24 Stunden in Venedig

24 Hours Venedig – ein Rundgang durch kunstvolle Architekturmodelle, versteinerte Stillleben, eine wunderbare Schatzkammer, böse Männer- und weinende Frauendarstellungen.
Biennale di Archittetura : „Intelligens. Natural. Artificial. Collective.“
„Architektur war schon immer eine Antwort auf feindliches Klima… Sie muss überdenken, wie wir für eine veränderte Welt entwerfen“: Das Statement des Chefkurators Carlo Ratti, Architekt und MIT-Professor, wird hier zum Programm.
Eindrucksvoll - wenn auch wenig subtil – ist der Beitrag im deutschen Pavillon. Zu raumfüllenden Videos, die eindrücklich vor der Klimaerwärmung warnen, schallt Maria Callas‘ „Casta Diva“. Der Abspann fordert: “Take responsibility, the time for action is now”.
Am Weg zum Arsenale wäre ein Abstecher im „Canal Café“ willkommen, einer eigens konstruierten Installation, in der destilliertes Kanalwasser zum Getränk wird. Dafür gab es immerhin den Goldenen Löwen. Leider hat das Café gerade geschlossen, nur die Wasseraufbereitungsanlage ist sichtbar, ähnlich einer Hexenküche aus einem expressionistischen Film der 1920er Jahre.

Canal Café, Diller Scofidio + Renfro, Natural Systems Utilities, SODAI, Aaron Betsky, Davide Oldani © Foto Marco Zorzanello, Courtesy La Biennale di Venezia
Das Arsenale selbst ist ein Sammelsurium an zahlreichen Installationen, von denen einige sich als großartiger Selfie Hintergrund anbieten. So etwa Refik Anadols „Biophilia“, eine KI Daten Skulptur, die über 100 Millionen Bilder von Flora, Fauna und Pilzen zu immersiven digitalen Ökosystemen transformiert. Anadol zeigte bereits 2023 im MOMA New York eine KI-Installation und 2024 in Wien auf der SPARK Art Fair – so weist seine Arbeit auf die Schnittstelle dieser Biennale zur Kunst hin.
BIS 23.11.2025

Living Architecture: Biophilia, Refik Anadol Studio © Foto Luca Capuano, Courtesy La Biennale die Venezia
Palazzo Grassi: Tatiana Trouvé „The strange life of things” – Pinault Collection
„Das merkwürdige Leben der Dinge“ ist ein passender Titel für eine Schau, die tote, in Stein gegossene Stillleben zeigt. Trouvés Sesselobjekte etwa sind „Wächter“ zurückgelassener Kleidungsstücke, Koffer oder Bücher. Dieser dystopische Ansatz findet sich auch im Nachbau ihres Ateliers wieder, in dem diese Versatzstücke in Reih und Glied stehen. Sind diese austauschbaren Objekte alles, das von uns bleiben wird? Währen der Vorbereitungen für die große Venedig Ausstellung haben wir die Künstlerin übrigens im Pariser Atelier besucht, mehr dazu
BIS 4.1.2026

Palazzo Grassi: Tatiana Trouvé „The strange life of things” – Pinault Collection, Foto: PARNASS
Palazzo Grimani: “A Cabinet of Wonders – a celebration of art and nature. The George Loudon Collection”
Keine spröde Kühle, sondern das tiefe Interesse eines gebildeten Sammlers wird im Palazzo Grimani zur Schau gestellt: Kurator Thiery Morel hat die Schätze von Charles Loudon ausgebreitet, und in Dialog mit Kunstwerken aus Museen wie etwa dem MAK Wien gestellt. Die Ausstellung entführt uns in die Studiolos der Renaissance, als man allerlei Erstaunliches erwarb, um sich an den Wundern der Natur zu ergötzen. Auch Betrachter:innen des 21. Jahrhunderts staunen über Straußeneier, einen riesigen Bezoar (eine dem Elefantenmagen entstammende Steinmasse mit angeblich entgiftender Wirkung), einen präparierten Kugelfisch oder täuschend echt gestaltete Früchte, Pflanzen und Pilze. Übrigens ist der Palazzo auch ganz ohne Ausstellung ein Muss: allein der abschüssige Boden im Piano Nobile oder die Sala Tribuna faszinieren.
BIS 5.10.2025

Museo di Palazzo Grimani, A CABINET OF WONDERS, Ausstellungsansicht, Foto: Massimo Listri
Punta della Dogana: Thomas Schütte „Genealogies“ – Pinault Collection
Der deutsche Bildhauer, dem von einem seiner größten Sammler das ganze Haus zur Verfügung gestellt wurde, zeigt beeindruckende skulpturale Portraits von psychologischer Tiefe. Schon vor Jahrzehnten beschäftigte sich Schütte mit dem „alten weißen Mann“, erstmals 1992 unter dem Titel „Fratelli“: vier böse Gesichter. Monumental kommen „Drei ganz große Geister“ auf den Besucher zu, beängstigender sind die „Efficiency Men“: außerirdische Prädatoren. Das Weibliche stellt Schütte mit dem Brunnen „Weinende Frau“ dar: Eine ovale Platte mit drei Öffnungen, aus denen Wasser tröpfelt – die weinende Anti-Heldin klingt noch lange nach.
BIS 23.11.25

Punta della Dogana: Thomas Schütte „Genealogies“ – Pinault Collection, Foto: PARNASS
