Zeiten des Umbruchs

Das Leopold Museum zeigt das Spätwerk von Egon Schieles letzten Jahre 1914–1918.
Gravierende Veränderungen prägten Egon Schieles letzte Lebensjahre. Seine späten Werke spiegeln den Wandel wider. Auch wenn man bei einem Künstler, der im Alter von 28 Jahren gestorben ist, nur mit Vorsicht von einem Spätwerk sprechen kann: Die inhaltlichen und stilistischen Veränderungen im Werk Egon Schieles ab 1914 sind unübersehbar. Im Vergleich zu den kantigen Linien und geometrischen Formen der frühen Arbeiten werden die Konturen weicher, die Körper plastischer und dreidimensionaler. In den Zeichnungen setzt er Schraffuren und Kringel ein, anstelle von Pose, Grimasse und Verzerrung der menschlichen Gestalt werden die Figuren realistischer, und in der Malerei nimmt die Farbgebung neue Nuancen an. Drei Gründe sind dafür zu nennen. „Krieg, Ehe, persönliche Entwicklung: Diese drei Aspekte sind ausschlaggebend für das Narrativ, dem wir in der Ausstellung folgen“, erklärt Schiele-Expertin und Kuratorin Jane Kallir. „Diese Fakten machten ihn empfänglicher für die Menschen und Ereignisse rund um ihn.“
Der Erste Weltkrieg stürzte die Welt des Fin de Siècle in einen Abgrund, vor dem sich niemand retten konnte. Auch wenn Egon Schiele zunächst noch vom Militärdienst verschont blieb: Eine eventuelle Möglichkeit, nach Paris zu gehen, zerschlug sich. So bleibt es ein interessantes Gedankenspiel, wie sich sein Stil in Paris mit all den Einflüssen der Moderne entwickelt hätte. 1915 musste er zur militärischen Grundausbildung nach Prag und ins böhmische Neuhaus einrücken. Die Übersiedlung fand wenige Tage nach der Heirat mit Edith Harms statt, und auch diese neue private Situation wirkte sich künstlerisch aus. Die offene Beziehung mit Wally Neuzil war der Ehe nach bürgerlicher Konvention gewichen.

Egon Schiele, Mutter mit zwei Kindern II, 1915, Öl auf Leinwand, Leopold Museum, Wien
Jane Kallir: „Aus Stefan Zweigs ‚Die Welt von Gestern‘ wissen wir, dass von einem jungen Mann erwartet wurde, dass er im Alter von 25 Jahren heiratete. Schiele wurde erwachsen, und durch die Heirat mit der bürgerlichen Edith entsprach er den gesellschaftlichen Normen. Er selbst fühlte sich als Bourgeois und nicht als ewiger Außenseiter, als der er von vielen gesehen wurde.“ Die neue Verantwortung manifestiert sich in vielen Porträts von Edith. Einen tieferen Einblick in das junge Eheleben aus Ediths Perspektive gewinnt man aus ihrem Tagebuch, das sie mit der Hochzeit begann und als ihr Trostbuch bezeichnete.
Und noch ein anderes, bisher kaum beachtetes familiäres Ereignis mag zu seiner Reifung beigetragen haben: Schieles Lieblingsschwester Gerti brachte 1913 – ein Jahr vor der Heirat mit Anton Peschka – ein uneheliches Mädchen zur Welt, dessen Existenz erst vor Kurzem entdeckt wurde. „Mit dieser neuen Erkenntnis kann man auch manche Werke aus dieser Zeit anders sehen“, sagt Senior Kuratorin Kerstin Jesse vom Leopold Museum. „So sind etwa die Gemälde ‚Blinde Mutter‘ sowie ‚Junge Mutter‘, beide von 1914, vermutlich mit Gerti in Zusammenhang zu bringen.“

Egon und Edith Schiele, Fulpmes, Tirol, August 1917, Fotografie, 7,9 x 5,7 cm (Detail), Leopold Museum, Wien
Neun Themen gliedern die Ausstellung, an deren Beginn über die Suche nach dem Selbst nicht zufällig das Doppel-Selbstbildnis „Entschwebung“ (Die Blinden II) steht. „Es gibt viele Interpretationen zu diesem rätselhaften, in der ersten Jahreshälfte 1915 entstandenen Bild“, sagt Kerstin Jesse. „Man könnte darin Schieles Abschied von seinem früheren, sehr selbstbezogenen Ich sehen, während der neue Schiele vielleicht noch blind ist, sich auf die neue Zeit einstellen, reifen und dazulernen muss.“
Krieg, Ehe, persönliche Entwicklung: Diese drei Aspekte sind ausschlaggebend für das Narrativ, dem wir in der Ausstellung folgen.
Dieser realitätsnähere Stil setzt sich auch in anderen Werken fort. Jane Kallir: „Schiele wird realistischer und gewissermaßen klassischer. Wenn man seine letzten Zeichnungen ansieht: Die Linien sind perfekt, er kann einen Akt in einem Strich ohne abzusetzenzeichnen. Ich sehe ihn in der handwerklichen Tradition großer europäischer Meister wie Dürer oder Holbein. Für mich sind das die einzigen Künstler, die mit einem so sparsamen Einsatz der Mittel eine wiedererkennbare Person und zugleich eine Universalität des Menschseins darstellen können.“ Dieses Talent macht Schiele zu einem gefragten Porträtisten.

Egon Schiele, Entschwebung (Die Blinden II), 1915, Öl, Deckfarbe auf Leinwand, Leopold Museum, Wien
Ich sehe ihn in der handwerklichen Tradition großer europäischer Meister wie Dürer oder Holbein.
Auch die Akte gewinnen eine bis dahin ungewohnte Natürlichkeit, die weibliche Figur bleibt ein wichtiges Thema. Gemälde wie das „Liebespaar“ oder das „Kauernde Menschenpaar (Die Familie)“ beeindrucken durch ihre massive Präsenz. Auch Schieles letztes Projekt eines Mausoleums wird beleuchtet. „Noch haben wir keine Hinweise gefunden, ob es sich um einen Auftrag gehandelt oder ob er nach den vielen menschlichen Verlusten im Krieg selbst diese Idee eines monumentalen Grabmals aufgegriffen hat“, erläutert Kerstin Jesse.
Der letzte Abschnitt der Schau über Erfolg und letzte Werke unterstreicht die Tragik des frühen Tods des Künstlers im Oktober 1918, kurz bevor der Krieg endlich aus war und als er in der Nachfolge Klimts eine führende Rolle im Wiener Kunstleben einzunehmen begann.
„Schiele übernahm sozusagen das Erbe Klimts als Meister der Allegorie, der umfassenden Aussage über den Sinn des Lebens“, so Jane Kallir. „Für ihn ist der Künstler eine Art Priester, er ist überzeugt, ein Seher mit einer besonderen Einsicht in die menschliche Existenz zu sein. Man findet in seinen Werken diesen Gegensatz zwischen dem Individuellen und dem Universellen. Und denselben Gegensatz entdeckt man stilistisch zwischen dem Realismus, der die Neue Sachlichkeit vorwegnimmt, und seiner Expressivität, pastosen Malweise und wilden Farbigkeit.“
Auch Schiele-Kenner:innen wird die Ausstellung durch den fokussierten Blick auf das Spätwerk sowie Erkenntnissen und Archivalien zur Biografie neue Einblicke bieten. „Es gibt ein Paradox darin, wie Schiele wahrgenommen wird“, konstatiert Jane Kallir. „Er ist der ‚cool guy‘ für junge Leute. Seine Suche nach der eigenen, auch sexuellen Identität im Frühwerk macht ihn so beliebt für Menschen, die selbst auf der Suche sind. Wenn man jedoch auf ein breiteres Publikum schaut, auf die Sammler:innen, so waren Schieles letzte Werke immer schon am populärsten. Es sind seine schönsten, unmittelbar zugänglichsten Arbeiten. Wenn ich also einen Traum für diese Ausstellung habe: Fügen wir die beiden Hälften zusammen und versuchen wir zu verstehen, wer dieser Künstler in seiner Gesamtheit war.“

Egon Schiele, Edith Schiele in gestreiftem Kleid, sitzend, 1915, Bleistift, Gouache auf Papier, 50,8 x 40,2 cm, Leopold Museum, Wien
»Die Natur war ohne Zweifel die große Liebe in Egon Schieles Leben«, so Christian Bauer im Katalogessay zu der von ihm kuratierten Ausstellung »Egon Schiele. Lebende Landschaften «, die 2024/25 in der Neuen Galerie in New York gezeigt wurde. Neben den figürlichen Darstellungen nehmen Landschaften und Städtebilder einen nicht minder wichtigen Teil in Schieles malerischem Gesamtwerk ein. Kleinstädte wie Tulln, Krumau oder die Felder um Neulengbach sind dabei immer wiederkehrende Motive.
Das Blatt »Duftige Landschaft« von 1915, eine Leihgabe der Galerie Wienerroither & Kohlbacher, zeigt die für die späten Landschaftszeichnungen typische Tendenz zur Harmonisierung und Aufhellung der Farbpalette sowie eine Abkehr von der Vogelperspektive und eine Hinwendung zu einer naturalistischen Formensprache.

Egon Schiele, Duftige Landschaft, 1915, Kohle und Farbkreide auf Papier, 320 x 448 mm, Courtesy Kunsthandel Wienerroither & Kohlbacher
Zeiten des Umbruchs. Egon Schieles letzte Jahre: 1914–1918
Leopold Museum Wien | bis 13.07.25
