Die »Hollywoodisierung« des Kunstmarkts

Das Business internationaler Kunstmessen gleicht heute einem volatilen Spielfeld, auf dem drei grundlegend unterschiedliche Organisationsmodelle um die Vorherrschaft ringen. Hinter den Kulissen der White-Cube-Messestände und exklusiven Champagner-Empfänge tobt ein Strukturkampf zwischen kommunaler Verankerung, börsennotierter Konzernlogistik und aggressivem Lifestyle-Kapitalismus US-amerikanischer Prägung.
1. Das Metropolen-Modell:
die Messe als kommunales Herzstück
Das erste Modell ist jenes, das direkt und tief in einer Metropole verhaftet bleibt. Meist im Besitz von öffentlich-rechtlichen Institutionen wie Handelskammern, Tourismusverbänden oder dem Stadtmarketing, dienen Messen wie die ARCOmadrid oder die Artissima in Turin primär der kulturellen Identität ihrer Standorte.
Die Vorteile dieser Organisationsform liegen auf der Hand: Die Stadt wird international als künstlerisches Zentrum wahrgenommen, wobei die eigentliche Rendite – die sogenannte Umwegrentabilität – über die Hotellerie, Gastronomie und einen längerfristigen (Kunst-)Reisesektor generiert wird. Voraussetzung hierfür ist jedoch ein unverrückbares »Ziehen an einem Strang«, wie ARCO-Direktorin Maribel Lopez im Gespräch gegenüber PARNASS betonte: Von den Museen und Kunsthallen über die Galerien bis hin zu den Privatsammlungen muss die gesamte lokale Szene synchronisiert agieren.

Courtesy ARCOmadrid 2026
Die Stadt in »Public Private Partnership« mit Sponsoren fungiert als Ermöglicher. Wirtschaftlich sollte ein solches Messeunternehmen ausgeglichen bilanzieren – also nicht profitorientiert ausgerichtet sein. Das ermöglicht fallweise öffentliche Subventionen, etwa für einzelne kuratierte Sektionen junger Kunstpositionen bei Kunstmessen. Und Überschüsse fließen idealerweise direkt zurück in Vermittlungsprogramme oder institutionelle Ankäufe. Hier steht die Weltläufigkeit der Metropole im Fokus. Diese Strukturen sind flexibel und können in Krisenzeiten leichter »gesundschrumpfen «, verzichten dafür jedoch auf globale Expansionsgelüste oder die Übernahme fremder Messen.
2. Das Konzern-Modell (Art Basel):
der europäische Goldstandard
Am anderen Ende des Spektrums steht die Messe als hochprofessionelles Profitcenter. Das Paradebeispiel hierfür ist die Art Basel, eingebettet in die Schweizer MCH Group AG. Lange Zeit unter der Kontrolle der Kantone Basel-Stadt und Basel-Land, vollzog der Konzern 2020 eine radikale Transformation: Mit dem Einstieg von James Murdoch (über die Lupa Investment Holdings LP) befinden sich heute fast 42 Prozent der Anteile in privater Investorenhand, während die öffentliche Hand noch etwa 38 Prozent hält. Die restlichen Anteile sind in Streubesitz.
Wer bezahlt, schafft an.

Katharina Grosse CHOIR, 2025, Messeplatz project, Art Basel, Courtesy of the artist (c) VG Bild-Kunst, Bonn 2025, Art Basel in Basel 2025, Courtesy of Art Basel
Murdochs Einstieg war ein notwendiger Rettungsanker, nachdem das Aus der »Baselworld« im Jahr 2020 – einst die absolute Cashcow des Konzerns – für massive Verluste gesorgt hatte. Seither agiert die Art Basel noch stärker als globaler Kunstkonzern – mit Filialen in Miami und Hongkong. Die Internationalisierung schreitet unaufhaltsam voran: Paris wurde als Standort annektiert (und entwickelt sich aufgrund der Vorliebe US-amerikanischer Sammler:innen für die Seine-Metropole bereits zur ernsthaften Konkurrenz für die Basler Heimmesse), und mit der Art Basel Qatar wagte man sich in Regionen vor, die als weniger demokratisch, weltoffen und aufgeschlossen-tolerant gelten. Hier folgt man pragmatisch dem Motto: »Wer bezahlt, schafft an.«
Trotz politischer Bedenken orientieren sich die Märkte Richtung Mittlerer und Ferner Osten – Seoul ist längst auch im Visier der MCH-Strategie. Der Vorteil bleibt die sprichwörtliche Schweizer Präzision: Die Organisation funktioniert wie ein Uhrwerk, flankiert von den logistischen Vorzügen der Schweizer Zollfreilager. Die Messe ist nicht länger im idyllischen Basel verhaftet. Sie ist ein entkoppelter Weltkonzern geworden.
3. Das Lifestyle-Modell (FRIEZE):
das US-geführte Powerhouse
Das dritte Modell spiegelt den internationalen Heuschrecken-Turbokapitalismus wider und findet sein Gesicht zum Beispiel in der FRIEZE-Gruppe. Ursprünglich vom Entertainment-Giganten Endeavor (Sportwetten, Modelagenturen, Kampfsport, Wrestling) geschluckt, wurden unter diesem Banner die Armory Show und die EXPO CHICAGO ebenso übernommen. Doch die rasante Dynamik der Hochfinanz führte 2025 zu einem einschneidenden Management-Buyout: Der ehemalige Endeavor-CEO Ari Emanuel kaufte die Kunstsparte für rund 200 Millionen US-Dollar heraus, nachdem der Mutterkonzern durch die Private-Equity-Firma Silver Lake (Kostenpunkt 25 Milliarden US-Dollar) privatisiert worden war.
Dieses finanztechnische Hin und Her führt oft zu einer gefährlichen Entfremdung der lokalen Kunstszene. Ein drastisches Beispiel ist Chicago: Gründer Tony Karman wurde nach der Übernahme 2023 zunächst entmachtet und sein Team durch konzerninterne Kräfte ersetzt. Das Kalkül ging nicht auf. Lokale Mäzene, Institutionen und Galerien verweigerten die Zusammenarbeit mit dem »arroganten Personal von außen«. Zwar wurde Karman als Frontmann kurzzeitig reaktiviert, doch 2025 trat er endgültig zurück. Am Rande der Art Basel in Basel formulierte er gegenüber PARNASS sarkastisch: »Ich habe es wirklich versucht. Aber wenn man sich jeden Nagel vom Headquarter absegnen lassen muss, dann wird man mehr zum Sisyphos als zum verbindenden Messeleiter.«

Seventeen Gallery, Frieze London 2025 Seventeen Gallery, Frieze London 2025. Photo by Linda Nylind. Courtesy of Frieze
Ari Emanuel verfolgt nun eine klare Strategie: Er will die FRIEZE nicht als reine Kunstmesse, sondern als Lifestyle-Plattform führen, in der Mode, Medien, Luxusgüter und exzessives Partygeschehen miteinander verschmelzen. Es ist die »Hollywoodisierung« des Kunstmarkts. Ein Trend, den auch Investor James Murdoch für Besucher:innen der Art Basel erlebbar machen will. Laut einem Bericht von Vanity Fair (März 2026) beabsichtigt er, mit seinem Futurific Institute ein Kunstevent bei Basel ins Leben zu rufen, in dem die Kunstmesse, Teile der Biennale von Venedig, TED-Talks und ein Burning Man in einer Art »moderner Weltausstellung für Ideen, Technologie, Politik und Kultur« zusammenfinden sollen. Dieser Trend zur Eventisierung erreicht auch Wien: Die PARALLEL versucht unter den neuen (Mit-)Besitzern – Partyprofi Alexander Knechtsberger/DocLX sowie Sammler Bernhard Ramsauer –, ein ähnliches Modell auszubauen, von den Pavillons am Steinhof in Wien bis hin zum Bunker in Paris.

