Neue Studie des Verbands österreichischer Galerien

Bildende Kunst als Wirtschaftsfaktor

Location viennacontemporary 2024, Messe Halle D, Foto: Maria Belova

Am 12. Juni präsentierte der Verband österreichischer Galerien in Wien die Studie „Wertschöpfung der Bildenden Kunst in Österreich" und lieferte damit erstmals belastbare Zahlen für etwas, das in der Kulturpolitik bislang oft nur behauptet wurde: dass Bildende Kunst kein Kostenfaktor ist, sondern ein Wirtschaftsmotor. Die Studie erscheint nur zwei Tage, nachdem die Bundesregierung ihr Doppelbudget 2027/28 vorgelegt hat – mit einer Kürzung des Kulturbudgets um 3,3 Prozent für 2027, die vor allem Förderungen und Investitionsmittel der Bundesmuseen trifft.


Die Untersuchung, erstellt von den Wirtschaftsforscher:innen Dr. Michael Paul und Dr. Anna Kleissner (paul und collegen consulting / econmove), weist eine Gesamt-Bruttowertschöpfung von rund 6,2 Milliarden Euro pro Jahr aus, die das Ökosystem der Bildenden Kunst in Österreich generiert. Dazu kommen rund 90.000 Arbeitsplätze und jährlich 2,8 Milliarden Euro an Steuern und Abgaben. Methodisch stützt sie sich auf ein erstmals erstelltes „Satellitenkonto Bildende Kunst" nach Eurostat-Standard – dasselbe Verfahren, das für Branchen wie Tourismus oder Sport längst etabliert ist. Erfasst wird damit das gesamte Feld: von Ausbildung und Kunstproduktion über Galerien, Auktionen und Logistik bis hin zu Tourismus und Kommunikationsdienstleistungen.
 

Hinter der Gesamtsumme steht eine bemerkenswerte Hebelwirkung.

Der eigentliche Kern der Bildenden Kunst – die Künstler:innen selbst – erwirtschaftet nur rund 100 Millionen Euro an direkter Wertschöpfung. Diese vergleichsweise kleine Gruppe setzt jedoch ein weit größeres Ökosystem in Bewegung: Galerien, Auktionshäuser, Museen, Logistik, Versicherung, Ausbildung, Tourismus. Jede:r Beschäftigte im engeren Sinne sichert nach Berechnung der Studie vier weitere Arbeitsplätze. Bildende Kunst wirkt damit, so die Autor:innen, vor allem als Motor für andere Branchen – allen voran den Tourismus, der seinerseits Milliardenumsätze nach Österreich holt. Im Branchenvergleich sichert die Bildende Kunst im weiteren Sinne mehr direkte Arbeitsplätze als der gesamte österreichische Finanzdienstleistungssektor.

Was die Zahlen aussagen, ist das eine. Der Kontext, in dem sie präsentiert werden, das andere. Die Studie benennt eine Schere, die für die Branche selbst seit langem spürbar ist: zwischen kultureller Stärke und wirtschaftlicher Fragilität. „Austria undersells itself", zitieren die Autor:innen den Kurator Jasper Sharp. Österreich punkte als Kulturdestination, scheitere aber daran, aus dieser Anziehungskraft eine tragfähige wirtschaftliche Basis für Produktion und Handel zu machen. Pointiert formulieren es die Studienautor:innen selbst: Österreich bezahle aus wirtschaftlicher Sicht eine wunderbare Party, die auch zur Geschäftsanbahnung genutzt werden könnte, die Geschäfte machten dann aber andere. Sichtbar wird das auch an der Außenhandelsbilanz, die Österreich zunehmend zum Importland für Kunst macht.

Bildende Kunst wirkt [...] vor allem als Motor für andere Branchen

Dazu kommen strukturelle Belastungen. Die Messeinfrastruktur gilt als fragmentiert, mehrere Formate stehen unter Druck. Gleichzeitig haben Deutschland und Italien im Jahr 2025 im Rahmen einer EU-Richtlinie ihre Mehrwertsteuersätze auf Kunst deutlich gesenkt – Deutschland von 19 auf 7 Prozent, Italien von 22 auf 5 Prozent. Österreich erhebt weiterhin 13 Prozent, einen der höchsten Sätze innerhalb der EU. Ein Podium im Auktionshaus Im Kinsky Anfang Juni machte deutlich, dass eine politische Reaktion trotz parteiübergreifender Bekenntnisse vorerst ausbleibt: „Die Tür ist zu", so SPÖ-Kultursprecherin Katrin Auer.

Die Studie des Galerienverbands ist in diesem Licht auch als Argument zu lesen. Verbandsvorsitzender Martin Janda formuliert es direkt: „Wer über Kunst spricht, spricht auch über Beschäftigung, Wertschöpfung, internationale Sichtbarkeit und Steuereinnahmen." Die Autor:innen empfehlen entsprechend eine national abgestimmte Standortstrategie, die Kultur-, Wirtschafts- und Steuerpolitik stärker verschränkt – sowie eine Verbesserung der steuerlichen Rahmenbedingungen im europäischen Vergleich.
 

An diese Überlegungen knüpfte auch die anschließende Diskussion an.

Solidarität und ein stärkerer Zusammenhalt innerhalb der Wiener Kunstszene wurden dabei als Voraussetzung für eine stärkere internationale Positionierung genannt. Diskutiert wurde die Idee einer zentralen, international sichtbaren Messe mit umfangreichem Begleitprogramm, die vorhandene Kräfte bündeln und Wien als Kunststandort stärker profilieren soll. Ein erster Testlauf ist bereits für September angekündigt.

Ob die Empfehlungen der Studie in den laufenden Budgetverhandlungen noch Gehör finden, bleibt offen. Dass die Daten jetzt vorliegen, ist zumindest ein Schritt über bloße Bekenntnisse hinaus.

Die Studie wurde mit Unterstützung von Bildrecht, BMWKMS, Dorotheum, Wirtschaftskammer Österreich, Wirtschaftsagentur Wien und NÖ Kulturwirtschaft realisiert.

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