Das „Wunder von Madrid“: Interview mit Messedirektorin Maribel López

Seit über vier Jahrzehnten behauptet sich die ARCO Madrid als eine der souveränsten und erfolgreichsten Kunstmessen der Welt. Während Standorte wie gerade in Wien derzeit mit Strukturkrisen kämpfen, setzt die ARCO auf ein eng verzahntes Ökosystem aus öffentlicher Hand, privaten Sammler:innen und kompromissloser kuratorischer Freiheit. Ein Gespräch mit Direktorin Maribel López über das Erbe von der Gründerinnengeneration wie Juana de Aizpuru und Rosina Gómez-Baeza, die Konkurrenz durch heuschreckenartige globale Unterhaltungskonzerne und die Zukunft des Sammelns.
PARNASS: Ich besuche die ARCO seit über 20 Jahren. Mein erstes Interview führte ich damals mit Rosina Gómez-Baeza. Hat sich die grundlegende Organisationsstruktur der Messe seitdem verändert?
LÓPEZ: Die ARCO basiert nach wie vor auf einem starken öffentlichen Konglomerat aus der Stadt Madrid, der Region, der Handelskammer und der privaten Stiftung Montemadrid. Dieses Modell ist in seiner Beständigkeit einzigartig. Unser Gründungsauftrag bleibt derselbe: zeitgenössische Kunst einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen und sie fest in der Gesellschaft zu verankern.
Die tiefe Verbundenheit zwischen öffentlichem Sektor, privaten Sammler:innen und der Messe erzeugt eine Energie, die weit über das Geschäftliche hinausgeht.
PARNASS: Inwiefern schützt das Modell der Eigenfinanzierung durch Standmieten und Sponsoren heute Ihre kuratorische Unabhängigkeit vor politischer Einflussnahme?
LÓPEZ: Die Eigenfinanzierung ist unser wichtigster Schutzschild. Da wir zu 100 Prozent unseres Budgets selbst erwirtschaften müssen, agieren wir wirtschaftlich wie ein privates Unternehmen. Wir müssen jedoch keinen Gewinn erzielen und ein Plus können wir in zum Beispiel in das internationale Sammler:innenprogramm investieren. Solange die Zahlen stimmen und die Qualität der Messe die Sammler:innen überzeugt, wird unsere Autonomie respektiert. Der wirtschaftliche Erfolg der Messe ist untrennbar mit ihrer kuratorischen Glaubwürdigkeit verbunden.
PARNASS: Kommerzieller Erfolg und kulturelle Vermittlung werden oft als Gegensätze betrachtet. Wie halten Sie diese Balance?
LÓPEZ: Das ist kein Gegensatz, sondern eine Symbiose. Es ist das Erbe von Rosina Gómez-Baeza und der Mitbegründerin Juana de Aizpuru. Ohne kommerziellen Erfolg funktioniert das Modell nicht, aber ohne die tiefe Einbindung von Museen und Kurator:innen verliert die kommerzielle Ebene ebenso ihre Basis. Die kulturelle Relevanz ist der Treibstoff für den Markt.
PARNASS: Ich komme aus Wien, wo wir gerade zwei Messen verloren haben, sowohl die SPARK als auch die viennacontemporary. Was wäre Ihr Vorschlag für eine nachhaltige „Neugründung“?
LÓPEZ: Das Entscheidende ist das Ökosystem. In Madrid erleben wir ein kleines Wunder an Vernetzung: Institutionen wie das Museum Reina Sofía eröffnen heuer etwa pünktlich zur Messe ihre neuen Sammlungspräsentationen. Sogar die öffentliche Hand stellt Räume für Privatsammler:innen zur Verfügung – unter dem Titel „Madrid Colecciona“. Diese tiefe Verbundenheit zwischen öffentlichem Sektor, privaten Sammler:innen und der Messe erzeugt eine Energie, die weit über das Geschäftliche hinausgeht. Ohne diesen Schulterschluss bleibt eine Messe isoliert.
PARNASS: Eine hypothetische Frage: Würden Sie Wien das ARCO-Modell empfehlen oder sollte man einen profitorientierten Weg wählen?
LÓPEZ: Ohne die Wiener Details perfekt zu kennen: Das Wichtigste ist, alle Akteure zu verbinden. Wenn zwei bekannte Messen gleichzeitig scheitern, liegt das oft an mangelnder Vernetzung und reinem Wettbewerbsdenken. Mein Rat wäre: Trennt die Dinge nicht! Man muss die Galerist:innen, die Kurator:innen und die Sammler:innen gleichermaßen „pflegen“. Mein Job ist eigentlich einfach: Ich muss nur die besten Leute zusammenbringen und dafür sorgen, dass sie sich wertgeschätzt fühlen. Dann kommen sie wieder.
Man muss eine Struktur schaffen, die größer ist als man selbst.

Maribel López, Direktorin ARCOMadrid
PARNASS: Können Non-Profit-Modelle wie die ARCO langfristig gegen globale Player bestehen? Die FRIEZE wurde vom US-Entertainment-Riesen Endeavor übernommen, und die Messe Schweiz (MCH Group) agiert als Aktiengesellschaft mit Expansionskurs auf neue Standorte wie in Doha.
LÓPEZ: Ich habe keine Angst davor, „Standalone“ zu bleiben. Diese Konzerne werden dann zu unliebsamen Konkurrenten, wenn sie Galerien, die wir ebenso gerne listen würden, durch massive Rabatte an sich binden. Aber wir arbeiten für die Kunst, nicht für das monatliche Reporting an Aktionäre. Wachstum ist für mich eine intellektuelle Kategorie. Wir müssen nicht um jeden Preis expandieren. Wenn sich Märkte nach Asien oder in den Nahen Osten verschieben, können wir unsere Projekte auch konzentrieren und gesundschrumpfen, solange die Qualität stimmt.
PARNASS: Hat die ARCO durch ihre historische Verbindung zu Lateinamerika nicht ohnehin einen originären USP, der sie gegen die derzeitigen Krisen absichert?
LÓPEZ: Absolut. Lateinamerika ist unsere DNA. Deutsche oder französische Galerist:innen kommen zu uns, weil sie die ARCO als das Tor zu diesem Kontinent sehen. Diesen Wert dürfen wir nicht verwässern. Aber wir bleiben auch neugierig: Nach unseren Fokus-Teams aus Spanien und Portugal plane ich für das dritte Jahr meines Zyklus ein Experiment mit Kuratoren, die die ARCO noch gar nicht kennen, um einen völlig unvoreingenommenen Austausch zu generieren.
PARNASS: Die ARCO feierte heuer ihre 45. Edition. Wo sehen Sie die Messe in zehn Jahren?
LÓPEZ: Mein Ziel ist es, unsere treue Basis zu halten und gleichzeitig eine neue Generation junger Sammler:innen zu gewinnen. Wir säen heute das Interesse für morgen, indem wir die Messe auch für junge Leute attraktiv und finanziell zugänglich halten. Wir stehen in einer starken Tradition, geprägt von Persönlichkeiten wie Rosina Gómez-Baeza oder Carlos Urroz. Diese Kontinuität, oft getragen von einer starken weiblichen Führung, macht die ARCO zu etwas, das größer ist als wir selbst.
Die 46. Ausgabe der ARCO Madrid wird vom 3. bis 7. März 2027 stattfinden.
Unseren Bericht zur 2026-Ausgabe der Messe lesen Sie hier.

