Galleria Michela Rizzo

Pionierin der venezianischen Galeristinnen

Michela Rizzo | Fotograf: Octavian Micleusanu

Michela Rizzo war eine der ersten starken Frauen in Venedig - allesamt echte Venezianerinnen - die sich traute, eine Galerie für zeitgenössische Kunst zu eröffnen. Sie stammt aus der Bäckereien- und Konditorendynastie Rizzo, wo sie auch arbeitete, bis sie im Alter von 36 Jahren ein Philosophiestudium absolvierte und beschloß, sich ab nun ganz der Kunst zu widmen. Sie begann ihre Galerietätigkeit in einem winzigen Raum. Nach mehreren Umzügen und Lernprozessen hat sie 2013 auf der Giudecca optimale Räume für ihr engagiertes Programm gefunden. Brigitte Groihofer hat sie für Parnass besucht.


Wie kamen Sie zur Kunst?

Ich war absolute Autodidaktin und kam erst in meinen 40er-Jahren, also sehr spät zur Kunst. Es war eine Art verrückte Idee. Ich hatte einen völlig anderen beruflichen Background, andere berufliche Erfahrung aus den Geschäften meiner Familie. Nach einem Philosophiestudium startete ich 2004. Die erste Galerie war mit nur 27 Quadratmetern sehr klein und fühlte sich für mich nicht sehr komfortabel und ideal an. In meiner Vorstellung sah ich größere Projekte. Die ersten beiden Jahre waren ein Experiment und ich arbeitete hauptsächlich mit lokalen Künstlern. Aber nach dieser Forschungsperiode verstand ich die Situation.

Sie begannen dann bald Auch mit international renommierten Künstlern zu arbeiten.

Mit der Eröffnung der ersten Galerie wollte ich einen spannenden Raum schaffen, nicht primär ein Business starten. Um zu überleben, protegierte ich Projekte in und für andere Räume, das waren sowohl private als auch öffentliche Räumen. Der große Wechsel kam 2007, als ich in Kooperation mit einer Londoner Galerie eine Ausstellung mit Damian Hirst in einem gemieteten venezianischen Palast machte. Diese Ausstellung veränderte meine Situation total, sie war ein großer ökonomischer Erfolg und erlaubte mir in Räume eines wunderschönen Palazzos in der Nähe von La Fenice im Zentrum der Stadt zu übersiedeln. Damit begann meine eigentliche Galerietätigkeit auf nun 250 Quadratmeter – und mit einem eigenen Programm.

Wo liegen die Probleme für Galerien zeitgenössischer Kunst in dieser speziellen Stadt mit nur mehr rund 35.000 Einwohnern?

Venedig ist ein sehr schwieriger Ort für Galerien. Die wichtigste Zeit ist die der Biennale, zu der jeder kommen will. Auch der Nimbus der sterbenden Stadt zieht viele Kunstfreunde an. Doch von nun an konnte ich mit bekannten und wichtigen internationalen Künstlern arbeiten, wie etwa Roman Opalka, Leon Ferrari, Hamish Fulton, Richard Nonas, Peter Blake, Damian Hirst, Vito Acconci. Von 2008 bis 2014 organisierte ich in diesem Palazzo wirklich aufregende Ausstellungen und kooperierte parallel mit Institutionen und Museen in Venedig, wie für die Ausstellung Tony Cragg mit der Cà Pesaro, oder auch mit dem Museo Correr oder Cà Rezzonico.

Doch von Ausstellungen an mehreren Standorten sind Sie Wieder abgekommen?

Es war zu viel. Die Galerie hier in diesem industriellen Raum mit dem schönen Garten, wo man tun kann was man will, liebe ich. Eine wunderbare Situation. Und ich änderte aus zwei Gründen ein wenig mein Programm. Einige meiner Künstler starben, Roman Opalka 2011, Vito Acconci starb 2017, Leon Ferrari starb 2013 …

 
Michela Rizzo | Fotograf: Octavian Micleusanu

Michela Rizzo | Fotograf: Octavian Micleusanu

In ihren Ausstellungen setzen sie oft etablierte POsitionen mit jungen Künstlern und Künstlerinnen in einen Dialog.

Ich arbeite noch immer arbeite mit „maestri“, wie Antoni Muntadas, Fabio Mauri, Hamish Fulton, Davíd Tremlett, jedoch öffne ich meine Galerie auch jungen Künstlern, wie heuer im Frühjahr Ryts Monet und aktuell Fabio Mauri in Konfrontation mit Antoni Muntadas. Es interessiert mich, die Generationen miteinander zu konfrontieren, den langen Schaffensweg der etablierten Künstler mit den frischen Ideen der Jungen in Dialog zu setzen.

Ich glaube, die beste Art zu sammeln ist eine Kombination aus Kopf/Intellekt und Herz. Das kann letzten Endes eine sehr gute Sammlung ergeben.

Michela Rizzo

Die Jungen verwenden zum Teil andere und neue Medien. Das ist eine großartige Erfahrung. Doch aus ökonomischen Gründen brauche ich auch die bereits etablierten Künstler. Ich will mich nicht auf eine Disziplin beschränken, Ich bin für alle künstlerischen Sparten und Disziplinen offen, weil ich glaube, dass Kunst spartenübergreifend ist. Aber ich mag, ich schaue auf zwei Dinge in der Kunst: Authentizität der Suche/Forschung und Ernsthaftigkeit der künstlerischen Arbeit. Damit meine ich, dass Künstler nicht ihre Karriere in den Vordergrund stellen, sondern ihre künstlerische Arbeit. Die internationalen Künstler, mit denen ich arbeite, sind so. Sie sind auf ihre Arbeit fokussiert. Viele bedeutende Künstler sind und waren ökonomisch nicht erfolgreich, wie Vito Acconci. Sie sind und waren nicht an der Vergangenheit interessiert, sondern immer zukunftsgerichtet.

Leben und arbeiten eigentlich noch Künstler in Venedig?

Es gibt einige, nicht viele. Künstler lieben Venedig aber es ist eine spezielle Stadt und Transporte zum Beispiel sind ein großes Problem. Man braucht immer ein Boot, das ist einfach wirklich extrem teuer. Es kostet alles doppelt so viel wie am Festland. Venedig ist eine Stadt, die unglücklicherweise am Sterben ist, das ist die Realität. Ganz im Gegenteil zu Neapel, wo wahnsinnig viel Energie ist. Aber ich glaube in Italien ist Venedig trotzdem die bedeutendste Stadt für moderne Kunst neben Mailand und Turin. Rom ist nicht wichtig.

Machen Sie also das Hauptgeschäft zur Zeit der Biennale?

Nein, ich verkaufe hauptsächlich auf nationalen und internationalen Kunstmessen. Dort treffe und pflege ich die Sammler. Ich reise viel. Natürlich kommen jedes Jahr viele Sammler nach Venedig, nicht nur wegen der Biennale, sondern auch wegen der unterschiedlichen Ausstellungen oder weil sie ein Haus oder Apartment hier haben. Sie kommen nach Venedig, jedoch kaum aus Venedig. Mein Ziel ist es, mich auf die wichtigsten Messen zu konzentrieren, was nicht einfach ist, wie etwa die MiArt in Mailand, die Arte Fiera in Bologna, die Artissima in Turin und die Armory Show in New York oder die Vienna Contemporary.

Doch Scheinen sich verstärkt Galerien zeitgenössischer Kunst wieder zu etablieren?

In den letzten zwei Jahren öffneten in Venedig einige Galerien, das ist sehr gut, denn früher gab es nur Ausstellungen von Fondations während der Biennalezeit. Jetzt sind wir in Summe 11 in einem Verband, es gibt Galerientage und eine Fülle von Aktivitäten. Es ist wichtig für uns, nicht allein zu sein.

Kommen zur Biennalezeit mehr Sammler oder nimmt das Publikum zu, das wegen des EVents kommt?

Es kommen unglücklicherweise immer weniger ernsthafte Sammler, das Event- und Partypublikum nimmt zu. Alle Sammler beobachten die Auktionen und sie kommen dann mit den Auktionsergebnissen in die Galerie. Sie kaufen nicht mehr unbedingt ein Werk, weil sie es besonders gut finden, sondern weil es einen bestimmten Preis hat.

Gibt es auch junge Sammler?

Manchmal gibt es mehr Dialog mit den Jungen, die Sammler sind eher älter, von meiner Generation. Man begleitet und kennt sich über einen langen Zeitraum, bleibt in Kontakt, trifft die Künstler. Zum Glück gibt es auch eine wichtige Gruppe von Sammlern, die sich an junger, noch unbekannter Kunst erfreut und diese sammelt und unterstützt. Für sie ist es auch eine Herausforderung. Ich glaube, die beste Art zu sammeln ist eine Kombination aus Kopf/Intellekt und Herz. Das kann letzten Endes eine sehr gute Sammlung ergeben.


Das Interview mit einer weiteren venezianischen Galeristin - Alberta Pane - lesen Sie in unserem aktuellen PARNASS 2/2019.

Zur Ausgabe

Galleria Michela Rizzo

Isola della Giudecca 800 Q, 30133 Venezia
VE
Italien

MAURI | MUNTADAS

kuratiert von Laura Cherubini bis 31. August 2019

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