"Ich möche meine Begeisterung weitergeben"

250 Jahre Albertina – Interview mit Ralph Gleis

Ralph Gleis, Foto © ALBERTINA Museum, Wien / Hauswirth

2026 ist das große Jubiläumsjahr der Albertina Wien. Zwischen Aufklärungsideal und modernem Museum, geprägt von Kontinuität und Krisen blickt die Institution trotz aller Herausforderungen zurück auf eine eine reichhaltige Sammlungsgeschichte – und nach vorne in eine große Zukunft. Als eine der meistbesuchten Kunstinstitutionen Europas verzählt die Sammlung Albertina heute über 1,2 Millionen Objekte, das runde Jubiläum wird dementsprechend gebührlich gefeiert. PARNASS traf den Generaldirektor Ralph Gleis zum Gespräch über Ausstellungsprogramm, Strategien und Zukunftsperspektiven zum 250-Jahr-Jubiläum der Albertina.


PARNASS: In Ihrem zweiten Jahr als Generaldirektor der Albertina wird das 250-jährige Gründungsjubiläum begangen – ein Anlass, die Stärken des Museums auszuspielen?
Ralph Gleis:
Ich wollte im ersten Jahr verschiedene Standards setzen, und die Reaktion des Publikums war ausgesprochen gut. Daher kann ich sagen, wir sind jetzt da angekommen, wo wir hinwollten: Wir zeigen mehr Ausstellungen zu übergreifenden Themen und wollen die Entdeckerfreude wecken. In der ersten der drei Jubiläumsausstellungen, »Faszination Papier«, geht es um das Medium selbst. Wir wollen die Sichtweisen auf die Sammlung ändern. Das war die Probe aufs Exempel, indem wir das Publikum einladen, physisch neue Perspektiven einzunehmen, ein paar Stufen hochzusteigen, um auf ein Werk hinunterzuschauen, oder etwas in die Hand zu nehmen. Diese Zugänge sind mir wichtig und programmatisch für die Zukunft.

P: »Sammeln für die Zukunft« heißt die große Jubiläumsschau im Sommer, die unter anderem den originalen Dürer-Hasen ausstellt.
RG:
Hier zeigen wir, was das Museum ausmacht: das Sammeln. Wer hat gesammelt, warum und wie hat sich die Sammlung entwickelt? Herzog Albert von Sachsen-Teschen und Erzherzogin Marie Christine legten den Grundstock. Aber Sammlungen wachsen dann besonders schnell, wenn andere Bestände inkorporiert werden, oder sie werden durch negative Ereignisse dezimiert. Auch in den letzten 20 Jahren kamen große Privatsammlungen, etwa von Batliner oder Essl, dazu. Und von Beginn an wurden nicht nur Werke alter Meister:innen, sondern auch zeitgenössische Kunst erworben. Wir wollen zeigen, wie sich die Albertina von der hochherrschaftlichen Sammlung mit aufklärerischem Anspruch in ein diversifiziertes Museum mit rund 1,2 Millionen Objekten aus mehreren Jahrhunderten gewandelt und für das Publikum geöffnet hat.

Die Albertina ist 250 Jahre alt, aber so lebendig wie nie.

Ralph Gleis

P: Die dritte Jubiläumsausstellung thematisiert die weibliche Seite der Albertina.
RG:
Gleich nach meiner Ernennung habe ich alle Kurator:innen gebeten, zusammenzustellen, welche Werke von Künstlerinnen die Sammlung enthält. Zur zeitgenössischen Kunst gab es diese Überlegungen bereits, aber nun wurden über 5.000 Arbeiten vom 15. Jahrhundert bis 1970 zusätzlich recherchiert. Die Ausstellung »Künstlerinnen der Albertina« beleuchtet, welche Rolle weibliche Kunstschaffende zur jeweiligen Zeit einnahmen – als Verlegerin im 17. Jahrhundert, als adelige Amateurinnen im Rokoko wie Marie Christine selbst, die eine ambitionierte Zeichnerin war, oder moderne Künstlerinnen von Tina Blau bis Käthe Kollwitz. Es wird vieles zu entdecken geben über das künstlerische und sozioökonomische Umfeld, das für Frauen anders definiert war als für Männer. Selbst einstmals berühmte Künstlerinnen wurden später oft von der Kunstgeschichte negiert.

Albertina, © Albertina, Wien, Foto: Harald Eisenberger

Albertina, © Albertina, Wien, Foto: Harald Eisenberger

P: Sie arbeiten viel mit Werken aus der Sammlung. Wie weit ist das dem Sparzwang geschuldet?
RG:
Die Sammlung zu erforschen, gehört zum zentralen Auftrag eines Museums. Und meistens kann man aus der eigenen Sammlung günstiger produzieren – ein probates Mittel, zumal bei einer Sammlung wie unserer. Aber das eine schließt das andere nicht aus. Wir geben Leihgaben an internationale Museen und holen auch großartige Kunst für Ausstellungen nach Wien. Neben den Jubiläumsausstellungen beleuchten wir heuer mit Francis Bacon und Pablo Picasso ein Thema, an dem man die Entwicklung figurativer Malerei im 20. Jahrhundert ablesen kann. Oftmals zeigen wir Ausstellungen, in denen Künstler:innen erstmals in Österreich präsentiert werden, im vergangenen Jahr etwa Jenny Saville. Genauso bilden wir die heimische Kunstszene ab, heuer mit Arnulf Rainer, Helga Philipp oder Franz West. All diese Stränge werden zu einem dichten Gewebe verflochten, das macht den Reiz des Albertina-Programms aus.

P: Welche Schwerpunkte setzen Sie bei Neuerwerbungen?
RG:
Wir haben gerade eine schriftlich fixierte Sammlungsstrategie eingeführt, die gab es bisher nicht. Bei Neuerwerbungen muss man sich überlegen: Was ist strategisch gewollt? Wo will man Akzente setzen? Unsere Kernkompetenz liegt bei Arbeiten auf Papier, aber darüber hinaus gibt es natürlich Malerei, Fotografie und Skulptur. Wir wollen hier auch Lücken in den ererbten Sammlungen schließen und erwerben bevorzugt Künstlerinnen, kürzlich etwa ein Triptychon von Leiko Ikemura, von der wir schon einige Zeichnungen hatten. Wir bekommen viele Angebote – da muss neben der unabdingbaren künstlerischen Qualität auch wirtschaftlich abgewogen werden, denn was einmal im Museum ist, braucht Depot, Konservierung und Restaurierung. Wir müssen also strategisch überlegen, wie wir die Sammlung weiterentwickeln. Nicht was heute en vogue ist, zählt, sondern eine Qualität mit Bestand für mindestens 100 Jahre. Gern lassen wir uns gezielt etwas schenken, davon kann man sich in der Ausstellung »Donated with Love« in der Albertina Klosterneuburg überzeugen. Sean Scully etwa schenkte uns zum Jubiläum fünf Gemälde, darunter ein frühes von 1974, das er zuvor zurückgekauft hatte. So ein Geschenk ist natürlich großartig!

Nicht was heute en vogue ist, zählt, sondern eine Qualität mit Bestand für mindestens 100 Jahre.

Ralph Gleis


P: Was erfordert den meisten Mut für die Zukunft der Albertina?
RG:
Auch für uns herrschen herausfordernde Zeiten – Sparzwänge, Krisen, Unsicherheit. Trotzdem müssen wir uns manchmal von der Tagesaktualität befreien und in die Zukunft schauen: Wo wollen wir in fünf, in zehn, in 100 Jahren sein? Das erfordert Mut.
Auch die letzten 250 Jahre waren nicht immer einfach, aber die Albertina hat sich stetig weiterentwickelt. Anfangs war sie ein grafisches Kabinett, dann wurde sie oft als Ausstellungshalle wahrgenommen, weil wir die empfindliche Grafik nicht permanent zeigen können. Heute sind wir ein universelles Museum, das verschiedenen Ansprüchen gerecht wird: ein Ort für die Künste, wo wir kreativ sein können, ein Ort des gesellschaftlichen Austauschs, ein Wohlfühlort, wo man mit Kunst und Menschen in Kontakt kommt. Ein Ort, wo wir gedankliche Experimente wagen, Utopien denken dürfen. Dieses Denken jenseits von Schemata und Gegebenheiten ist für uns als Gesellschaft mit Zukunft wichtig. Die Albertina ist 250 Jahre alt, aber so lebendig wie nie. Dafür braucht es Mut. Den möchte ich gern vorgeben und dem Team vermitteln.

Johann August Walther, Erzherzogin Marie Christine von Österreich, Gattin des Herzogs Albert von Sachsen-Teschen, 1776, Pinsel in Grau mit Weißhöhungen auf Pergament, 30,1 × 23,4 cm, © ALBERTINA, Wien

Johann August Walther, Erzherzogin Marie Christine von Österreich, Gattin des Herzogs Albert von Sachsen-Teschen, 1776, Pinsel in Grau mit Weißhöhungen auf Pergament, 30,1 × 23,4 cm, © ALBERTINA, Wien

P: Wie geht man mit den Veränderungen des Publikums um – von bildungsbürgerlich-elitär zu massentouristisch-oberflächlich?
RG:
Wir sind mit einem Publikum gesegnet, das viel mehr kennt als früher, weil Information leichter zugänglich ist. Ein Museum ist ein Ort des Originals, und eine intelligent gemachte Ausstellung ist trotz Tiefgang massentauglich. Andernorts gezeigte interaktive, immersive Shows ohne Kunstwerke haben keine lange Halbwertszeit, weil sie durch die Technik schnell überholt werden. Wir lassen in der Albertina die Kunst sprechen und versuchen spannende Themen zu finden.
Unser Publikum ist divers, daher bieten wir unterschiedliche Vermittlungsmethoden wie Führungen, Audio-Guides, Familienangebote und Kindervernissagen am Nachmittag. Das Format »Schau mal« kommt gut an – eine kurze Einführung, dann erkundet man die Ausstellung allein. Wir haben den Podcast »Lange Ohren« gestartet, um junge Erwachsene anzusprechen, die das Museum noch nicht für sich entdeckt haben.

P: Was wünschen Sie sich für die Zukunft?
RG:
Ich wünsche mir, dass wir das jetzt mit dem Team Erreichte positiv fortentwickeln können. Ein Museum ist ein lebendiger Organismus, es geht nicht immer nur linear nach oben. Aber wir wollen uns als Institution stets verbessern und für alle offen sein. Und wenn ich die Begeisterung, die ich für Kunst verspüre, an möglichst viele andere Menschen weitergeben kann, dann bin ich glücklich.

Albrecht Dürer, Feldhase, 1502, Aquarell und Deckfarben, Pinsel, mit Deckweiß erhöht, 25 × 22,5 cm, © ALBERTINA, Wien

Albrecht Dürer, Feldhase, 1502, Aquarell und Deckfarben, Pinsel, mit Deckweiß erhöht, 25 × 22,5 cm, © ALBERTINA, Wien

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