Thảo Nguyên Phan im Pariser Palais de Tokyo

Die 1987 in Ho‑Chi‑Minh‑Stadt geborene Thảo Nguyên Phan ist eine zentrale Stimme der gegenwärtigen vietnamesischen Gegenwartskunst, international von Kritik und Kuratoren geschätzt. Jetzt zeigt das größte Kunstzentrum Europas mit einer ersten Monografie in Frankreich ihre vielschichtigen Arbeiten zu Geschichte, Identität und Erinnerung.
Schatten stürzen von einem hohen Le Corbusier-Gebäude. Silhouetten in Menschengestalt, ich halte den Atem ein wenig an, gehe weiter. Dann fliegen Menschen durch die Luft, wie von einem Karussell davon geschleudert, fast wirkt es, als freuten sie sich, wie die Figuren in den Zeichnungen von Ilya Kabakov. Dann wieder dieses Hochhaus, diesmal sind die Schatten zu Krähen geworden. Ich muss an Krabat denken, den Helden in Otfried Preußlers gleichnamigem Roman aus dem Jahr 1971. Krabat lernt in einer Mühle, wird zum Sklaven eines Zaubermeisters, der sich und ihn nachts in eine Krähe verwandelt. Der junge Mann kann sich aus dem Bann befreien.
Auch ich löse die Augen von den 66 Aquarellen, die mal fröhliche, mal bedrückende Szenen eines fernen, romanhaften Alltags darstellen, auf bedruckte Seiten gemalt. Es handelt sich um Teile aus dem Buch, in dem der Jesuit Alexandre de Rhodes (1591- 1660) von seine Reisen durch Asien erzählt. Er berichtet von Menschen, Sitten und Gebräuchen. Phan hat 2013 ein Exemplar auf ebay ersteigert, auseinander genommen und dann, von 2014 bis 2017 darauf 72 Aquarelle gemalt. „Voyages de Rhodes, 2014 –17“ ist eine site-spezifische Installation, die Bilder sind in Rahmen so auf die Wand gehängt, dass man von beiden Seiten hinein taucht in diese undichte Welt der Geschichte Südostasiens.

Exhibition view, Thảo Nguyên Phan, "The Sun Falls Silently", Palais de Tokyo (Paris), 12.06-07.09.2025, Courtesy of the artist & ZINK Gallery (Germany), Foto: Aurélien Mole
Eine sanfte Art der Reparatur, eine Reise in die Geschichte der Kolonialisierung, die aufzeigt ohne anzuklagen, zum Nachvollziehen und Verstehen einlädt.
Wie in die Werke von Henry Darger (1892-1973), der einst in Chicago in einer kleinen Wohnung unterm Dach auf über 300 Illustrationen beidseitig bemalter Blätter die so grausame wie faszinierende Geschichte seiner fiktionalen „Vivian Girls“ erzählte.
Anders als Darger, der „outsider artist“, hat Thảo Nguyên Phan das Zeichnen gelernt: nach dem Studium an der University of Fine Arts Ho Chi Minh City (2005-2008) erwarb sie den Master 2014 an der Painting & Drawing an der School of the Art Institute of Chicago. Dennoch berauscht sie sich nicht am Kunsthandwerk, lässt fragile, fast ängstliche Figuren entstehen. Oder fröhliche, ironisch florale, wie die Motorräder, dieses im kollektiven Bildgedächtnis der Europäer so eng mit dem Straßenbild Vietnams verknüpfte Objekt. Für die Installation „The Mythologies of Engines“ hat sie sechs Holzrahmen aufwändig mit vietnamesischer Lackiertechnik gefasst. Darin aufgespannt ist Seide, auf die sie die Motorräder aquarelliert hat. Erneut diaphan werden die Geräte zu floralen Motiven, scheinen durch die verschiedenen Rahmen hindurch zu wachsen.
In einem anderen Saal projiziert eine doppelte Diaschau mit lautem Klacken Fotografien aus dem 20. Jahrhundert. Man sieht Frauen, bei der Arbeit, lachend, nackt. Es sind Bilder aus den Sammlungen des Missionars Jacques Dournes (1922-1993). Die Künstlerin nimmt sie in dieser Arbeit, die vom Palais de Tokyo produziert wurde, auf, stellt ihnen aquarellierte Versionen zur Seite, in denen dieselben Frauen wieder auftauchen. Diesmal schön gekleidet, oder ernst oder lachend, wenn sie im Foto zu weinen schienen. Eine sanfte Art der Reparatur, eine Reise in die Geschichte der Kolonialisierung, die aufzeigt ohne anzuklagen, zum Nachvollziehen und Verstehen einlädt.

Exhibition view, Thảo Nguyên Phan, "The Sun Falls Silently", Palais de Tokyo (Paris), 12.06-07.09.2025, Courtesy of the artist & ZINK Gallery (Germany), Foto: Aurélien Mole
Manchmal melancholisch, bisweilen etwas nostalgisch gibt es noch mehr anrührende Filme, noch mehr Bilder, die durch ihre soziologisch fundierten Inhalte wirken. Das Wichtigste erzählt die Ausstellung durch ihre solidarische Haltung, mit der die Künstlerin bereits 2012 „Art Labor“ gegründet hat, ein interdisziplinäres Kollektiv in Ho‑Chi‑Minh‑Stadt, das Kunstprojekte mit lokalem Gemeinschaftsbezug initiiert, Workshops und Residenzen organisiert. Sie selbst, längst international anerkannt und ausgestellt, lebt weiter in Vietnam, ist weiter vor Ort aktiv.
In Paris hat sie in einem eigenen Saal viele modulare Skulpturen der Bildhauerin Điềm Phùng Thị (1920-2002) ausgestellt. Ihr Vater habe ihr von deren Kunst erzählt, die sie dann erst 2010 in einer Ausstellung entdeckt habe, sagt Phan. Mit ihren wiederholten Motiven, oft einem runden O-Mund ähnlich, wirken die modernistischen Stauen wie kleine Sendboten. Nachleben einer Zeit, die weiter wirkt, hier, im Dialog von Bildern, Filmen, Objekten.

Arbeiten von Điềm Phùng Thị in der Ausstellung "Thảo Nguyên Phan. Le soleil tombe sans un bruit", Palais de Tokyo (Paris), 12.06-07.09.2025, Courtesy of the artist, Foto: Aurélien Mole
Ein gelungener Sommerauftakt in Paris für nicht-europäische, wissensbasierte, sinnlich ansprechende Kunst.
„Le soleil tombe sans un bruit“ – Die Sonne sinkt ohne Geräusch – ist ein gelungener Sommerauftakt in Paris für nicht-europäische, wissensbasierte, sinnlich ansprechende Kunst. Der Satz ist ein Zitat aus den 1925 erschienen „Palm-of-the-Hand Stories“ des japanischen Schriftstellers Yasunari Kawabata. Für die Künstlerin „evoziert der Titel Zeit, Geschichte und die Macht des Bildes.“ Für das Palais de Tokyo ist die Ausstellung, ermöglicht durch den Einsatz der oberpfälzischen Galerie Zink, die von Seubersdorf aus seit Jahren die Künstlerin promotet, eine kluge Anknüpfung an den anhaltenden Trend zu südostasiatischen Positionen.

Exhibition view, Thảo Nguyên Phan, "The Sun Falls Silently", Palais de Tokyo (Paris), 12.06-07.09.2025, Courtesy of the artist & ZINK Gallery (Germany), Foto: Aurélien Mole
Thảo Nguyên Phan. THE SUN FALLS SILENTLY
PALAIS DE TOKYO PARIS
bis 7. September 2025
Tales without Time
Gruppenausstellung mit Arbeiten von Thảo Nguyên Phan
Galerie ZINK
bis 21. September 2025

Exhibition view, Thảo Nguyên Phan, "The Sun Falls Silently", Palais de Tokyo (Paris), 12.06-07.09.2025, Courtesy of the artist & ZINK Gallery (Germany), Foto: Aurélien Mole
