Anne Glassner & Marit Wolters im Mies van der Rohe Pavillon

Zwei Wienerinnen in Barcelona

Anne Glassner, Marit Wolters, Lost Limits, Fundació Mies van der Rohe, Barcelona, 2025, © Christian Prinz

Kommt, schaut uns zu. Anne Glassner und Marit Wolters lassen sich dabei zusehen, wie sie „Blumen“ gießen, schlafen, lesen. Die beiden Künstlerinnen begeben sich auf eine multisensorische Erkundung der Spuren von Mies van der Rohe. Mit einer komplexen Performance hauchen sie dem Kunstbau der Fundació Mies van der Rohe in Barcelona ungewohntes Leben ein. Bewegung, Form und Mode sind ihre Komplizinnen.


 

„Lost Limits“ nennen Anne Glassner und Marit Wolters ihre Intervention in der Fundació Mies van der Rohe. Die verlorenen Grenzen, die aufgehobenen Limitationen, die fließenden Übergänge werden befragt. Vor allem jene zwischen privat und öffentlich, zwischen abgeschottetem Kulturschatz und besucheroffenem Haus, zwischen der Individualität der Künstler:innenbiografie und dem öffentlichen Gemeinwohl der Kunst. Zwischen Glassner und Wolters, zwei Künstlerinnen, die auf den ersten Blick wenig gemein haben – außer dem Wohnort Wien.

Für zwei Tage leben Wolters und Glassner nun in der Fundació Mies van der Rohe, die täglich Besucher:innen offensteht.

Anne Glassner, Marit Wolters, Lost Limits, Fundació Mies van der Rohe, Barcelona, 2025, © Christian Prinz

Anne Glassner, Marit Wolters, Lost Limits, Fundació Mies van der Rohe, Barcelona, 2025, © Christian Prinz

Anne Glassner (*1984, Wien) ist Performerin. Das Thema Schlaf ist seit einiger Zeit ein zentraler Punkt ihrer künstlerischen Arbeit, was sie unter anderem durch Schlaf-Performances zum Ausdruck bringt, bei denen sie sich an ungewöhnlichen Orten beim Schlafen beobachten lässt.

Was ist im öffentlichen Raum erlaubt?
Und was geht zu weit?

Marit Wolters (*1985, Achim, DE) ist Bildhauerin. Sie arbeitet mit unterschiedlichen Materialien und gerne auch mit Stoffen, die sie gegebenen Kontexten entnimmt. So nun auch in Barcelona. Hier entstehen neue Betonarbeiten, die mit künstlerischer Fürsorge und dem Wasser des Pools der Fundació Mies van der Rohe vollendet werden. „Beton braucht Wässerung, also gießen wir ihn für zwei Wochen“, erklärt Wolters. 

Anne Glassner und Marit Wolters, © Christian Prinz

Anne Glassner und Marit Wolters, © Christian Prinz

Der Pavillon als offenes Haus

Die Fundació Mies van der Rohe wurde gegründet, um den Deutschen Pavillon, den Ludwig Mies van der Rohe und Lilly Reich 1929 für die Weltausstellung entwarfen, neu zu errichten. Das heutige Gebäude, 1986 eröffnet, ist weltbekannt: offen, durchlässig, spektakulär im Material, aber ohne jede Rückzugsmöglichkeit. Ein Wohnhaus ist es nie gewesen – vielmehr ein Manifest, wie Architektur Gesellschaft denken kann.

Genau hier setzen Glassner und Wolters an. Gemeinsam mit der Modedesignerin Flora Miranda, die Kostüme unter anderem aus gegossenem Latex entwarf, schlüpfen die Künstlerinnen in eine zweite Haut, die sie optisch mit der Architektur verschmelzen lässt. Camouflage gegen das Denkmal.

Anne Glassner, Marit Wolters, Lost Limits, Fundació Mies van der Rohe, Barcelona, 2025, © Christian Prinz

Anne Glassner, Marit Wolters, Lost Limits, Fundació Mies van der Rohe, Barcelona, 2025, © Christian Prinz

Private Gesten als Widerstand

Die Strukturen der Architektur, unserer dritten Haut, schwappen vom Umraum auf die Künstlerinnen und sie wiederrum schreiben sich als Parasitinnen in die historische Architektur. Die Starre des Institutionellen trifft auf die Beweglichkeit des Lebens. Indem alltägliche Handlungen öffentlich gemacht werden, sich dem Voyeurismus hingeben und zwischen künstlerischem Schaffensprozess und Künstlerinnenleben changieren.

Gemeinsam wollen Wolters und Glassner den Respekt vor der als Museum inszenierten Architektur aufbrechen – „Privat sein im öffentlichen Raum wird gar nicht so einfach“, geben sie beim PARNASS-Atelierbesuch in Wien zu. Ebenda führten sie durch ihre akribische Vorbereitung für die Tage in Barcelona. Doch trotz präziser Handlungsanweisungen und genauem Drehbuch hoffen sie auch auf unerwartete Einmischungen seitens des Publikums. Denn, gemeinsam mit den Besucher:innen soll die Frage gestellt werden: „Was ist im öffentlichen Raum erlaubt? Und was geht zu weit?“

Anne Glassner, Marit Wolters, Lost Limits, Fundació Mies van der Rohe, Barcelona, 2025, © Christian Prinz

Anne Glassner, Marit Wolters, Lost Limits, Fundació Mies van der Rohe, Barcelona, 2025, © Christian Prinz

Nach der Performance bleiben die Requisiten der Performance sowie die neu entstandenen Skulpturen bis 5. Oktober 2025 ausgestellt.