Helga Philipp hinter einem ihrer kinetischen Objekte, um 1968, Foto: Helmut Kedro / Archiv Helga Philipp

In einer Welt, die dem Männlichen stets den Vortritt lässt und Frauen* nur allzu bereitwillig in den Schatten drängt, gibt es mittlerweile immer mehr Stimmen, die laut werden und dafür sorgen, dass sich der Wind des Patriarchats auch in der Kunstwelt langsam dreht. Positionen wie Anne Truitt, Helga Philipp und Anni Albers sind nur ein paar der Frauen, denen dieses Jahr umfassende institutionelle Einzelausstellungen gewidmet werden. Sie alle waren Pionierinnen ihres Fachs und kämpften zeitlebens standhaft dafür, gesehen zu werden. Dabei verlor die Arbeit dieser Künstlerinnen über die Jahre nicht an Aktualität, im Gegenteil – viele ihrer Ideen sind heute relevanter denn je.


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Anne Truitt – Pionieren der Minimal Art

Das Werk der US-amerikanischen Künstlerin Anne Truitt bewegt sich an der Schnittstelle von Skulptur, Malerei und Wahrnehmung und erweitert die oft als streng und kühl verstandene Minimal Art um eine subjektive, emotionale Dimension. Anne Truitt wurde 1921 in Baltimore geboren und wuchs mit zwei jüngeren Zwillingsschwestern in Easton an der Nordküste von Maryland auf. Es war keine behütete Kindheit. Inmitten der Weltwirtschaftskrise erkrankten ihre Eltern und Truitt übernahm mit nur zwölf Jahren die Verantwortung für den Haushalt. Diese frühe Bewährungsprobe prägte ihren Charakter nachhaltig und auch später, als Alleinerzieherin nach einer gescheiterten Ehe, sollte sich ihre Resilienz nochmals bewähren. Truitt studierte ab 1938 Psychologie und schloss ihr Studium 1943 ab. Während des Zweiten Weltkriegs betreute sie nachts als Rot-Kreuz-Hilfskrankenschwester im Massachusetts General Hospital in Boston verwundete Fliegersoldaten, während sie tagsüber als Forschungsassistentin im psychiatrischen Labor des Krankenhauses arbeitete.

Anne Truitt in ihrem Atelier, 1978, Schwarz-Weiß-Fotografie, Washington, D.C., © annetruitt.org / Bridgeman Images / Courtesy Matthew Marks Gallery

Anne Truitt in ihrem Atelier, 1978, Schwarz-Weiß-Fotografie, Washington, D.C., © annetruitt.org / Bridgeman Images / Courtesy Matthew Marks Gallery

Diese Jahre waren, wie Truitt 1982 in ihrem Daybook »The Journal of an Artist« schreibt, wichtig für ihr künstlerisches Werk und prägten ihr Interesse an Wahrnehmung, Erinnerung und subjektiver Erfahrung.Truitt begann in dieser Zeit, Geschichte und Kurzgeschichten zu schreiben. Das Schreiben – auch als Reflexion über ihr Leben als Mutter, Alleinerziehende und Künstlerin in einer patriarchal geprägten Gesellschaft – begleitete kontinuierlich ihre künstlerische Praxis. Truitts Bücher zählen heute zu den wichtigsten Künstlerinnentexten des 20. Jahrhunderts. Weiterlesen

 

Die Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen widmete Anne Truitt dieses Jahr die erste umfassende Ausstellung in Europa – "Anne Truitt. Pionierin der Minimal Art" versammelte mehr als 100 beeindruckende Werke aus über vier Jahrzehnten Schaffen.

Anne Truitt, Ausstellungsansicht, Museum K20 – Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen 2026, Foto: Achim Kukulies

Anne Truitt, Ausstellungsansicht, Museum K20 – Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen 2026, Foto: Achim Kukulies


Helga Philipp – Bewegungsräume

Helga Philipp gilt als zentrale Vertreterin der österreichischen konkreten Kunst und der Op-Art. Ihr Werk steht im Spannungsfeld zwischen visueller Erfahrung, geometrischer Abstraktion und kinetischer Formensprache, wobei sie mit mathematischen Prinzipien, seriellen Strukturen und Interaktivität experimentiert. 

Geboren wurde Helga Philipp 1939. Sie erlebte als Kind die Jahre des Zweiten Weltkriegs und den Tod des Vaters 1946. Kein leichter Start also, doch gefördert von ihrer Mutter und ihrer Tante trat sie 1953 mit 14 Jahren in die Vorklasse zum Studium an der Hochschule für angewandte Kunst (heute Universität für angewandte Kunst) ein. Danach studierte sie in der Klasse für Bildhauerei bei Hans Knesl. Dem konservativen Realismus Knesls setzte Philipp schon bald abstrakte Gipsmodelle entgegen und diplomierte mit einer gegenstandslosen Skulptur aus Mühldorfer Marmor.

Helga Philipp während der Vorbereitungen ihrer Installation im Wienfluss, 1972, Foto: Archiv Helga Philipp / Helmut Kedro

Helga Philipp während der Vorbereitungen ihrer Installation im Wienfluss, 1972, Foto: Archiv Helga Philipp / Helmut Kedro

Trotz einer regen Ausstellungstätigkeit war ihre Stellung als Künstlerin, die ab 1973 nach der Scheidung von ihrem Mann alleinerziehend war, alles andere als einfach. Weder Künstlerinnen noch konkrete Tendenzen standen damals in der Rezeption zur Kunst in Österreich allzu sehr im Vordergrund. Kanonbildung erscheint so auch als aktiver Ausschlussprozess. Dennoch hat Philipp, die auch durch ihre Lehrtätigkeit an der Hochschule für angewandte Kunst für eine weitere Künstler:innengeneration prägend war, mit »einer hohen intrinsischen Motivation und mit großer Beständigkeit an ihrem künstlerischen Werk gearbeitet«, wie ihre Tochter Olga Okunev im Interview mit Elsy Lahner erzählt. Weiterlesen


Die Wiener Albertina zeigt aktuell eine von Elsy Lahner kuratierte Retrospektive zum Werk der Künstlerin. "Helga Philipp. Bewegungsräume" ist noch bis 20. September 2026 zu sehen.

Ausstellungsansicht "Helga Philipp .Bewegungsräume", 2026, ALBERTINA, Wien, Foto © ALBERTINA, Wien / Ana Paula Franco

Ausstellungsansicht "Helga Philipp .Bewegungsräume", 2026, ALBERTINA, Wien, Foto © ALBERTINA, Wien / Ana Paula Franco


Anni Albers – Kette und Schuss, Lurex und bast

Anni Albers kombinierte Erfindungsreichtum mit analytischem Denken, ihr Werk und ihre Haltung erscheinen heute hochaktuell. Als Albers ihr Studium am Bauhaus absolvierte, schuf sie eine Arbeit, in der sie schon die Fäden für ihr späteres Werk auslegte: Damals gestaltete sie für einen Saal der Bundesschule des Deutschen Gewerkschaftsbundes eine gewebte Wandverkleidung. Diese schluckte den Schall, der sich zuvor als Echo bemerkbar gemacht hatte, und bestand aus einer gewitzten Materialkombination, einer Art Chenille-Stoff, in dem Anni Albers Baumwoll- mit Zellophanfäden verwob. Letzte hatte sie, wie sie schrieb, »in Italien an einem kleinen Hut entdeckt«.

Schon in diesem Werk zeigten sich zwei wesentliche Facetten ihres Schaffens: erstens die Tatsache, dass sie die Webkunst unter einem architektonischen Aspekt betrachtete, und zweitens ihre Freude am Experimentieren mit verschiedenen, auch unkonventionellen Materialien. Später sollte ein unglaubliches Spektrum an Werkstoffen dazukommen, von Lurex über Metallgarne bis hin zu Bast, Hanf und vielem mehr. Nach dem Studium am Bauhaus in Weimar ab 1922 und später in Dessau, wo sie auch die Weberei-Klasse leitete, emigrierte Albers mit ihrem Mann Josef Albers in die USA, unterrichtete am dortigen Black Mountain College und hob die Webkunst auf ein neues Level.

Anni Albers am Webstuhl, Black Mountain College, North Carolina, 1937, Foto: Helen M. Post, Courtesy of the Western Regional Archives, State Archives of North Carolina / Bildrecht, Wien 2026

Anni Albers am Webstuhl, Black Mountain College, North Carolina, 1937, Foto: Helen M. Post, Courtesy of the Western Regional Archives, State Archives of North Carolina / Bildrecht, Wien 2026

Das Fehlen eines männlichen Lehrmeisters verschaffte den Schülerinnen Freiheit.

Unda Hörner, Autorin von »Frauen am Bauhaus Dessau«

Das blieb schon zu Lebzeiten nicht unbemerkt: 1949 lud das MoMA sie zu einer Einzelausstellung ein, der ersten einer Textilkünstlerin. Gemeinhin wurde die Webkunst als weiblich konnotiertes Handwerk betrachtet, die mit dieser Technik verbundenen konzeptuellen Aspekte gerieten ins Hintertreffen. Doch Anni Albers durchdrang die Webkunst intellektuell wie niemand anderer. In ihrem Aufsatz »On Designing« schrieb sie 1943: »Wir werden wählen müssen zwischen Dingen, die uns ablenken, und solchen, die uns zu einer inneren Einkehr führen.« Weiterlesen
 

Die aktuelle Ausstellung im Unteren Belvedere, kuratiert von Brenda Danilowitz (Josef and Anni Albers Foundation, Bethany, Connecticut) und Fabienne Eggelhöfer (Zentrum Paul Klee, Bern), stellt das Œuvre der 1899 als Anneliese Fleischmann in Berlin geborenen Künstlerin vor.  "Anni Albers. Constructing Textiles" ist noch bis 16.08.2026 im Unteren Belvedere zu sehen.

Anni Albers, Sheep May Safely Graze, 1958, The Museum of Arts and Design, New York, Schenkung von Karen Johnson Boyd, durch das American Craft Council, 1977 © The Josef and Anni Albers Foundation / Bildrecht, Wien 2026

Anni Albers, Sheep May Safely Graze, 1958, The Museum of Arts and Design, New York, Schenkung von Karen Johnson Boyd, durch das American Craft Council, 1977 © The Josef and Anni Albers Foundation / Bildrecht, Wien 2026

 

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