Brill Estrada einen Schwarm von Graphit-Schnecken, welche geologische Zeit reflektieren, in der sich mit den tektonischen Platten unbemerkt auch der Abstand zur Familie in Südamerika verschiebt. Die Arbeit fügt sich in eine Gruppe aus 34 Positionen zu Verlust, die in der Mitte des eng gedrängten Raums an einem Baum verbunden sind.

Die Hauptausstellung „Seeds. Reclaiming Roots, Sowing Futures“ steht dem gleichsam als thematische Monokultur gegenüber: Kritisch betrachtet werden Saatgutmonopolisierung (etwa in Tue Greenforts „Monoculture“, wo die fünf häufigsten Sorten sogleich ins KunstHausWien gepflanzt wurden) oder der Erhalt von Biodiversität. Letzteres bekommt in Dominique Kochs Videoarbeit eine zusätzlich prekäre Note: Sie widmet sich der Sicherung von Saatgut während des syrischen Bürgerkriegs. In Semiya (Seed Song) verknüpft Cecilia Vicuña die (politische) Geschichte ihres Heimatlandes Chile mit dem drohenden Verlust der Artenvielfalt durch genveränderte Samen zu einem poetischen Video. Von Kapwani Kiwanga sehen wir unter anderem eine Textilarbeit, die an unterschiedliche Bodenqualitäten erinnert. Bezugnehmend auf die Geschichte des Handels mit versklavten Menschen sind darin Reiskörner eingenäht, welche damals einer gesicherten Ernährung dienten.

Ausstellungsansicht, Seeds. Reclaiming Roots, Sowing Futures, © KunstHausWien, Foto: Iris Ranzinger

Ausstellungsansicht, Seeds. Reclaiming Roots, Sowing Futures, © KunstHausWien, Foto: Iris Ranzinger

Ausstellungsansicht, Seeds. Reclaiming Roots, Sowing Futures, © KunstHausWien, Foto: Iris Ranzinger

Ausstellungsansicht, Seeds. Reclaiming Roots, Sowing Futures, © KunstHausWien, Foto: Iris Ranzinger

Ausstellungsansicht, The Institute of Queer Ecology. I Wish We Had More Time, © KuntHausWien, Foto: Iris Ranzinger

Ausstellungsansicht, The Institute of Queer Ecology. I Wish We Had More Time, © KuntHausWien, Foto: Iris Ranzinger

Klima Biennale 2026, eSeL.at - Joanna Pianka

Klima Biennale 2026, eSeL.at - Joanna Pianka

 

Mural von NEVERCREW, Klima Biennale 2026 / Calle Libre, Foto © Marlene Nemeth

Mural von NEVERCREW, Klima Biennale 2026 / Calle Libre, Foto © Marlene Nemeth

Margot Pilz, Kaorle 1982, ©Margot Pilz

Margot Pilz, Kaorle 1982, ©Margot Pilz

(No) Funny Games, Kaorle am Karlsplatz, Klima Biennale 2026, Foto © eSeL.at - Joanna Pianka

(No) Funny Games, Kaorle am Karlsplatz, Klima Biennale 2026, Foto © eSeL.at - Joanna Pianka

Zu stiller PROTEST?

„Unspeakable Worlds“ ist das verbindende Thema der Klima Biennale. Die Unaussprechlichkeit gründe sich darin, dass die planetare Polykrise weder sprachlich noch kognitiv fassbar sei. Bei den gezeigten Arbeiten wäre es allerdings begrüßenswert, sich deutlich gegenüber globalen Problemen zu positionieren. Steht Saatgut im Zentrum, sind knappe Ressourcen oder landwirtschaftliche Arbeit mehr als bloße Referenzen und sucht man kreative Lösungen für die ökologische Krise, muss laute Kritik am Status quo zwischen den poetischen Arbeiten durchklingen. Dass obendrein die Dringlichkeit, im Stadtraum zu handeln, bloß zu einer Einladung zum Nachdenken mit Kunst wird, lässt auf den erwähnten „zweiten Blick“ aus dem Ausstellungstext hoffen. Weder Haneke, Kubrick, noch wir müssen uns mit Liebe zur Dystopie abfinden. Selbst wenn wir die Zerstörung der Welt oft so wenig verstehen wie die Beweggründe zweier Eindringlinge, die eine Familie im Eigenheim terrorisieren, muss die Biennale nicht vor dieser Komplexität erstarren. An vielen Stellen könnte sie eindringlicher protestieren gegen das, was sie nicht zu sagen vermag. Das umfangreiche Partner- und Rahmenprogramm mit Klimagipfel, Schulprojekten, Film, Performance und vielem mehr verspricht Abhilfe – und vielleicht ja noch mehr Mut für die nächste Ausgabe.

 

PARNASS PLAUSCH

Wir trafen die Festivalleiterin Sithara Pathirana und zwei der Kurator:innen Dorothea Trappel und Hektor Peljak zum Interview – jetzt auf unserem Instagram-Kanal!

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