Warhol´s Marilyn in Pink

Das zweitteuerste Bild ist Amerikanerin

Auktion, 9. Mai 2022 © Christie’s

Gestern Abend. Auktionssaal Christie´s in New York. Los-Nummer 36/A mit dem Titel "Shot sage blue Marilyn" oder besser bekannt als Warhol´s Marilyn in Pink (101 x 101 cm) aus dem Jahr 1964 kommt zum Aufruf. Großes Raunen im Saal angesichts eines Zuschlags von 195 Mio. USD und der neuen Rekordmarke für das bislang teuerste jemals bei einer Auktion zugeschlagene Bild des 20. Jahrhunderts. Was steckt dahinter, wenn Sammler über die Dauer von vier Minuten im etwa 12-Sekunden-Takt rund 10 Millionen Euro für einen Siebdruck auf Leinwand ausgeben?


Warhol´s Marilyn Nun weltweit zweitteuerstes Kunstwerk

Warhols Marilyn gilt nun zudem als weltweit zweitteuerstes Kunstwerk, nach dem Leonardo da Vinci zugeschriebenen Ölgemälde "Salvator Mundi", dass auf die Zeit um 1500 datiert wurde und mit lückenhafter Herkunftsgeschichte, 2017 seinen neuen Eigentümer 450 Millionen US-Dollar in der Versteigerung kostete.

Das zwei Jahre nach Marilyn Monroes Tod entstandene Bild konnte dabei auf eine Provenienzfolge zurückblicken, wie es nur wenige Bilder mitbringen - das Who-is-Who der Kunstwelt konnte dem Bild als Eigentümer bzw. Verkäufer im Verlauf der Jahrzehnte zugeordnet werden. Darunter Schwergewichte, wie der bedeutende Pop-Art-Sammler Leon Kraushar, New York oder die New Yorker Galerie-Legende der 1980er, Leo Castelli und der Zürcher Händler Thomas Ammann. Letztgenannter hatte das Bild zunächst bereits 1986 von der heutigen Galerie-Legende Larry Gagosian in New York erworben. Des Zürcher Galeristen Stiftung hatte jetzt verschiedene Werke der Privatsammlung eingeliefert, um den Erlös aus der Versteigerung für wohltätige Zwecke zu verwenden. Dabei scheint es jetzt ein Déjà-vu für Gagosian zu geben, denn er war Meistbietender im Saal und soll Branchenkreisen zufolge das Bild für einen amerikanischen Sammler erworben haben, der unbekannt bleiben wollte.

ANDY WARHOL (1928-1987), Shot Sage Blue Marilyn, 1964, verkauft für 195 Millionen Dollar

ANDY WARHOL (1928-1987), Shot Sage Blue Marilyn, 1964, verkauft für 195 Millionen Dollar, © Christie's

Insgesamt lieferte der Auftakt der traditionellen Frühjahrsauktion mit der Schweizer Sammlung zahlreiche weitere Künstlerrekorde zutage. So konnten neben Warhols Porträt der Schauspielerin Monroe vor grünblauem Untergrund mit roten Lippen, türkisfarbenen  Lidschatten und gelben Haaren die Werke der Künstler Mike Bidlo, Ross Bleckner, Francesco Clemente, Ann Craven, Martin Disler und Mary Heilmann Weltrekordpreise im Zweitmarkt der Auktionen und damit mit absehbar unmittelbareren Auswirkungen auf die Preise im Kunsthandel erzielen.

Letztlich erbrachte bei einer Verkaufsquote von 98 Prozent der Verkauf von 36 Werken der Sammlung von Thomas und Doris Ammann einen Erlös von 317,8 Millionen US-Dollar. Neben Warhol waren es vor allem zwei Werke von Cy Twombly mit insgesamt USD 37,9 Millionen sowie Robert Rymans "Untitled" für 20,1 Millionen US-Dollar, die auf der Abendauktion ebenso für glänzende Umsätze sorgten. Insgesamt konnten nahezu 70 Prozent aller Lose über dem oberen Schätzpreis zugeschlagen werden. Ein Indiz für einen sich heiß laufenden Markt. Und das in Zeiten von Null-Zins-Politik, wirtschaftlichen Turbulenzen, steigender Inflation und Krieg.

Die gegenwärtige Situation scheint für einen nicht sichtbaren Cash-Flow in alternative Anlagen und für ikonische Stücke wie geschaffen. Dabei stehen sich derzeit Luxusgüter wie Kunst, Uhren und Schmuck im Wettbewerb gegenüber und buhlen um die Gunst von Käufern. Kunstwerke gelten gemeinhin als leicht transportierbare und krisensichere Anlage. Und eine im Markt konservative Position wie die von Klassikern wie Pollock und Alexander Calder versprechen dabei derzeit, ihren Wert mit der Zeit noch weiter steigern zu können. Mit Beginn des Ukraine-Kriegs ist das Investment in Kunst derzeit im High-End-Bereich so gefragt wie nie. Allerdings ist deren Käuferschaft überwiegend konservativ unterwegs, so dass sicherlich Märkte arrivierter künstlerischer Positionen wie Jean-Michel Basquiat, Roy Lichtenstein, Warhol und Co. vor einem weiteren Schub in der Preisentwicklung nach Oben stehen dürften.

Auktion, 9. Mai 2022 © Christie’s

Auktion, 9. Mai 2022 © Christie’s

Mit Beginn des Ukraine-Kriegs ist das Investment in Kunst derzeit
im High-End-Bereich so gefragt wie nie.

Sebastian C. Strenger

Der Auktionsmarkt konnte soeben aufgrund der herausragenden Akquise des Auktionshauses Christie´s auf deren Frühjahrsauktion diese Entwicklung erstmals vorweg nehmen. Als Kondensat dieser Entwicklung werden wohl weiterhin wenige ausgewählte Positionen profitieren, abhängig vom ikonischen Charakter ihres Werkes und dem Namedropping bei Künstlern. Russische Oligarchen als Preistreiber in einem ohnehin aus den Fugen geratenen Kunstmarkt werden aufgrund von Sanktionen zunächst für Käufe im amerikanischen Markt ausfallen. Aus diesem Grund stehen derzeit aber auch die großen internationalen Auktionshäuser wie Sotheby´s und Christie´s unter besonderer Beobachtung von Behörden. Aber auch Phillips, das weltweit drittumsatzstärkste internationale Auktionshaus für den Bereich zeitgenössischer Kunst und fest in russischer Hand.

Mit Blick auf die russische Sammlerschaft lässt sich bereits heute feststellen, dass diese sich derzeit sowohl von Käufer- wie auch von Verkäuferseite überwiegend in Dubai neu aufstellen, da ihnen oft auch das eigene Land für ihre Aktivitäten zu heiß geworden ist. Dabei verhelfen ihnen die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) am Persischen Golf dazu, am Markt weiterhin agieren zu können, da die Nähe zu Asien und insbesondere China sie auch dort vor Sanktionen aufgrund des Russland-Konflikts schützt. Für die Vereinigten Staaten von Amerika bedeutet die Situation aber vor allem eines: Weniger Investitionen amerikanischer Sammler in die asiatischen Positionen wie beispielsweise in Yue Minjun und Takashi Murakami. Stattdessen besinnt man sich auf die eigenen Stärken. Und was liegt da näher als Andy Warhol und Marylin Monroe?    

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