Monumentaler Horizont gegen den Marktschmerz

Die 42. Art Brussels im Belastungstest

Art Brussels 2026, Foto: Martine Pilette / Bureau Rouge

In einem Jahr, das von wirtschaftlicher Unsicherheit geprägt ist, stellt die 42. Ausgabe der Art Brussels ihre strategische Flexibilität unter Beweis. Trotz eines spürbaren Rückgangs der Galerienanzahl nutzt das Team rund um Nele Verhaeren neue räumliche Freiheiten für mutige kuratorische Akzente. Zwischen historisch gewichtigen Großformaten und dem ungebrochen starken belgischen Sammlergeist zeigt sich eine Messe, die den Widrigkeiten mit kreativer Energie und kluger Marktpositionierung begegnet.


Die Herausforderungen des Terminkalenders gleichen einer logistischen Zerreißprobe. Erst vorletzte Woche buhlten die Art Düsseldorf (unseren Nachbericht lesen Sie hier), die Miart in Mailand (inklusive der Premiere der Paris Internationale in der lombardischen Hauptstadt) und die Art Expo Chicago um die Gunst der Käufer:innen. Die Art Cologne sandte bereits vor zwei Wochen erste (Urlaubs-)Grüße von ihrer neuen Dependance auf Mallorca, und zeitgleich zur Brüsseler Eröffnung feiert die Market Art Fair in Stockholm ihr 20. Jubiläum.

Dieser Überdruck hinterlässt in Brüssel sichtbare Spuren: 139 Galerien sind heuer dabei – 26 Galerien weniger als im Vorjahr sind jedoch ein deutliches Signal. Dass eine Halle quasi leer blieb, konterte Messechefin Nele Verhaeren mit einer klugen Flucht nach vorne. Statt Tristesse regiert dort nun unter dem Titel „Horizons“ eine Bühne für das Großformat.

Art Brussels 2026, Foto: David Plas

Art Brussels 2026, Foto: David Plas

Unter Nele Verhaeren hat sich die Messe zu einer Plattform entwickelt, die schnell auf Marktbewegungen reagiert.

Christof Habres

In dieser räumlichen Weite entfaltet der „Paradiesgarten“ von Oswald Oberhuber (1983) eine fast sakrale Wirkung. Mit seinen monumentalen Maßen von 4 mal 17,5 Metern ist das Werk eine raumgreifende Inszenierung, realisiert als Kooperation der Galerie Krinzinger (Eigentümerin des Werks) und der Galerie Schwarzwälder. Raphael Oberhuber, Direktor der Galerie Schwarzwälder, installierte die Arbeit seines Vaters persönlich. „Museen und Institutionen bevorzugt“, unterstreicht Oberhuber im Gespräch mit PARNASS. Der Preis für das Monumentalwerk liegt bei 380.000 Euro. Ein geschickter Schachzug der Messe, aus offensichtlichen strukturellen Nachteilen kuratorische Vorteile zu generieren: Die Galerie Schwarzwälder rückt durch diese Kooperation zwar in den offiziellen Folder, einen physischen Stand suchen Sammler:innen jedoch vergeblich.

Der Rundgang durch die gänzlich bespielte Halle gewinnt durch die Verdichtung an Intensität. Es ist ein dicht gewobenes Netz aus Entdeckungen und Marktwerten, das sich zwischen den Sektionen „Solo“, „Discovery“, „68’ Forward“ und der klassischen „Prime“ aufspannt.

Oswald Oberhuber, Paradiesgarten, Galerie Krinzinger und Galerie nächst St. Stephan Rosemarie Schwarzwälder, Art Brussels 2026, Foto: Martin Pilette for Bureau Rouge

Oswald Oberhuber, Paradiesgarten, Galerie Krinzinger und Galerie nächst St. Stephan Rosemarie Schwarzwälder, Art Brussels 2026, Foto: Martin Pilette for Bureau Rouge

Der Marktcheck: Zwischen kühler Kalkulation und emotionaler Entdeckung

Ein echtes Ausrufezeichen setzen Wiener Schwergewichte: Nach einer langjährigen Abstinenz feiert die Galerie Krinzinger ein fulminantes Comeback auf der Messe – ein Rückkehrer-Status, den sie sich mit der Galerie Thoman teilt. Thoman punktet bei diesem Wiedereinstieg mit einem starken Portfolio: Siegfried Anzinger liegt bei 16.500 Euro, während die Arbeiten von Peter Sandbichler bei US-Sammler:innen voll im Trend liegen (ab 5.000 Euro). Die begehrte Mai-Thu Perret startet bei 35.000 Euro.

Ebenfalls zurück im Brüsseler Ring ist Thomas Krinzinger, der im Gespräch mit PARNASS das neue Vertrauensverhältnis zur Messeleitung hervorhebt: „Die Messe hat uns eine vertragliche Bindung von zwei Jahren vorgeschlagen, was auch preislich voll okay war. Wir wollen neben unseren langjährigen Kunden die junge Sammler-Generation ansprechen, da ist ein längeres Engagement in Brüssel natürlich von Vorteil.“ Er präsentiert neben Christian Rotwangl (6.500 Euro) auch Yehudit Sasportas (8.300 Euro).

 

Galerie Krinzinger, Art Brussels 2026, Courtesy Galerie Krinzinger and the artists⁠

Galerie Krinzinger, Art Brussels 2026, Courtesy Galerie Krinzinger and the artists⁠

 Galerie Elisabeth & Klaus Thoman, Art Brussels 2026, © Galerie Elisabeth & Klaus Thoman

 Galerie Elisabeth & Klaus Thoman, Art Brussels 2026, © Galerie Elisabeth & Klaus Thoman

Galerie SUPPAN Wien, Art Brussels 2026, © Michael Ornauer und Clemens Wolf, Courtesy SUPPAN Wien, Foto: GRAYSC

Galerie SUPPAN Wien, Art Brussels 2026, © Michael Ornauer und Clemens Wolf, Courtesy SUPPAN Wien, Foto: GRAYSC

Einen feinen Akzent setzt auch die Galerie Smolka Contemporary, die dem im Vorjahr verstorbenen Hubert Schmalix eine Solo-Show widmet. Die Präsentation zeigt die vielfältige Bandbreite seines Schaffens und lockt Sammler:innen mit einem klug gestaffelten Preisgefüge zwischen 6.000 und 33.000 Euro an. Am Stand der Budapester Galerie Ani Molnár herrscht derweil ansteckende Euphorie – nicht nur wegen der Verkäufe von unter anderem Radenko Milak (dessen meisterhafte Aquarelle ab 3.800 Euro zu haben sind), sondern vor allem aufgrund der politischen Aufbruchstimmung in ihrer Heimat.

Bei Christian Berst (Paris) wird die rasante Wertentwicklung der Art Brut greifbar: Werke von Anna Zemánková, die vor wenigen Jahren in Wien noch für maximal 10.000 Euro gehandelt wurden (Ausstellung „Spiele im Morgengrauen“, 2019/2020, Gesellschaft zum Goldenen Kreuze, kuratiert von Angela Stief), rangieren nun zwischen 40.000 und 70.000 Euro.

Courtesy Smolka Contemporary und Hubert Schmalix Estate, Fotos: We Document Art⁠

Courtesy Smolka Contemporary und Hubert Schmalix Estate, Fotos: We Document Art⁠

Die New Yorker Galerie Polina Berlin präsentiert den Georgier Parmen Daushvili. Der 56-jährige Autodidakt, der als Flüchtling nach dem Krieg mit Russland nach New York kam, besticht durch einen pastosen Farbauftrag und Szenen der Einsamkeit aus seiner New Yorker Wohnung (4.500 bis 22.000 USD).
Eine wahre Entdeckung ist die junge Äthiopierin Tiemar Tegene bei AKINCI aus Amsterdam. Die 1993 geborene Künstlerin aus Addis Abeba beherrscht eine Technik mit ungeheurer Präzision: Ihre Monoprints, die sie auf Plastik vormalt, wirken durch ihre Detailgenauigkeit fast wie filigrane Ikonen. Die Gesichter und Bewegungen ihrer Figuren besitzen eine Kraft, die Betrachter:innen atemlos macht (Mittelformate zwischen 6.000 und 6.300 Euro). Suppan zeigt in der Discovery-Sektion die „Künstler-Buddies“ Michael Ornauer (bis 14.000 Euro) und eine eindrucksvolle Fallschirm-Installation von Clemens Wolf (22.600 Euro).

Abseits der Kojen wirft das Projekt „Not everything is for Sale“ – Werke zu zeigen, die die Händler niemals verkaufen würden – spannende Fragen auf. Nur drei der 15 präsentierten Galerist:innen wählten für diese Schau ihrer Privatsammlungen Werke von Künstler:innen, die sie nicht selbst vertreten. Das offenbart viel über die psychologische Verflechtung von Beruf und Privatbesitz – und wirft mehr Fragen auf, als es beantworten kann: Bei welchem Preis werden die Kunsthändler doch schwach? Und wie viele dieser Arbeiten waren am Ende Geschenke an die Galerien?

Tiemar Tegene bei AKINCI, Art Brussels 2026, © Tiemar Tegene

Tiemar Tegene bei AKINCI, Art Brussels 2026, © Tiemar Tegene

Gleichzeitig stürmte das Publikum die „KickCancer Collection“. Bei diesem Charity-Projekt werden Originale von auf der Art Brussels vertretenen Künstler:innen im Postkartenformat anonym für pauschal 400 Euro verkauft. Erst nach dem Erwerb wird der Name enthüllt – ein Konzept, das den Blick für die Qualität oder für das, was unvoreingenommen individuell gefällt, schärft.

Dass namhafte Galerien wie Jan Mot oder KIN fehlen, um die junge Satellitenmesse „Parloir“ zu gründen, ist ein Wermutstropfen, doch die Art Brussels fängt diesen Verlust durch ungeheure Flexibilität auf. Unter Nele Verhaeren hat sich die Messe zu einer Plattform entwickelt, die schnell auf Marktbewegungen reagiert. Es bleibt der Eindruck einer Veranstaltung, die den Widrigkeiten mit Verve begegnet. In Brüssel wird nicht nur verwaltet, sondern mit Energie investiert – in die Kunst und in den Mut zum monumentalen Horizont.

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