Uecker: Den Nagel in die Banalität des Lebens schlagen
Das Arp Museum Bahnhof Rolandseck zeigt die erste Ausstellung zum Werk von Günther Uecker (1930-2025) nach seinem Tod. An den Vorbereitungen war der Künstler noch beteiligt.
Er ist der „Nagelkünstler“ und hat doch so viel mehr gemacht als Nägel in Klaviere, Stühle, Tische, Wände, Bilder zu hämmern. Günther Uecker (1930-2025) gehört zu den bekanntesten und erfolgreichsten deutschen Nachkriegskünstlern. Das hat seinen Grund sicher darin, dass er mit dem Verwenden des gemeinen Nagels ein Markenzeichen schuf. Es hat aber noch mehr damit zu tun, dass er nicht auf den Nagel festgelegt werden kann. Uecker arbeitete ebenso mit Farbe (bevorzugt weiß, auch schwarz und Naturtöne), er drehte Filme, verwendete für seine Arbeiten Stoffe, Steine, Hölzer, Sand und baute riesige kinetische Objekte.
Am 10. Juni 2025 starb Günther Uecker 95-jährig in Düsseldorf. Bis zum Schluss hat er das Entstehen der ab 08. Februar geöffneten Ausstellung im Arp-Museum Bahnhof Rolandseck in Remagen begleitet. „Besonders die übernagelten Objekte waren ihm für diese Ausstellung wichtig“, sagt Kuratorin Jutta Mattern, die 45 Werke, vier Künstlerfilme und zwei Dokumentarfilme versammelt hat. „Wir wollen das fast meditative Arbeiten mit den Nägeln, das auch ein aggressives, obsessives Potential hatte, zeigen“, sagt die Kuratorin, deren Ausstellung das Werk Ueckers an einen seiner Anfangspunkte zurück bringt.

Ausstellungsansicht: Günther Uecker. Die Verletzlichkeit der Welt, Arp Museum Bahnhof Rolandseck, © VG Bild Kunst, Bonn 2026, Foto: Mick Vincenz
Denn der Bahnhof Rolandseck spielte eine wichtige Rolle für den jungen Uecker, der schon als Student den Galeristen Johannes Wasmuth und dessen Begeisterung für das verlassene Bahnhofsgebäude unterstützte.
Dieser schaurige, geschichtsträchtige Ort, verschlossen und verstaubt, war es, vom dem Johannes angezogen wurde, ein Ort vorbeirasender Züge, die meist nicht anhielten. Ein dunkler Ort voller Gerümpel, Dreck und von Ratten belebt.
Günther Uecker, Die Treppe, 1964 (Filmstills), Rolandseck, 2:16 min., Produktion Uecker Borchhard, Bearbeitung Bauer, © Foto: Uecker Archiv, Privatsammlung
So beschrieb Uecker 1964 den Bahnhof, den er mit einer Nagelperformance, die vom Vorplatz über die Innentreppe führte, in Besitz nahm. Für den Galeristen-Freund entstand auch das „Bett zum Aufwachen“ – mit Nagelreliefs an Wand und Betthimmel. Es ist das einzige Uecker-Werk in der Sammlung des Arp Museums.
„Ich habe wohl versucht, eine neue Wirklichkeit zu gestalten, aber ich sah mich gelöst von der mir bekannten Wirklichkeit, und es war für mich eine Chance, über das Bewusstsein wieder neue Wirklichkeitsbezüge zu diesen Wirklichkeiten zu schaffen“, beschrieb der Künstler sein Arbeiten, das immer einen direkten Bezug zu den gesellschaftlichen und politischen Ereignissen hatte. Seine frühen Objektbenagelungen gelten als Kritik an der bürgerlichen Nachkriegsgesellschaft. Nach der Reaktorkatastrophe in Tschernobyl entstanden die Aschebilder. Die Begegnungen mit japanischen Zen-Gärten inspirierten ihn zu den Sandmühlen. Für China entstanden riesige, mit den Menschenrechten beschriebene Tücher.
Das Thema meiner künstlerischen Arbeit ist die Verletzbarkeit des Menschen durch den Menschen.
Günther Uecker, Bett zum Aufwachen, 1965, Arp Museum Bahnhof Rolandseck, Foto: Mick Vincenz
Er hat sie früh erlebt und erst spät von diesem einschneidenden Erlebnis gesprochen: Als Jugendlicher wurde er von sowjetischen Soldaten in seiner mecklenburgischen Heimat gezwungen, seit Wochen am Strand liegende Leichen zu bergen und zu bestatten. Es waren die Leichen von KZ-Häftlingen, die 1945 vom bombardierten Passagierschiff „Cap Arcona“, angeschwemmt worden waren.
Mit seiner letzten Arbeit, den Fenstern für den Schweriner Dom (2024 geweiht), bekräftigte er seine innige Verbundenheit mit der Heimat. Vorzeichnungen für diese Fenster beschließen die Ausstellung im Arp Museum.
Günther Uecker
Die Verletzlichkeit der Welt
08. Februar bis 14. Juni 2026

Günther Uecker, "Man muss noch Chaos in sich haben, um einen tanzenden Stern gebären zu können“ (Friedrich Nietzsche), 2000, Privatsammlung Italien
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