ARCO Madrid: Den Wurzeln auf der Spur

ARCOMadrid 2026, © ARCOMadrid

"Als die ARCO im Jahr 1982 gestartet wurde, gab es hierzulande nur sehr wenige Kunstinstitutionen. Mittlerweile ist die Messe selbst zu einer kulturellen Einrichtung geworden", resümierte Direktorin Maribel Lopéz zufrieden angesichts der 45. Ausgabe. Dieses Jahr nehmen 211 Galerien aus 30 Ländern an der Veranstaltung teil, und die Messe rechnet mit rund 100.000 Besuchern. Als Stiftung, die auch eine eigene Kunstsammlung unterhält und mit Ankäufen auf der ARCO kontinuierlich erweitert, agiert die wichtigste spanische Kunstmesse frei von dem Profitdruck, dem Veranstalter wie Art Basel oder Frieze ausgesetzt.


Während die Konkurrenz ihre Zelte heuer erstmals in Doha und Abu Dhabi aufschlägt, hat Lopéz keine Expansionspläne. Die Filialmesse ARCO Lisboa, die im Mai wieder stattfindet, wurde 2016 auf Initiative portugiesischer Galerien gegründet. In puncto Steuern hat das Nachbarland die Nase vorn: Während in Portugal der Mehrwertsteuersatz auf Kulturgüter bei sechs Prozent liegt, fallen in Spanien hohe 21 Prozent an. Gegen diesen Wettbewerbsnachteil haben Künstler:innen und Galerist:innen bereits im Februar mit Sitzstreiks in Museen protestiert.

Durch ihre früheren Gastländer-Specials hat die ARCO ihre Konzentration auf Lateinamerika ausgebaut. Damit spiegelt sie auch die demografische Entwicklung der Region Madrid wider, wo heute über eine Million in Lateinamerika geborener Menschen leben – rund 15 Prozent der Gesamtbevölkerung.
"Wir haben erstmals 2008 im Zuge des Fokus auf Brasilien an der ARCO teilgenommen", erzählte Galerist Márcio Botner, einer der maßgeblichen Motoren der Kunstszene von Rio de Janeiro, der mittlerweile auch in São Paulo einen Standort betreibt. Seine Galerie A Gentil Carioca ist in der kuratierten Sektion "Perfiles" vertreten, die Solopräsentationen aus Lateinamerika zeigt. Der junge Künstler Kelton Campos Fausto bezieht sich mit seinen neuen Gemälden weißgekleideter Figuren auf spirituelle Praktiken der Yoruba aus Westafrika.

Kelton Campos Fausto, Àwò Fúnfun, 2025, natural pigments and acrylic on canvas, 144 x 185 cm, © Kelton Campos Fausto, Courtesy of A Gentil Carioca / Pedro Agilson

Kelton Campos Fausto, Àwò Fúnfun, 2025, natural pigments and acrylic on canvas, 144 x 185 cm, © Kelton Campos Fausto, Courtesy of A Gentil Carioca / Pedro Agilson

Die Beschäftigung mit den eigenen Wurzeln seien das nun ethnische, kulturelle oder künstlerische , bleibt auf der ARCO eine Konstante. Identität ist nach wie vor ein Leitmotiv. Dass viele Galerien dieses Jahr Fotoarbeiten queerer Künstler:innen zeigen, hängt unter anderem mit der Neuaufstellung der Sammlung im Museum Reina Sofia zusammen, die den Subkulturen der 1980er-Jahre und der Aids-Krise eigene Kapitel widmet. Die Pariser Galerie Mor Charpentier beispielsweise stellt Fotos von Dragqueens aus, die die chilienische Künstlerin Paz Errázuriz während der Militärdiktatur von Augusto Pinochet porträtierte. Live-Klaviermusik erklingt vom Stand der Galerie 1 Mira Madrid, die der pionierhaften Performancekünstlerin Esther Ferrer einen Schwerpunkt widmet. Die 1937 geborene Baskin hat einen weißen Flügel mit Sätzen des Komponisten Erik Satie notiert, dessen Betonung von Langzeitdauer sie teilt.

ARCOMadrid 2026, © ARCOMadrid

ARCOMadrid 2026, © ARCOMadrid

Die internationale Beteiligung unterstreicht die Attraktivitä der ARCO. Aus dem deutschsprachigen Raum präsentieren 24 deutsche, sieben österreichische und drei Schweizer Galerien ihre Programme. "Wir kommen schon seit 35 Jahren auf die ARCO und erleben immer wieder, dass sich die spanischen Sammler:innen über internationale Galerien freuen", lobte Markus Peichl von der Galerie Crone, der auch für konzeptuelle und minimalistische Arbeiten Nachfrage verzeichnet. In Madrid bietet er Grafiken der US-Künstlerin Channa Horwitz (1932–2013) an, die Partituren gleichen.

An venezianische Luster erinnern die Skulpturen am Stand von Gregor Podnar, die der Wiener Künstler Franz Kapfer aus bunten Plastikflaschen gefertigt hat und mit Performancefotos kombiniert. Galeristin Ines Lombardi demonstriert, dass die frühen Arbeiten des Wiener Konzeptkünstlers Erwin Thorn (1930-2012) in ihrer Sinnlichkeit mit den poetischen Collagen und Skulpturen von Denisa Lehocká harmonieren.

Franz Kapfer, Plastiken, Courtesy Galerie Gregor Podnar

Franz Kapfer, Plastiken, Courtesy Galerie Gregor Podnar

Zu den interessantesten Abschnitten der Messe zählt die Sektion "Opening", in der Newcomer wie Gallery 4710 aus Tiflis oder die in Neu-Dehli und Mumbai tätige Galerie Method Einzelpräsentationen zeigen. Aus Buenos Aires reiste Linse Galeria mit reizvollen Kleinskulpturen von Julia Padilla an, für die sie Keramiken, Fundstücken und medizinische Instrumente kombinieren. Wenig überzeugend fällt hingegen das kuratorische Projekt "ARCO2045: The Future, for Now" aus, dessen bunt zusammengewürfelte Auswahl keinen roten Faden für die Zukunft erkennen lässt.

Leonor Serrano Rivas, A freshwater Serpent, 2026, Carlier Gebauer, ARCOMadrid 2026

Leonor Serrano Rivas, A freshwater Serpent, 2026, Carlier Gebauer, ARCOMadrid 2026

Julia Padilla, Ohne Titel, 2026, © Julia Padilla, Courtesy Linse Galeria

Julia Padilla, Ohne Titel, 2026, © Julia Padilla, Courtesy Linse Galeria

ARCOMadrid 2026, © ARCOMadrid

ARCOMadrid 2026, © ARCOMadrid


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