18. Lyon-Biennale – man wird doch wohl noch träumen dürfen

18e Biennale d'art contemporain de Lyon, Les Grandes Locos. Laure Prouvost, Hovering Caress Amère, 2022-2026. Installation multimédia avec métal, textile, verre, végétaux, objets trouvés, vidéo, lumière et son pilotés en DMX. Courtesy de l’artiste et Horst Arts & Music. © ADAGP, Paris, 2026

Mit Catherine Nichols holt das wichtigste französische Kunst-Festival eine Kuratorin aus Berlin, die feine Sinn- und Erinnerungsgewebe zu flechten versteht. Und gute Beziehungen nach Australien, Neu-Seeland und Ozeanien. Mit 120 Kunstschaffenden – 40 mehr als bei der letzten Ausgabe – will Lyon sich mit dieser Biennale als Hotspot in Frankreichs Kunst-Herbst behaupten. Mit der Einladung „von einem Traum zum anderen wandeln“ (passer d'un rêve à l'autre), so der Titel der auf 11 Orte verteilten Veranstaltung, soll das Publikum neue Wege in einer Realität finden, die derzeit wenig zu träumen übrig lässt. Man sollte dennoch wachsam bleiben, meint unser Frankreich-Korrespondent J. Emil Sennewald.


Stärken und Schwächen poetischer Ökonomie

Unirdische Töne, die eine ehemalige Eisenbahn-Werkstatthalle füllen; ein zum Relief gefaltetes Foto wogenden Flusswassers des Río de la Plata; Porträtfotos von Verkäuferinnen aus den Siebzigern und gebrauchte Plüschhasen; ausgestopfte Eulen und mumifizierte ägyptische Katzen; eine wandfüllende Collage, die Innen-, Welt- und Quantenraum verschränkt – was haben all diese durch künstlerische Arbeit erzeugten oder sichtbar gemachten Phänomene gemeinsam? Sie sind Manifestationen und Figuren des Übergangs. Und sie verkörpern neben vielen anderen Werken, wie den Tanzvideos der Australierin Angela Goh (*1986), die intimen Porträts des Deutschen Manfred Paul (*1942) oder die mit Kinderliedern gefüllten Schaukel-Wiegen der in Wien lebenden Amenierin Lucia Kagramanyan, die „poetische Ökonomie“ der überwiegend gelungenen 18. Biennale de Lyon. Ihre Stärke liegt dort, wo sie Ökonomie statt als Finanz- als ein System des Haushaltens, der Sorgen und Pflege begreift, damit Werte, Dinge, Menschen, Erinnerungen und Vorstellungen zirkulieren können. Ihre Schwäche beginnt dort, wo sie diese Sorgfalt nicht auch auf ihre eigene wirtschaftspolitische Realität verwendet.

Die Töne stammen aus einer Röhreninstallation, die der albanische Künstler Anda Kryeziu (*1993) in einer dunklen Abseite der enormen altindustriellen Halle „Les Grandes Locos“ aufgebaut hat. Wo einst Lokomotiven montiert und Züge repariert wurden, entfaltet sich bis zum 13. Dezember das der Industrie gewidmete Kapitel der Biennale mit teils monumentalen Arbeiten. „Fryi“, das albanische Verb für „blasen“ oder „wehen“, bezieht sich auf die Geräusche, die ihre Großmutter machte, wenn sie während des schrecklichen Krieges im Kosovo betete. Kryeziu übersetzt Geschichte in eine beinahe bedrängende Erfahrung: Der Atem, das Wehen und Blasen der Röhren geben politischer Erinnerung körperlich spürbar werden Resonanz. Ein wichtiger Aspekt aktueller politischer Widerständigkeit, der zu Beginn der Biennale etwas untergeht im monumentalen Spektakel, das allerdings mit gut zugänglichen, oft anrührenden Werken ein breites Publikum ansprechen dürfte.

Lucia Kagramanyan, 18. Lyon Biennale 2026, Foto © Emmanuelle Firman

Lucia Kagramanyan, 18. Lyon Biennale 2026, Foto © Emmanuelle Firman

Miguel Rothschild , 18. Lyon Biennale 2026, Foto © Blandine Soulage

Miguel Rothschild , 18. Lyon Biennale 2026, Foto © Blandine Soulage

Unweit des Röhrenstücks, noch umhüllt von den Tönen, kann der:die Besucher:in, der:die sich langsam durch die vielen, mit aus Überseecontainern gebauten Trennwänden sortierten Kunstwerke bewegt, über ein mehrere Meter langes Foto staunen, das an tausenden Nylonfäden so von der Decke hängt, dass ein Relief entsteht. Der argentinische, in Berlin lebende Künstler Miguel Rothschild (*1963) nennt solche Arbeiten „extended photography“: Das Bild wird aus vielen Fotografien zusammengesetzt als Raum erfahrbar. Der Río de la Plata, Silberfluss wegen einst erhoffter kolonialer Reichtümer, wirkt als Membran zu schmerzhafter Geschichte: Während der Militärdiktatur wurden hier Menschen aus Flugzeugen auf sogenannten "Todesflügen" ins Wasser geworfen. Jedes Bleikügelchen, das unter der bewegten Bildschicht die Fäden spannt, wirkt wie das Gewicht der Erinnerung. Der Fluss rückt in die mythologische Dimension des Übergangs in den Hades.

Mit zwölf Porträtfotos von Verkäuferinnen eines Kaufhauses in Auckland zeigt Fiona Clark (*1954) erstmals Bilder ihrer Serie "Cosmetic Women". Die neuseeländische Künstlerin, Meisterin der Erinnerung und der Übergangsgestaltung, liefert hier einen feinen Aufruf zu historischem Bewusstsein in den Kämpfen der Frauen. Die Abgebildeten arbeiteten in den siebziger Jahren an Kosmetikständen und Perückenbars des Kaufhauses George Courts. Clark fotografierte sie, weil deren Zusammenhalt und Solidarität für sie ebenso zu Frauenleben gehört, wie explizit feministische Positionen.

Im Textilmuseum, einer weiteren zentrale Station der Biennale, werden Clarks Plüschtiere, transitionelle Kindheitsobjekte, zum Symbol dafür, wie Dinge in der Passage von Gebrauch, Erinnerung und neuem Wert kommende Wirklichkeiten formen. Clark zeigt damit genau jene andere Ökonomie, die Nichols interessiert: eine Ökonomie der Beziehungen, der Fürsorge und der Dinge, deren Wert nicht im Preis aufgeht.
Im Innenhof des Musée des Tissus steht der rosa Van von EVA & ADELE. Von Berlin hierher gebracht, wirkt das Fahrzeug voller fotografischer Erinnerungen an die Auftritte des haupthaarlosen Künstlerpaares nach dem Tod von EVA im Mai 2025 zugleich wie ein Erinnerungsmobil, ein Übergangsfahrzeug. Die lebensfrohe Arbeit erhält dadurch unerwartet zeitliche Tiefe, das gemeinsame Lebenskunstwerk wird Archiv.


Höhepunkt der Biennale am nördlichen Ende der Rhône

Für den Rundgang durch Ausstellungsorte hat Nichols die Psychogeographie Lyons aufgegriffen: Die Traboules – seit Jahrhunderten durch Innenhöfe, Häuser und Gänge führenden Passagen – waren im 19. Jahrhundert für die Canuts wichtig, die ihre Stoffrollen trockenen Fußes durch die Seidenstadt transportierten; während der deutschen Besatzung dienten sie der Résistance als geheime Flucht- und Verbindungswege. Nichols dienten sie als historisch-kulturelle Matrix.

Das wird im macLyon deutlich, dem eigentlichen Herzstück dieser Biennale. Robert Fillious „Principes d’économie poétique“ von 1976 hängen groß am Eingang, als konzeptueller Fond der Biennale. Filliou hatte aus seinen Fluxus-Erfahrungen heraus erkannt, dass gesellschaftliche Veränderung ohne die der ökonomischen Strukturen oberflächlich bleiben müsse. Er wollte deshalb eine andere Theorie des Wertes entwickeln: eine Ökonomie der Verbindung, der Großzügigkeit, des Spiels, des Scheiterns und der permanenten gemeinsamen Produktion.

18e Biennale d'art contemporain de Lyon, Les Grandes Locos. raumlabor_ berlin, Montagne, allégorique, 2026. Papier, méthylcellulose, eau, air et bruits, Foto © Blandine Soulage

18e Biennale d'art contemporain de Lyon, Les Grandes Locos. raumlabor_ berlin, Montagne, allégorique, 2026. Papier, méthylcellulose, eau, air et bruits, Foto © Blandine Soulage

Im Erdgeschoß des Museums für zeitgenössische Kunst empfangen ausgestopfte Eulen, bereiten das Publikum auf einen Flug der Eule der Minerva in die Dämmerung kluger Assoziationen und ästhetisch gedankenvoller Konstellationen vor. Die aus der Literatur kommende und für ihre konstellative Intelligenz bekannte Catherine Nichols hat über drei Etagen ihre Erzählung von Träumen und Übergängen mit hochkarätigen, ebenso anrührenden wie aufrüttelnden Werken entwickelt. In eigens in die Wand eingelassenen Fächern werden ägyptische Katzenmumien ausgestellt. Grabbeigaben für Pharaonen, bei deren Ableben die ganze Entourage mit ins Jenseits geschickt wurde – schreckliche Übergangsfiguren.

Sie erzeugen in demselben Saal Echos eines Nachlebens der Bilder in den Collagen der in Berlin lebenden Österreicherin Barbara Breitenfellner (*1969). Wandgroß hat sie Bildteile zusammengestellt: einen Handschuh, eine schwangere Frau, ein Büro mit Tür. Die ausgeschnittenen Silhouetten ordnen sich um einen großen weißen Leerraum, auf dem bronzen hieroglyphisch wirkende Zeichen kleben. „Das sind Symbole aus der Quantenphysik“, erklärt die Künstlerin. Sie weisen für sie in einen Raum, in dem die bekannten physikalischen Gesetze aufgehoben sind. Auch die Bilder ihrer Collagen, teils aus historischen Lehrbüchern entnommen, haben eine Traum-Ökonomie: umwertend lösen sie Abbildverhältnisse auf, geben alternativen Wirklichkeiten Raum. Damit führt Breitenfellner ein zentrales Anliegen von Nichols vor: Träume sind mehr als seelische Verdauung. Es sind Optionen des Werdens. Das ist ein Angebot: trotz all der drückenden Ungerechtigkeit in der Welt, trotz Klimawandel und regierender dummer Habgier, können wir durch den Traum eine andere Wirklichkeit formen.

18e Biennale d'art contemporain de Lyon, Institut d’art contemporain / Frac Rhônes-Alpes. Maja Fredin, Humonculi, 2026. Sculptures : os de poulet. Courtesy de l’artiste.

18e Biennale d'art contemporain de Lyon, Institut d’art contemporain / Frac Rhônes-Alpes. Maja Fredin, Humonculi, 2026. Sculptures : os de poulet. Courtesy de l’artiste.

18e Biennale d'art contemporain de Lyon, Les Grandes Locos. Selma Selman, Flowers of Life, 2024 / 2026. Pinces de chantier, acrylique sur acier, métal, moteur électrique, huile moteur, tubes, câbles. Courtesy de l’artiste, acb Galéria, Budapest, ChertLüdde, Berlin, Foto © Blandine Soulage

18e Biennale d'art contemporain de Lyon, Les Grandes Locos. Selma Selman, Flowers of Life, 2024 / 2026. Pinces de chantier, acrylique sur acier, métal, moteur électrique, huile moteur, tubes, câbles. Courtesy de l’artiste, acb Galéria, Budapest, ChertLüdde, Berlin, Foto © Blandine Soulage

18e Biennale d'art contemporain de Lyon, macLYON. Pol Taburet, Courtesy de l’artiste et Mendes Wood DM, São Paulo, Bruxelles, New York. © ADAGP, Paris, 2026, Foto © Emmanuelle Firman

18e Biennale d'art contemporain de Lyon, macLYON. Pol Taburet, Courtesy de l’artiste et Mendes Wood DM, São Paulo, Bruxelles, New York. © ADAGP, Paris, 2026, Foto © Emmanuelle Firman

18e Biennale d'art contemporain de Lyon, Les Grandes Locos. Leilah Babirye, Céramique émaillée, bois brûlé, chambres à air de vélo et chaînes. Courtesy de l’artiste, Galerie Max Hetzler, Gordon Robichaux & Salon 94, Foto © Blandine Soulage

18e Biennale d'art contemporain de Lyon, Les Grandes Locos. Leilah Babirye, Céramique émaillée, bois brûlé, chambres à air de vélo et chaînes. Courtesy de l’artiste, Galerie Max Hetzler, Gordon Robichaux & Salon 94, Foto © Blandine Soulage

18e Biennale d'art contemporain de Lyon, Les Grandes Locos. Laure Prouvost, Hovering Caress Amère, 2022-2026. Installation multimédia avec métal, textile, verre, végétaux, objets trouvés, vidéo, lumière et son pilotés en DMX. Courtesy de l’artiste et Horst Arts & Music. © ADAGP, Paris, 2026

18e Biennale d'art contemporain de Lyon, Les Grandes Locos. Laure Prouvost, Hovering Caress Amère, 2022-2026. Installation multimédia avec métal, textile, verre, végétaux, objets trouvés, vidéo, lumière et son pilotés en DMX. Courtesy de l’artiste et Horst Arts & Music. © ADAGP, Paris, 2026

18e Biennale d'art contemporain de Lyon, Les Grandes Locos. Laure Prouvost, Hovering Caress Amère, 2022-2026. Installation multimédia avec métal, textile, verre, végétaux, objets trouvés, vidéo, lumière et son pilotés en DMX. Courtesy de l’artiste et Horst Arts & Music. © ADAGP, Paris, 2026

18e Biennale d'art contemporain de Lyon, Les Grandes Locos. Laure Prouvost, Hovering Caress Amère, 2022-2026. Installation multimédia avec métal, textile, verre, végétaux, objets trouvés, vidéo, lumière et son pilotés en DMX. Courtesy de l’artiste et Horst Arts & Music. © ADAGP, Paris, 2026

Positionen wie die in Wien lebende Hamburgerin Birke Gorm (*1986), die aktuell auch bei der Gwangju Biennale 2026 in Seoul sowie "Lebt und arbeitet in Wien" in der Kunsthalle Wien vertreten ist, vermitteln die zeitlose Hinfälligkeit des auch sich selbst konsumierenden Menschen nicht als auswegloses Schicksal, sondern als Energie für neue Gestalten. Ihre aus Sackleinen grob geformten lebensgroßen Skulpturen sind zugleich memento mori und verkörperter Gestaltungswille.  Auch die roten Landschaftsbilder der Australierin Hayley Millar Baker (*1990) reflektieren weniger Öko-Angst als, genauso wie die erdkrustigen Gemälde aus Teer, Bienenwachs und anderen Materialen der Inderin Kirtika Kain (*1990) oder die impressionistisch daherkommenden großen farbigen Aquarelle der französischen Künstlerin mit vietnamesischen Wurzeln Thu-Van Tran (*1979) vielmehr einen anderen Blick auf erodierende Umwelten.

Die Qualität von Nichols' Konstellationen liegt darin, dass sie keine bloße ästhetische Entrückung bietet, sondern Möglichkeiten, aus der Depression der Gegenwart heraus andere Realitäten denkbar zu machen. Das wäre noch überzeugender, wenn sie den Blick auf die eigenen Bedingungen der Kunstindustrie gerichtet hätte, auf ökonomische und politische Realitäten. Als in Berlin lebende Australierin wurde sie von Biennale-Chefin Isabella Bertolozzi auch gewählt, weil mit ihr in Ozeanien neue Fonds erschlossen werden konnten, um das Budget von acht Mio. Euro zu halten. Unter den Sponsoren sind Creative New Zealand, das Office for Contemporary Art Aotearoa und die French Australian Cultural Exchange Foundation.

Ein um 40 auf 120 Kunstschaffende angeschwollenes Programm, 65 neue Werke und zwölf neue Adaptionen sind eine beachtliche Produktionsleistung. Doch wie verhält sich die poetische Ökonomie zur Verwertung von Kunst? Wie lassen sich Möglichkeitsräume öffnen, ohne selbst Ware jener Industrien zu werden, deren Logiken eigentlich in Frage stehen? Wer heute in der Kunst von Ökonomie spricht, sollte sich und dem Publikum beim Aufwachen helfen.

PARNASS 03/2026

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