"Alles in Arbeit" im Dom Museum Wien

Über Fleiß, Pausen und den Wert unserer Arbeit

Birke Gorm, all-in (check, pink), 2023, Dom Museum Wien, Otto Mauer Contemporary, © Birke Gorm, Foto: L. Deinhardstein

Work hard, dream big: Das Dom Museum Wien widmet sich in der aktuellen Ausstellung einem Thema, das so alltäglich ist, dass man es kaum wahrnimmt. Und trifft damit erstaunlich präzise den Nerv der Gegenwart.


Zugegeben, der Titel klingt etwas banal, der Anspruch ist es aber keineswegs. Denn »Alles in Arbeit« ist bei weitem kein Ausstellungsessay über Fleiß und Mühsal, sondern eine präzise Studie über ein gesellschaftliches Grundrauschen. »Wir wollten ein scharfes gesellschaftspolitisches Thema, das mit unserer Sammlung, aber auch mit der Gegenwart korrespondiert, « erklärt Direktorin Johanna Schwanberg, die die Schau zusammen mit Vanessa Joan Müller kuratiert hat. »Arbeit ist allgegenwärtig, sie strukturiert unser Leben und trotzdem verändert sich ihr Sinn gerade dramatisch.« Pandemie, Automatisierung, KI, Migration, Care-Krise – Schwanberg zählt auf. »Wir leben in einer Phase, in der alte Sicherheiten brüchig werden.«

Wer arbeitet, wie, wofür und mit welcher Anerkennung? Das sind keine abstrakten Fragen mehr, alle spüren das.

Johanna Schwanberg, Direktorin Dom Museum
Olga Wisinger-Florian, Arbeit am Bauernhof, um 1888. Belvedere, Wien, Belvedere, Wien, Foto: Belvedere, Wien

Olga Wisinger-Florian, Arbeit am Bauernhof, um 1888. Belvedere, Wien, Belvedere, Wien, Foto: Belvedere, Wien

Die aktuelle Ausstellung im Dom Museum Wien befragt daher den Begriff »Arbeit« auf mehreren Ebenen zugleich, als permanentes Ringen zwischen Notwendigkeit, Identität und Erschöpfung. Schon beim Betreten der Ausstellung zeigt sich, dass der Titel mehr meint als ein hübsches Wortspiel. Im Eingangsbereich flimmern sechs Monitore von Oliver Walker: Baumwollpflücker:innen, Näher:innen, CEO – alle arbeiten exakt so lange, bis sie einen Euro verdient haben. Das Bild wechselt je nach Lohngefälle. Eine Stunde, drei Minuten, eine Sekunde. »Es ist Geld in Zeit übersetzt«, erklärt Schwanberg. »Ein simpler Gedanke, aber er trifft direkt ins Herz der Ungleichheit. Diese Installation führt uns vor Augen, wie absurd das System globaler Ungleichheit aktuell ist.«

Gleich daneben hängt Lowell Nesbitts »IBM 6400« (1965): ein glänzendes Monument des Rationalismus, das den Büroarbeitsplatz zum Fetisch erhebt. Generell verzichtet die Schau auf strikte Chronologie und setzt stattdessen auf Reibung. »Uns interessiert die Vielfalt, nicht die Fortschrittsgeschichte«, betont die Direktorin des Dom Museums. So verwundert es auch nicht, wenn sich eine Thernberger Madonna von 1320 neben der textilen Objektarbeit »all-in (check, pink)« (2023) von Birke Gorm findet, deren Schürzen und Schnüre moderne Reliquien weiblicher Care-Arbeit bilden.

Wir wissen zwar alles über Produktivität, aber wenig über Dankbarkeit.

Johanna Schwanberg, Direktorin Dom Museum
Lowell Nesbitt, IBM 6400, 1965. mumok – Museum moderner Kunst Stiftung Ludwig Wien, Leihgabe der Österreichischen Ludwig-Stiftung seit 1981, Lowell Nesbitt © Bildrecht, Wien 2025, Foto: mumok – Museum moderner Kunst Stiftung Ludwig Wien, Leihgabe der Österreichischen Ludwig-Stiftung

Lowell Nesbitt, IBM 6400, 1965. mumok – Museum moderner Kunst Stiftung Ludwig Wien, Leihgabe der Österreichischen Ludwig-Stiftung seit 1981, Lowell Nesbitt © Bildrecht, Wien 2025, Foto: mumok – Museum moderner Kunst Stiftung Ludwig Wien, Leihgabe der Österreichischen Ludwig-Stiftung

»Wir sind von der klassischen Erwerbsarbeit ausgegangen, wollten den Begriff aber bewusst öffnen«, sagt Johanna Schwanberg. »Wer pflegt, wer aufräumt, wer still zuhört, das sind alles Formen von Arbeit. Und sie sind meist weiblich, oft unsichtbar und fast nie angemessen bezahlt. Wir wissen zwar alles über Produktivität, aber wenig über Dankbarkeit.«

Das Spannende: Der Schau gelingt es geschickt, gängige Klischees zu vermeiden, unter anderem mit einem Gemälde aus dem 16. Jahrhundert, das Maria mit dem Jesuskind zeigt. Aufmerksame Besucher:innen können im Hintergrund den Heiligen Josef erkennen, der gerade die Windeln des neugeborenen Messias zum Trocknen aufhängt. Besonders stark ist die Ausstellung vor allem dort, wo sie sich selbst reflektiert: Iris Andraschek hat in einem eigenen Raum den Brand des Stephansdoms 1945 und seinen Wiederaufbau thematisiert, und zwar mit Rußzeichnungen, Fotos und Fragmenten. »Der Ruß steht synonym für körperliche Arbeit, für Dreck, für Geschichte«, erläutert Johanna Schwanberg. »Da wurde nicht nur der Dom wieder aufgebaut, sondern auch ein Selbstbild. Und zwar mit allen Ambivalenzen: Freiwilligenarbeit, Geschäft, Wiedergutmachung.«

Im letzten Raum überrascht dann aber der Bruch: Hier ist »Artist at Work« von Mladen Stilinović zu sehen, ein Künstler, der quasi im Schlaf arbeitete, während den Boden Luise Marchands Sitzmöbel aus Jacken ehemaliger Lieferando-Fahrer für sich beansprucht. Wer möchte, darf sich sogar darauflegen. »Mich fasziniert dieser Gedanke der produktiven Unproduktivität«, sagt Schwanberg. »Denn wir leben in einer Gesellschaft, die Pausen als Schwäche liest. Aber vielleicht entsteht Kreativität gerade im Zögern oder im Schweigen.«

August Sander, Lackierer, Köln, 1932 / 1991. Copyright: Courtesy Galerie Johannes Faber, August Sander © Die Photographische Sammlung / SK Stiftung Kultur – August Sander Archiv, Cologne/ Bildrecht, Wien 2025, Foto: Galerie Johannes Faber

August Sander, Lackierer, Köln, 1932 / 1991. Copyright: Courtesy Galerie Johannes Faber, August Sander © Die Photographische Sammlung / SK Stiftung Kultur – August Sander Archiv, Cologne/ Bildrecht, Wien 2025, Foto: Galerie Johannes Faber

Ein Gedanke, der im Dom Museum Wien durchaus Resonanz findet. »Ein Haus, das die Wichtigkeit des siebten Tages kennt, darf die Muße ruhig ernst nehmen«, schmunzelt die Chefin. Nichtstun ist eben auch eine Form der Arbeit, zumindest eine an sich selbst. »Ich habe beim Kuratieren selbst gemerkt, wie sehr wir uns über Arbeit definieren«, gesteht Schwanberg. »Ich liebe meinen Job, aber ich frage mich immer öfter: Wo endet er? Und was bleibt, wenn man nicht arbeitet?«
Zwar liefert auch die aktuelle Ausstellung im Dom Museum Wien darauf keine Antwort – aber immerhin stellt sie die richtigen Fragen.


ALLES IN ARBEIT

Dom Museum Wien
bis 30.08.2026

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See Red Women's Workshop, A woman's work is never done, 1974. Courtesy See Red Women’s Workshop, © See Red Women's Workshop, Foto: © See Red Women's Workshop

See Red Women's Workshop, A woman's work is never done, 1974. Courtesy See Red Women’s Workshop, © See Red Women's Workshop, Foto: © See Red Women's Workshop

 

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