Die Ausstellungshöhepunkte des Jahres

Wohin in Deutschland 2026?

Peter Paul Rubens, Der trunkene Herkules, von einem Satyr-Paar geführt, um 1613/14 © Gemäldegalerie Alte Meister, Staatliche Kunstsammlungen Dresden; Foto: Hans-Peter Klut

Seit vielen Jahren behält Uta Baier von Berlin aus für PARNASS den Überblick über das Kunstgeschehen in Deutschland. Schon jetzt weiß sie, welche Ausstellungen 2026 besonders reizen und hat eine kompakte Übersicht zusammengetragen. 


Von Herkules bis Meerschweinchen: Helden allerorten

Der Trend zu langen Laufzeiten setzt sich fort: Ausstellungen, die vier bis sechs Monate dauern, sind nichts Ungewöhnliches mehr. Das hat Kostengründe, aber auch der Wunsch nach Nachhaltigkeit spielt eine immer größere Rolle. Daher hier einige Ausstellungen, die Ende 2025 begonnen haben und bis weit in das Jahr 2026 geöffnet sind. Sie könnten unterschiedlicher nicht sein und haben doch alle ein Thema. Den Helden. Die Dresdener Gemäldegalerie alte Meister kümmert sich um einen der Urhelden: Herkules, der Menschen und Künstler seit 2500 Jahren beschäftigt. In Dresden ist noch bis Ende Juni 2026 Zeit für eine Reflexion über Mythos, Heldentum und Herkulesaufgaben. 

Der „Hero“ im Werk von Monira Al Qadiri ist eher ein Anti-Held. Die Ausstellung der Künstlerin aus dem Senegal in der Berlinischen Galerie beschäftigt sich mit Erdöl, dem Brennstoff, der Wohlstand brachte und Ausbeutung von Ländern und Menschen bedeutet. Al Qadiri macht den Öltanker zum zentralen Motiv und Zentrum ihres Nachdenkens über „Maßlosigkeit, Macht und Verfall“. 

Über ein nicht weniger verführerisches Fortschrittsversprechen denkt die Ausstellung ROBOTIC WOLRDS in der Neuen Sammlung in München nach. Sie zeigt die Entwicklung von Robotern in den vergangenen 100 Jahren aus der eigenen Sammlung und humanoide Roboter aus der TU München. Die Helden der Gegenwart können im Haushalt helfen, Industrieproduktion schneller machen, Pflege und Forschung unterstützen. Aber sind sie die Helden der Zukunft?

Die Helden des ZKM in Karlsruhe sind klar: Plüsch, Pixel, Joshi, Dieter, Momo, Gigi, Milli, Lola, Coco und Mimi. Die Meerschweinchen wurden Ende 2026 freigelassen und wuseln nun durch das Foyer. Es sind natürlich keine echten sondern interaktive Robotermeerschweinchen, die auf Ansprache reagieren. Das Museum nennt sie „Zukunft zum Anfassen“ und hofft nicht nur, dass sie die kuschligen Helden der Besucher werden, sondern auch Gespräche über KI, Empathie und Verantwortung provozieren.

Installation view „Monira Al Qadiri. Hero“, Berlinische Galerie, Foto: © Roman März

Installation view „Monira Al Qadiri. Hero“, Berlinische Galerie, Foto: © Roman März


Feste, Musik, Kunst: Der Hamburger Bahnhof in Berlin feiert seinen 30. Geburtstag 

Wenn das Museum Hamburger Bahnhof im November seinen 30. Geburtstag feiert und das durchaus erstaunlich klingt, liegt das vor allem daran, dass es immer ein Museum in Veränderung war. Das gilt nicht erst seit Sam Bardaouil und Till Fellrath 2022 gemeinsam den Direktorenposten übernommen haben. Doch seit sie das Programm verantworten, ist das Angebot des Hamburger Bahnhofs noch vielfältiger, offener, partizipativer geworden. Das Konzept spiegelt sich im Jubiläumsprogramm des Jahres 2026: Die erste institutionelle Einzelausstellung der Italienerin Giulia Andreani knüpft Verbindungen zwischen ihrer Malerei und Werken aus den Berliner Sammlungen. Ryuichi Sakamoto, der erstmals in einer Retrospektive in Europa vorgestellt wird, arbeitet an der Schnittstelle von Klang und Kunst. Mit Schnittstellen kennt sich auch die litauische Künstlerin Lina Lapelytė aus. Sie hat klassische Violine, Klangkunst und Bildhauerei studiert und entwickelt für den Hamburger Bahnhof eine partizipative Choreografie.

Neben Sammlungsinterventionen und Ausstellungen von Sophie Calle, den Leipziger Bildhauerinnen von [ materialistin ] und Shilpa Gupta wird es ganz viele Gelegenheiten geben, das Museum als Ort für Musik und Feste zu entdecken. 
 

Berlin, Hamburger Bahnhof – Nationalgalerie der Gegenwart:

Lina Lapelytė, What Happens with a Dead Fish?, 2021, Kunstenfestival des Arts Brussels © Lina Lapelytė / VG Bild-Kunst Bonn, 2025 / Bea Borgers

Lina Lapelytė, What Happens with a Dead Fish?, 2021, Kunstenfestival des Arts Brussels © Lina Lapelytė / VG Bild-Kunst Bonn, 2025 / Bea Borgers


Osmose mit Oscar Murillo

Er ist Turner-Preisträger, hat auf der Biennale in Venedig ausgestellt, die Turbinenhalle der Tate Modern in einen Malsaal verwandelt: Der in London lebende kolumbianische Künstler Oscar Murillo begeistert, wo er seine Mitmach-Projekte organisiert und seine expressiven Arbeiten zeigt. Als nächstes kommt er ins Kunsthaus DAS MINSK nach Potsdam und bespielt nicht nur den Innen- und Außenraum des Kunsthauses, sondern auch das Museum Barberini. Seine Ausstellung wird Projekt und Dialog mit Claude Monet zugleich sein, verspricht Kuratorin Anna Schneider. Einige von Oscar Murillos bekanntesten Arbeiten entstanden durch gemeinsame Arbeit. Schüler bemalten mit Leinen bezogene Schultische, Museumsbesucher von Murillo aufgestellte Leinwände. Die Potsdamer Ausstellung trägt den Titel „Kollektive Osmose“ und deutet in eine ähnliche Richtung: Es soll um Austausch in Gemeinschaft, um Durchlässigkeit zwischen Innen und Außen gehen. Für Murillo-Fans ist ein Potsdam-Besuch ab März schöne Pflicht. 
 

Oscar Murillo, Untitled (Drawings off the Wall) [Ohne Titel (Off the Wall-Zeichnungen)], 2012, Öl, Ölstift, Grafit und Schmutz auf Leinwand, 170 × 190 cm, Courtesy of the artist © Oscar Murillo. Foto: Tim Bowditch & Reinis Lismanis

Oscar Murillo, Untitled (Drawings off the Wall) [Ohne Titel (Off the Wall-Zeichnungen)], 2012, Öl, Ölstift, Grafit und Schmutz auf Leinwand, 170 × 190 cm, Courtesy of the artist © Oscar Murillo. Foto: Tim Bowditch & Reinis Lismanis


Alles Müll in Dortmund 

Kunst und Gesellschaftskritik gehören seit langem zusammen. Doch nicht immer bringt aktivistische Kunst ästhetisch Überzeugendes hervor. Beim Thema Müll ist das anders. Denn Müll lässt sich verarbeiten, verändern, verwandeln. Das zeigen Künstler wie HA Schult, Arman oder César Baldacchini, deren Arbeiten das Museum Ostwall in Dortmund seit Jahren sammelt. Nun zeigt es eine Auswahl dieser Werke aus dem 20. Jahrhundert zusammen mit zeitgenössischer Kunst. Extra für „Müll. Eine Ausstellung über die globalen Wege des Abfalls“ entstehen außerdem zwei Installationen. Ana Alenso beschäftigt sich mit dem so genannten Mining zur Gewinnung von Materialien wie Gold und Kobalt. Akwasi Bediako Afrane aus Ghana baut aus Elektroschrott ein  interaktives Stadtmodell. Fragen nach den Profiteuren der Müllbeseitigung sollen in dieser Ausstellung ebenso eine Rolle spielen, wie die Wege, die der Müll dabei nimmt. 
 

 


Kaltes Herz trotz Umbau

Das Kunstmuseum Stuttgart muss bis 2027 zur Sanierung und Erneuerung schließen. Doch die Ausstellungen gehen weiter – im Kunstgebäude am Schlossplatz. Ab April zeigt es „Das kalte Herz“, eine künstlerische Reflexion zum Märchen von Wilhelm Hauff. Mit dabei sind Arbeiten von Kader Attia, Jenny Holzer, Rasmus Myrup und auch zwei Neuproduktionen von Julia Pristauz und Nora Turato. Denn das Märchen ist aktuell wie bei seiner Entstehung vor 200 Jahren.

  • "Das kalte Herz" | Stuttgart, Kunstgebäude am Schlossplatz, 18. April bis 4. Oktober 2026

Sünderin, Bekehrte, Verehrte: Maria Magdalena in Frankfurt 

Sie war eine der schillerndsten Figuren im Umfeld von Jesus Christus und deshalb eine der faszinierendsten für Künstler. Maria Magdalena wurde als asketische Büßerin, als ekstatische Heilige und als selbstbestimmte Frau dargestellt. Diesen Wandel zeichnet die erste Ausstellung zu diesem Thema in Deutschland nach. Das Städelmuseum in Frankfurt und die Liebighaus-Skulpturensammlung zeigen 100 Werke, die sich mit Maria Magdalena beschäftigen. Neben Dürer, Rodin und Böcklin liegt der Fokus auf den Interpretationen von Künstlerinnen wie Artemisia Gentileschi, Lotte Laserstein oder Kiki Smith. In der Ausstellung soll deutlich werden, „wie jede Zeit ihre eigenen Fragen, Vorstellungen oder Sehnsüchte in die Figur der Maria Magdalena eingeschrieben hat und wie sie bis heute dazu einlädt, über Rollenbilder, Spiritualität und die Deutung weiblicher Erfahrung nachzudenken.“
 

Artemisia Gentileschi, Büßende Maria Magdalena, 1625-26, Öl auf Leinwand, 108,8 x 93 cm, Kimbell Art Museum, Kahn Building, South Gallery, Fort Worth, Texas

Artemisia Gentileschi, Büßende Maria Magdalena, 1625-26, Öl auf Leinwand, 108,8 x 93 cm, Kimbell Art Museum, Kahn Building, South Gallery, Fort Worth, Texas


Dresden: „Correggio. Berührend menschlich“

Antonio Alegri, genannt Correggio (1489-1534) lebte und malte, als Michelangelo, Raffael, Leonardo und Tizian malten. Doch so bekannt wie seine Kollegen wurde er nicht. Das zeigt sich auch daran, dass die Gemäldegalerie Alte Meister in Dresden jetzt erstmals außerhalb Italiens eine Gesamtschau seines Werkes organisiert hat. Der Meister stimmungsvoller, lichtdurchfluteter religiöser und erotischer Szenen wurde in Dresden so fleißig gesammelt, dass dort ein weltweit einzigartiger Bestand verwahrt wird. Zusammen mit der „Madonna des heiligen Sebastian“, die vor Ort in einem Schauatelier drei Jahre restauriert wurde und ergänzt durch internationale Leihgaben wird die Ausstellung zeigen, wie „Berührend menschlich“ Correggio malte. 
 


„Vier Wände voller Kunst“ in Leipzig

Das Thema Raubkunst, Provenienzforschung, Restitution lässt die deutschen Museen auch fast 30 Jahre nach der Verabschiedung der Washingtoner Prinzipien nicht los. Oft geht es um Restitution, manchmal um Rückkauf. Das Museum der bildenden Künste in Leipzig zeigt nun erstmals, was einst an den Wänden jüdischer Sammlerfamilien in Leipzig hing. Die Geschichten und Kunstwerke von elf Familien, die vor 1933 aktiv das Museum unterstützten, werden vorgestellt. Die Leipziger sammelten deutsche Impressionisten, Expressionisten,  Brücke-Künstler und Max Klinger. Geplant ist, 50 Arbeiten - Malerei, Grafik, Zeichnungen, Skulpturen – zu versammeln. Die Hälfte der Werke befindet sich noch heute in Privatbesitz, die andere Hälfte sind Museums-Leihgaben.
 


Das Centre Pompidou in Hamburg und Berlin

Das Centre Pompidou ist bis 2030 wegen Bauarbeiten geschlossen. Deshalb zeigt es seine Schätze auf der ganzen Welt. Eine deutsche Kooperation ist in der Neuen Nationalgalerie in Berlin geplant, eine andere in der Hamburger Kunsthalle. Unter dem Titel „Unstable Media in the 21th Century“ werden dort 40 Werke aus der Pariser New Media Sammlung vorgestellt. Die Ausstellung will zeigen, wie Künstlerinnen und Künstler sich die Technik aneigneten, sie veränderten und Neues erfanden. 

Während Medienkunst nach Hamburg ausgeliehen wird, kommen Bildhauerwerke aus Paris nach Berlin. In der Neuen Nationalgalerie wird das Werk Constantin Brancusis gefeiert -– mit Werken, die das Pompidou bisher nie verlassen haben, zum Beispiel das berühmte Atelier von Brancusi. Mit insgesamt 150 Skulpturen, Fotos, Filmen und Archivalien aus der ganzen Welt wird es die größte Brancusi-Schau, die es jemals gab. 
 

Thảo Nguyên Phan, Mute Grain, 2019, digitale Prores Dateien in 16:9, 15 Minuten 45 Sekunden, © Rechte vorbehalten, Bildnachweis: Centre Pompidou, MNAM-Cci/Dist.RMN-GP

Thảo Nguyên Phan, Mute Grain, 2019, digitale Prores Dateien in 16:9, 15 Minuten 45 Sekunden, © Rechte vorbehalten, Bildnachweis: Centre Pompidou, MNAM-Cci/Dist.RMN-GP


Dschingis Khan reist nach Berlin

Die Vorschau zu „Dschingis Khan. Die Welt der Mongolen“ verspricht Besonderes: Nach Berlin reisen archäologische Schätze aus der Zeit von 1250 bis 1350 aus der Mongolei, die sie bisher noch nie verlassen haben. Anlass für die Ausstellung ist der 800. Todestag von Dschingis Khan 2027. Versprochen wird ein neuer Blick auf das Reich der Mongolen – nach 20 Jahren deutsch-mongolischer Forschung. Eröffnet wird die Schau durch den mongolischen Präsidenten. 

Reenactment mongolischer Krieger © Ghenggis Khaan National Museum

Reenactment mongolischer Krieger © Ghenggis Khaan National Museum

PARNASS 04/2025