Kunst in der Golfregion

Der Kunstmarkt in der Golfregion steht derzeit im Fokus und eine junge Sammler:innen- und Künstler:innengeneration profitiert von den Bemühungen um politische Stabilität, verbunden mit enormen Investitionen in die Infrastruktur im Bereich Kultur und Tourismus. Ein Spagat zwischen Investitionen, spektakulären Museumsbauten, neuen Tourismusattraktionen, geopolitischen und wirtschaftlichen Ambitionen und einer engagiert arbeitenden Künstler:innengeneration, die sich, durchaus kritisch, mit Themen wie Identität, Politik und kulturellem Erbe auseinandersetzt.
Als Sotheby’s im Februar 2025 im Rahmen seiner ersten Origins-Auktion in Saudi-Arabien ein Gemälde des syrischen Künstlers Louay Kayali versteigerte, erzielte es gleich einen neuen Rekordpreis. „Then What?“ von 1965 stieg inklusive Aufgeld auf 900.000 US-Dollar. Auch die Arbeit der palästinensisch-amerikanischen Künstlerin Samia Halaby, die an der letzten Biennale in Venedig teilnahm, übertraf mit „Blue Trap (in a railroad station)“ die obere Schätzung von 200.000 US-Dollar und wechselte für 384.000 US-Dollar den Besitzer. Mehr als die Schätzung verdoppelt hat mit 660.000 US-Dollar zudem das Werk „O’God, Honor Them and Do Not Honor an Enemy Over Them“ des saudischen Künstlers Mohammed Al Saleem.
Es ist ein unglaublich spannender Moment, in diesem Feld zu arbeiten.

Mohammad AL Faraj, Fossils of Time II (Detail), 2024, Sublimation print on fabric, Courtesy Galerie Krinzinger, Foto: Tamara Rametsteiner
„Es gibt so viele talentierte Künstler:innen und gleichzeitig eine reiche lokale Geschichte von Kunst und Mäzenatentum. Ich glaube, dass heute viele neue junge Sammler:innen heranwachsen, und das wird die Region dauerhaft als Kultur- und Kunstzentrum verankern“, so Alexandra Roy, Head of Sales 20th Century Middle Eastern Art bei Sotheby’s London.
Kaum eine Region investiert derzeit so entschlossen in Kultur wie der Nahe Osten. Vor allem Saudi-Arabien inszeniert sich mit großem Aufwand als neuer Kulturstandort. In AlUla, einer Wüstenregion mit über 7.000 Jahren Geschichte, wurde mit dem spiegelnden Konzerthaus Maraya ein architektonisches Wahrzeichen geschaffen. Auch Mega-Projekte wie die geplante Stadt The Line verbinden futuristische Urbanität mit künstlerischen Inszenierungen. Die 2021 gegründete Diriyah Contemporary Art Biennale und das neue Saudi Arabia Museum of Contemporary Art unterstreichen den Anspruch, im internationalen Kunstgeschehen eine Hauptrolle zu spielen.
Dieser Trend veranlasst auch globale Messe-Konzerne, ihre Fühler in die Golfregion auzustrecken: Die Art Basel initiiert in Doha, der Hauptstadt Katars, eine neue Messe, die im Februar 2026 stattfinden wird und die Frieze übernimmt dieses Jahr die etablierte Abu Dhabi Art und macht sie zur Frieze Abu Dhabi (alle Termine finden Sie in unserem Messekalender). Auch Foundations wie die Islamische Kunstbiennale in Dschidda, die Anfang 2025 stattfand, sowie das Festival Desert X in der schon vor 2000 Jahren besiedelten Oase AlUla, das Projekt Wadi AlFann oder die Sharjah Art Foundation spielen eine wichtige Rolle bei der Förderung und Wertschätzung für Kultur und Kunst.
Der Aufschwung der Region wird vor allem von der Konkurrenz zwischen den Ländern befeuert. Saudi-Arabien tätigt derzeit im Nahen Osten den größten finanziellen Einsatz, ist allerdings politisch schwierig.
Die Wiener Galeristin Ursula Krinzinger kennt die Region seit vielen Jahren und ist unter anderem langjähriges Mitglied des Gallery Selection Committees der Art Dubai. „Bei der Biennale in Diriyah waren alle wichtigen Player der Kunstwelt vertreten“, berichtet sie.

Sarah Brahim, The forgotten ceremony, 2024, Videoinstallation, Courtesy of the artist. Originally commissioned for Villa Hegra, AlUla.
Die Vereinigten Arabischen Emirate setzen derweil auf die kulturelle Power Abu Dhabis: Mit dem 2017 eröffneten Louvre Abu Dhabi und dem bald fertiggestellten Guggenheim Abu Dhabi etabliert es sich als globale Museumsmetropole. Dubai wiederum positioniert sich mit der Alserkal Avenue, einem Industrieviertel, das zur vitalen Galerieszene umgebaut wurde, und der Kunstmesse Art Dubai als Handelsdrehscheibe der Region. Auch Katar versucht einen Fußabdruck auf der Kunstweltkarte zu hinterlassen: Mit dem Mathaf Museum of Modern Arab Art und der Premiere der Art Basel Qatar im Jahr 2026 tritt das Emirat in direkte Konkurrenz zu Dubai und Abu Dhabi.
Allerdings könnten diese Vorhaben durch die Luftangriffe Israels vom 9. September 2025 beeinträchtigt werden. Ziel war ein Treffen von Hamas-Führern, die sich in Katar aufhielten, um über einen US-unterstützten Waffenstillstandsplan zu beraten. Es war der erste direkte Luftangriff Israels auf ein Mitglied des Golfrats Gulf Cooperation Council (GCC) in einem Gebiet, das bisher als sicher galt. Dieser Angriff wirft Fragen nach dem Grenzverlauf für militärische Aktionen, Souveränität und Sicherheitspartnerschaften nicht zuletzt mit den USA auf.
Für eine Kunstmesse vom Rang der Art Basel ist das jedenfalls eine Entwicklung, die den Erfolg der Messe infrage stellen könnte. Das sieht auch Krinzinger so. „Nach den jüngsten Angriffen auf Katar ist die Frage, wie es hier auch für eine Art Basel weitergeht.“
Wer den Markt lenkt
Hinter dem Aufschwung des Nahost-Kunstmarkts steht nicht nur staatliche Kulturpolitik, sondern vor allem ein Netzwerk aus privaten Sammler:innen und internationalen Auktionshäusern. Institutionen wie die Barjeel Art Foundation in Sharjah, die Farjam Foundation in Dubai oder die Dalloul Collection in Beirut haben in den vergangenen zwei Jahrzehnten systematisch Kunstwerke der Region gesammelt, katalogisiert und durch Ausstellungen zugänglich gemacht. Mit dem Mathaf Museum of Modern Arab Art in Doha besitzt Katar heute eine der größten Sammlungen arabischer Moderne und Gegenwartskunst weltweit. „Private Sammler:innen und Stiftungen sind für das Ökosystem der Kunstwelt unverzichtbar, weil sie Patronage und Dialog schaffen“, betont Alexandra Roy. „Vertrauen in den Markt basiert auf Wissen: dem Verständnis für die Bedeutung dieser Künstler:innen und der Kontextualisierung ihrer Kunst. Diese Sammler:innen und privaten Stiftungen arbeiten eng mit öffentlichen Institutionen zusammen – sei es durch Leihgaben oder Sponsoring – und legen so die Grundlage für Dialog und Sichtbarkeit der Kunstwerke und Künstler:innen.“

Kimsooja, To Breathe – AlUla, Desert X AlUlA 2024. Courtesy of the artist and Desert X, Foto: Lance Gerber
Die neuen Zentren des Kunsthandels
Die Messe Art Dubai gilt als Kristallisationspunkt des regionalen Kunstmarkts. Hier treffen sich seit 2007 Galerien, Sammler:innen und Institutionen und für viele internationale Galerien war sie der erste Schritt in die Region. „Durch die Messe in Dubai ist alles angerollt“, erinnert sich Krinzinger.
Die internationale Wahrnehmung wird zudem durch Initiativen westlicher Auktionshäuser gestärkt. Im Sommer widmete Christie’s in London dem syrischen Maler Marwan Kassab-Bachi eine große Retrospektive unter dem Titel „A Soul in Exile“. Solche Ausstellungen tragen dazu bei, die Kunst aus der Region in den Kanon westlicher Institutionen einzubetten.
Der Kunstmarkt im Nahen Osten ist heute mehr als ein regionales Phänomen: Er ist zum globalen Player geworden.

Bahman Mohassess, Untitled (Seagull), 1988, Mixed Media auf Velinpapier, erzielter Preis £ 40.640, Sotheby’s, Mai 2025, © Sotheby’s
Die künstlerische Produktion aus dem Nahen Osten ist so vielfältig wie die politischen, sozialen und ökologischen Realitäten der Region. Zentrale Motive sind Fragen von Identität, Geschichte und Migration, aber auch Themen wie Geschlechterrollen, Spiritualität, Umwelt und Digitalisierung. „Zeitgenössische Künstler:innen überschreiten weiterhin die Grenzen der Medien, und die Digitalisierung spielt dabei eine bedeutende Rolle“, so Roy. „Identität ist ebenso wichtig, besonders für Künstler:innen, die zwischen verschiedenen Kulturen leben – ob freiwillig oder nicht. Politik und Geschichte bleiben ohnehin präsent. Es ist faszinierend, unsere zeitgenössische Kultur durch diese unterschiedlichen Perspektiven zu verstehen.“
Beispiele sind zahlreich: Die saudische Künstlerin Maha Malluh verwebte 2025 in ihrer Ausstellung „Stories Matter“ in der Galerie Krinzinger Alltagsobjekte, Archivbilder und Malerei zu einem Mosaik kollektiver Erinnerung. Die Performance-Künstlerin Sarah Brahim setzt mit Werken wie „The Forgotten Ceremony“ auf Rituale, Körper und Landschaft. Ökologische Themen bestimmen die Praxis von Mohammed AlFaraj oder Ayman Zedani, die sich mit fragilen Ökosystemen und spekulativen Zukunftsszenarien auseinandersetzen. Doch nicht überall stößt diese Kunst bereits auf Resonanz. „Unsere Museen haben noch nicht bei Kunst dieser Region hingesehen“, kritisiert Krinzinger. „Entsprechend ist Kunst aus dem Nahen Osten in Österreich nicht präsent. Mit unserer Ausstellung ‚The Desert Has No Shadow‘ wollten wir deshalb ein Signal setzen.“
Dieser Meinung ist auch Roy und resümiert: Roy resümiert: „Es gibt so viele Künstler:innen, die meiner Meinung nach neu entdeckt oder wiederentdeckt werden sollten. Unsere Aufgabe ist es, sie ins Licht zu rücken. Das Feld ist groß, und ich glaube, es verdient, auf Augenhöhe mit den größten internationalen Namen wahrgenommen zu werden.“
Mehr über Kunst in der Golfregion?
Unsere Interviews mit Galerist Thomas Krinzinger sowie den
saudischen Künstlerinnen Lulwah Al-Homoud und Maha Malluh lesen Sie in unserem Special
Auctions & Fine Arts 2025 ab Seite 34.

