TEFAF Maastricht 2026: Qualität als Bollwerk in unruhigen Zeiten

Jorge Welsh, TEFAF Maastricht 2026, Foto: Loraine Bodewes

Trauer und Verzagtheit im Kunstgeschehen? Frustriert sitzt der Engel auf einem Schemel – ein Bild der Resignation. In Hans Op de Beecks wunderbarer Skulptur "Zhai-Liza (angel)" (2024) lässt sich unschwer die Melancholie über einen Zustand der Welt erkennen, den selbst himmlische Wesen nicht mehr retten können. Eine Versinnbildlichung der momentanen Lage am Kunstmarkt? Die Galerie Ron Mandos aus Amsterdam präsentiert auf der TEFAF das letzte verfügbare Stück einer 5er-Edition: einen von zwei Artist Proofs für 84.000 Euro. Zum profanen Vergleich: Vor einem Jahr bei der Art Brussels 2025 lag der Preis bei der Galerie Almine Rech noch bei 45.000 Euro. Die Lehre daraus: Bei Editionen steigt der Preis mit jeder verkauften Ausgabe unerbittlich.


Es ist diese Art von exzeptionellen Objekten, die die TEFAF in Maastricht in ihrer 39. Ausgabe zur unangefochtenen Referenz des Kunstmarkts macht. Mit 277 Ausstellern aus 24 Ländern bietet die Messe einen qualitativen Streifzug durch mehr als 2500 Jahre Kunstgeschichte – von der Antike bis zur Gegenwart.

Während viele Messen heute wirtschaftliche wie qualitative Kompromisse eingehen, setzt die TEFAF konsequent auf das weltweit strengsteVetting“: Über 200 unabhängige Sachverständige prüfen jedes Exponat zwei Tage lang auf Originalität, Zustand und Provenienz. Das macht die Messe zu einem „Museum auf Zeit“ – oder zu einem vielfältigen Luxuskaufhaus ähnlich dem Londoner Harrods in Kunst.

Doch selbst diese Exzellenz ist nicht immun gegen das Weltgeschehen. Geopolitische Spannungen dämpfen die Stimmung, während logistische Hürden in der vergangenen Woche den Start erschwerten: Streiks am Flughafen in Brüssel und bei der Lufthansa behinderten die Anreise essenzieller (US-)Sammler:innen massiv. So zeigten sich die exklusiven Preview-Tage ungewohnt verhalten – ein seltener Moment der Verwundbarkeit für eine Messe, die sonst für absolute Perfektion steht.

Focus, TEFAF Maastricht 2026, Foto: Jitske Nap

Focus, TEFAF Maastricht 2026, Foto: Jitske Nap

Von der Antike bis zur Gegenwart: Ein Parcours der Prestigestücke

Die Qualität und Vielfältigkeit der Kunstmesse lässt sich sehr gut im Zuge eines Rundgangs nachvollziehen. Der Bogen spannt sich von der Antike bei der Galerie Cahn (Basel), die zwei filigrane etruskische Bronze-Statuetten (um 500 v. Chr.) zwischen 7.800 und 11.000 Euro anbietet, bis zu einem römischen Fresko mit Theatermasken und Panflöte (1. Jh. n. Chr.) bei der Pariser Galerie Tarantino (8.000 Euro). Sakrale Strahlkraft beweist die „Madonna mit Kind …“ von Pieter de Witte aka Pietro Candido (um 1550/60): Die mit 650.000 Euro taxierte Arbeit besticht durch die nuancierte Ausarbeitung der Gesichter.

Ein geografischer Sprung führt nach Japan und zur Londoner Galerie Rolleston. Das Rollenbild „Beauty under a Cherry Tree“ von Utagawa Kuniyoshi (Edo-Periode, 1850), meisterhaft in Tusche auf Seide ausgeführt, stieß für 225.000 Euro auf enormes Interesse.

Intersections, TEFAF Maastricht 2026, Foto: Jitske Nap

Intersections, TEFAF Maastricht 2026, Foto: Jitske Nap

Zurück in Europa, am Übergang zur Moderne, fasziniert die Pariser Galerie Malaquais mit einem Bronze-Guß von Camille Claudels „Abandon“ (2,2 Millionen Euro). Eher selten am Markt zu finden: Die Wachsskulptur „Bambino ebreo“ (1895/98) von Medardo Rosso, präsentiert von Matteo Lampertico (ML-Galerie Mailand) für 400.000 Euro.

Die TEFAF 2026 behauptet sich [...] als ein Fels in der Brandung des internationalen Kunsthandels.

Christof Habres

Besondere Aufmerksamkeit widmet der Markt derzeit Lotte Laserstein (1898-1993). Während ihre Arbeiten im Wiener Dorotheum zuletzt noch zu vergleichsweise moderaten Preisen zu finden waren – etwa das Werk „Auf dem Totenbett“, das 2023 für gut 48.000 Euro als Dauerleihgabe der Museumsfreunde in die Sammlung des Kunstpalasts Düsseldorf gelangte –, sind die Preise in Maastricht in anderen Sphären. Bei der britischen Galerie Agnews stand u.a. ein Porträt von Louis Hahne, dem Sohn der Galeristin Signe Schultz, für 120.000 Euro im Fokus.

Die Mitte des 20. Jahrhunderts wird durch eine monumentale Arbeit von Robert Motherwell (aus der Sammlung Onnasch) bei der Galerie Yares repräsentiert (2,2 Millionen US-Dollar). Bei den Zeitgenossen punkteten unter anderem Pierre Soulages bei Karsten Greve (aus 2014, 1,4 Millionen Euro), eine elegante Porzellan-Alabaster-Goldbecher-Serie von Edmund de Waal bei Piano Nobile (105.000 Euro) sowie Arnulf Rainers „Kreuz mit diagonalen Fingern“ (1986), das die Galerie Lelong für 450.000 Euro direkt aus dem Nachlass anbietet.

Apropos Österreich: Da die Galerie bel etage von Wolfgang Bauer diesmal pausiert, fungieren Wienerroither & Kohlbacher als österreichische „Last Men Standing“. Als Botschafter heimischen Kunstschaffens leisten sie hervorragende Arbeit: Von Klimt und Schiele über Lyonel Feininger (ok, ein „Legionär“ im heimischen Ensemble) und Zoran Music bis zu einer dichten, kurzweiligen Franz-West-Ecke (u.a. „Saxophonist“, 65.000 Euro), Arnulf Rainer („Die Brücke“, 650.000 Euro) und Rudolf Polanszky spannen sie eine vielschichtige Dramaturgie. Dass die giftig blickende „Gerti– Schieles Schwester Gertrude, die ihm Porträt sitzen musste – potenzielle Sammler im November 2024 bei der Art Cologne verschreckt hätte und daher der Preis von damals 1,5 Millionen Euro auf nunmehr 1,25 Millionen Euro gesenkt wurde, ist selbstverständlich eine „Urban Legend“.
Wie auch immer: Die TEFAF begann für die Wiener Galerie erfolgreich. Bereits am ersten Preview-Tag konnten jeweils ein Klimt, ein Schiele und ein Feininger verkauft werden.

Galerie Ron Mandos, TEFAF Maastricht 2026

Galerie Ron Mandos, TEFAF Maastricht 2026

Die TEFAF 2026 behauptet sich trotz einiger Kratzer, logistischer Mühen und der allgemeinen Spannung am globalen Kunstmarkt als ein Fels in der Brandung des internationalen Kunsthandels. Es wird nun sehr interessant zu beobachten sein, wie sich im heurigen Mai die 10. Ausgabe der TEFAF in New York City präsentieren wird – denn dort treten dann tatsächlich die weltweit führenden (zeitgenössischen) Galerien und Händler wie Gagosian, Lisson oder Thaddaeus Ropac an.

Die Messe in Maastricht läuft auf jeden Fall noch bis zum 19. März 2026.

www.tefaf.com

Hans Op de Beeck, Zhai-Liza (Angel), 2024

Hans Op de Beeck, Zhai-Liza (Angel), 2024

 


 

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