Art-o-rama – Kunstsouvenirs aus Marseille

© Jean-Christophe Lett Courtesy Clara Darrason et les artistes (Amandine Guruceaga & Julia Gault)

Gute Laune, gute Gespräche, gute Kunst, gute Preise – alles gut im Süden Frankreichs? Die Art-o-rama versteht es Begeisterung zu stiften und das seit soliden 20 Jahren. Was macht die Messe in Marseille anders und welche Kunst schafft es gewiss ins Gepäck der Interessierten?


In der ehemaligen Tabakfabrik der Friche la Belle de Mai summt das Leben, Kunstbubble trifft auf sportelnde Kinder, in allen Winkeln verstecken sich Ausstellungen, Ateliers, Büchergeschäfte, Graffitis und Schaukeln. Marseille ist bunt und widersprüchlich, die coole kleine Schwester von Paris, die die Pariser:innen nicht immer ganz ernst nehmen aber doch still beneiden, um ihre Beach-Waves und Sommerbräune. Dass dieser Sommer keineswegs nur leicht war, steht vielen dennoch ins Gesicht geschrieben. Man muss nicht weit fahren, um die Indizien der Waldbrände zu erkennen. Auch auf der Art-o-rama beschäftigt sich ein Stand explizit mit der Dystopie der Hitze. Julia Gault, präsentiert von der Galerie Clara Darrason (Paris) gemeinsam mit Amandine Guruceaga, befragt von der Hitze veränderte Territorien an der Achse von Zerstörung und Regeneration und installiert die in-situ Arbeit „Heat Wave" – Ton bedeckt den Boden und verweist auf vertrocknete Landschaften.

Marseille ist sexy, man muss auf diesem Trend surfen.

Danièle Fournier-Sicre

Ebenfalls raumgreifend und politisch der Stand der Galerie Maubert (Paris): In seiner Solopräsentation zeigt Nicolas Daubanes mit einem lebensgroßen Nachbau eines Brunnens der Villa Medici aus dem 16. Jahrhundert. Die Arbeit entstand aus dem Holz der Türen der Marseiller Haftanstalt Les Baumettes und in Mitarbeit von Gefangenen. Fragen nach hierarchischen Machtverhältnissen stehen zum Diskurs.

Aber auch sehenswerte Malerei – etwa von Masha Silchenko (Dilalica, Barcelona) und Maria Freire Montané (Chiquita Room, Barcelona) – oder spannende Objekte von Veronika Desova, Slava George und Elvire Ménétrier (Spiaggia Libera, Marseille und Punta Gallery, Sofia), die im Dialog zwischen der französischen und der bulgarischen Kunstszene Körper, Mythos und Architektur verhandeln. Ebenso im Gespräch unter Messebesucher:innen sind die Stoffarbeiten von Joachim Perez (Window Fourteen, Genève).

Art-o-rama 2026, CHIQUITAROOM, Foto: Margot Montigny

Art-o-rama 2026, CHIQUITAROOM, Foto: Margot Montigny

Ein Favorit ist Alice Guittard bei Double V Gallery (Marseille/Paris), auf die Messe bringt sie 40 Kerzen in Marmor, von denen schon eine Stunde nach Eröffnung die meisten rote Punkte trugen – ab 850 Euro auch ein echtes Schnäppchen. Anziehender als die Kerzen sind aber vier symbolgeladene Personen in Marmoreinlegearbeit, verziert mit Edelsteinen (je 6.500 Euro).
Folgt man dem Duft von Erdbeeren, landet man bei French Place (Mailand), die mit Cecilia Mentasti eine faszinierende Konzeptkünstlerin auf die Messe holt. Die olfaktorische Arbeit, für die die Künstlerin ihre italienische Wohnung von Klimageräten und Ventilatoren befreit hat, um sie nun in Marseille einzusetzen, soll Kindheitserinnerungen wachrütteln. Wie lange können wir noch Feste feiern, fragen parallel am Boden verstreute Konfetti – in einer Zukunft, die digital und paperless ist, woher kommen die bunten Freudenbringer? Ob aus dieser Auswahl auch was verkaufen kann, war man am Eröffnungsabend skeptisch, doch die Art-o-rama sei eben keine reine Verkaufsmesse, sie ist ein Experimentierfeld.

Art-o-rama 2026, Alice Guittard, Double V Gallery, Marseille & Paris, Foto: PARNASS

Art-o-rama 2026, Alice Guittard, Double V Gallery, Marseille & Paris, Foto: PARNASS

Kuratorische Konzepte stehen hier im Fokus, so Gründer Jérôme Pantalacci. Bei günstigen Standkosten – für junge Galerien sind es nicht mal 4.000 Euro – kann man mit Experimenten im Gepäck anreisen und Stände nicht primär mit Blick auf den Verkauf gestalten. Natürlich verwässert das das Prinzip Kunstmesse, die ja schon per Definition ein Handelsplatz ist, aber ebendort, wo Kunstfestival und Kunstmesse sich in einer kreativen Schnittmenge austoben, passiert lustvoller Kunstdiskurs. Und verkauft wurde in den ersten Tagen der Art-o-rama eindeutig: bereits beim Preview-Dinner, das man couragiert für hunderte geladene Gäste mitten in der Messearchitektur abhielt, wurden über den Tisch hinweg offene Konversationen zu Preisen und Verfügbarkeiten hörbar. Aber auch die wenigen teureren Objekte stifteten Interesse. Fast könnte man vergessen, dass hier auch Geld fließt – zu lässig die Stimmung, zu gut der Rosé, zu sehr fühlt sich das Ganze wie ein Familientreffen mit Verkaufsabsicht an. Im Herzen der Messe sind es aber Kleinigkeiten, im Koffer angereist und verführerisch leicht in Umfang und Kosten, um den Koffer zu wechseln und den nächsten Reisenden mit nach Hause zu begleiten.

Art-o-rama 2026, Nicolas Daubanes, Galerie Maubert, Paris, Foto: Margot Montigny

Art-o-rama 2026, Nicolas Daubanes, Galerie Maubert, Paris, Foto: Margot Montigny

 

Klein und fein

Knapp 40 Galerien, 10 in Duo-Präsentationen plus Editionen und Sektionen für Publisher sowie eine kleine Design-Auswahl – der Umfang ist angenehm für einen Besuch. Außerdem gibt es einen Bereich für sehr junge Künstler:innen und Designer:innen aus Marseille, denn die Unterstützung der lokalen Szene sei essenziell, so Jérôme. Dennoch strebt man auch nach außen. Der kleinere Messeumfang erlaube tiefgreifende Gespräche, betont Sophie Tappeiner, die bereits seit einigen Jahren nach Marseille kommt und auch im Messekomitee aktiv ist. Sophie Tappeiner stellt gemeinsam mit Triangolo (Cremona) auf einem Shared Booth aus, während die Italiener:innen auf eine einzige Mixed-Media-Malerei von Daniel Graham Loxton fokussiert zeigen, präsentiert Tappeiner eine Auswahl eines Spielkartensets von Jala Wahid, welches auf ein US-amerikanisches Militärspiel referenziert und prähistorische Symboliken Mesopotamiens aufgreift – so unterschiedlich die Frühkulturen waren, die wir gerne in einer unklaren Masse zusammendenken, so ausdifferenziert fallen die betörenden Objekte in Aluminium aus. Mit 2.800 Euro pro Paar tragen sie einen sehr fairen Preis, der sich gut in die Messe-Nachbarschaften einreiht.

Gleich nebenan bietet die Marseiller Galerie sissi club Prints in durchbrochenen Plexiglas-Einfassungen von Joshua Merchan Rodriguez ab 1.000 Euro, wenige Meter weiter großartige Arbeiten in Acryl auf Papier von Mika Kasai bereits ab 950 Euro. Die japanische Kunstschaffende studiert in Wien an der Universität für Angewandte Kunst und wird nun in Frankreich durch Tatsuro Kishimoto (Tokyo) gezeigt. „Unser Ziel ist es, gute Präsentationen zu haben, daher gilt es, den finanziellen Druck von den Galerien zu nehmen, damit sie sich kuratorisch austoben können", so Jérôme Pantalacci.

Art-o-rama 2026, Jala Wahid, Sophie Tappeiner, Foto: PARNASS

Art-o-rama 2026, Jala Wahid, Sophie Tappeiner, Foto: PARNASS

Um die 20 Patron:innen stützen die Messe. Sie sind ein aktiver Zirkel, der sich auch unterm Jahr für Vorträge oder Kunstreisen zusammentut. Es sind Firmen und ein Arzt, so Danièle Fournier-Sicre, sie ist die Vorsitzende der Patron:innen und erklärt PARNASS im Gespräch: „Marseille ist sexy, man muss auf diesem Trend surfen. Unser Ziel ist es jetzt, internationaler zu werden." Und tatsächlich, die Galerienliste ist gut gemischt, was die Nationen betrifft – 18 Länder und vier Kontinente sind 2026 vertreten –, hier und da hapert die Internationalität aber noch an der Sprachbarriere, Englisch ist hier nicht immer beliebt, da verhaftet man im Klischee, während andere Vorurteile gebrochen werden können. Wie etwa jenes, dass die Kunstwelt im Sommer abschaltet. In Marseille geht Sommerpause und Sommeraction fließend ineinander über. Viele sind hier noch in den Urlaubsausläufern, oder überhaupt erst am Anfang einer spätsommerlichen Reise, Vergnügen und Kunstbusiness geben sich in Marseille ein High Five, für den festen Handschlag gibt es genug andere Orte, hier fließt der Rosé und Kunst darf Spaß machen. Kein Wunder, dass das Konzept seit 20 Jahren funktioniert.

Art-o-rama 2026, Lukas Städler bei Dittrich & Schlechtriem, Foto: Margot Montigny

Art-o-rama 2026, Lukas Städler bei Dittrich & Schlechtriem, Foto: Margot Montigny

Die große Feier steht aber erst im kommenden Jahr an, denn das pandemiebedingte Pausejahr wird in die Jahre gezählt und die Art-o-rama will auch hier alles korrekt machen – das ist sympathisch, authentisch und ein glaubhafter Nährboden für jede Art von Transaktion.

Vom Gag zum Sammlerstück

Ein Hingucker der Messe ist ein Stück Strommast aus Basel, präsentiert von der japanischen Galerie Hayashi + Art Bridge (Tokyo) und umgesetzt vom Künstlerkollektiv Enterprise. Es ginge, so die Künstler, auch um die Schönheit des Rauen, und vielleicht auch ein bisschen um den Gag. Dennoch hat sich Kaufinteresse angemeldet, so hört man es unter den Gästen mauscheln. 
Auch Dittrich & Schlechtriem (Berlin) kann rasch von Verkäufen berichten und schwärmt über die südfranzösische Messe. Zum zweiten Mal auf der Art-o-rama entschied man sich, eine Position zu präsentieren, die eine Beziehung zum Ort hat – Lukas Städler inszeniert Fotos, die erst diesen Sommer in Marseille entstanden sind – eine 100er-Buchedition um 100 Euro holt derweil wirklich jede:n Gast ins Boot, sich vielleicht doch zu überlegen, ob man nicht mit dem Kunstsammeln beginnen möchte.

Das anzustiften ist eine Gabe der Art-o-rama – „der Markt ist kompliziert, da braucht es Kunstmessen, die von Förderern unterstützt werden", betont auch Patrick Barstow von der PM/AM Gallery aus London, die eigentlich nur auf US-amerikanischen Messen ausstellt, nun sieht man mit der Art-o-rama aber einen gelungenen Startpunkt für mehr Messeengagement in Europa. 
 


Art-o-rama

28 bis 30. August 2026
Marseille

MEHR INFORMATIONEN

Art-o-rama 2026, Preview Dinner, Foto: Margot Montigny

Art-o-rama 2026, Preview Dinner, Foto: Margot Montigny

PARNASS 03/2026

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