Nie wieder Friede?

steirischer herbst 2025 – Mut & Widerspruch

Manuel Pelmuș und Frédéric Gies, Tribute to Kurt Jooss’s „Green Table“ (2025), Tanzperformance, Foto: steirischer herbst / Johanna Lamprecht

Kann man die „friedlichste“ aller Städte, die fiktive Stadt Dunkelstein, mittels eines gefälschten Telegramms in den Krieg treiben? Um diese Frage wird in „Nie wieder Friede“ gewettet. Ernst Tollers pazifistische Satire aus den 1930ern verhilft dem steirischen herbst (18.09. - 12.10.25) in diesem Jahr zum Thema und zum Titel. Mit gutem Blick für seine Zeit schreibt der jüdische Autor über eine fingierte Kriegserklärung, die zu Gewalt, Rassismus und Gier bei den Profiteuren führt. Toller selbst floh ins Exil, seine Bücher wurden verbrannt. Das Festivalkonzept spannt den Bogen zur Gegenwart: russischer Angriffskrieg, rassistische Übergriffe, Gaza-Krieg. Durch den ironischen Rahmen verpasst die Ausstellung womöglich Chancen, politische Komplizenschaft zu benennen.


 

Im Hof begrüßt uns die monumentale Forderung „We Want Piece“, in Gold auf Marmor graviert. Der aus Charkiw stammende Grazer Künstler Illya Pavlov tauscht „peace“ gegen „piece“ – mit Blick auf die schwindenden Erwartungen an Verhandlungen zwischen Ukraine und Russland.


Ästhetik des Leerstands

Zum „BAU“ umbenannt, wird die Ausstellungslocation in der leerstehenden Bauer-Destillerie – mit einer Vergangenheit von der Likörabfüllstätte bis zur Polizeidienstwohnung – metaphorisch zum Gefängnis oder Tierunterschlupf. Dana Kavelina schafft diese Verbindung in „Grey Earth (Work in Progress)“ (2025). In Stop-Motion produziert, folgt der poetische Animationsfilm einer Milchkuh und einem Soldaten durch die ukrainische Landschaft. In einer erdrückenden Erzählung sehen wir, wie der Krieg neben der Natur auch Menschen und Tiere auslaugt.

Die stärksten Arbeiten des Festivals überzeugen mit historischer Klarheit und dem Mut, Widersprüche im Narrativ des langen Friedens in Europa aufzudecken.

Illya Pavlov, mit freundlicher Genehmigung des Künstlers

Illya Pavlov, mit freundlicher Genehmigung des Künstlers

 

Ob der Blick in den Grazer Bezirk Gries ebenso trist ist, bleibt offen. In „Bezirk 5“ (2025) inszeniert Fotograf Elias Holzknecht Wahllokal, Beisl oder Migrant:innenverein in strenger Symmetrie und weckt Neugier auf reale Dynamiken der Stadt, anstatt nur die vielbeschworene gesellschaftliche Spaltung in die Bilder hineinzulesen.

Auch der Zusammenhang zur Wirtschaft ist Thema: In einer skurrilen Installation mit übergroßen Tierpuppen lassen Angélique Aubrit und Ludovic Beillard einen Banker den Kapitalismus nach dessen Ende trotzig fortführen.

Angélique Aubrit & Ludovic Beillard, Besser ein gesunder Esel als ein krankes Pferd (2025), Installationsansicht, mit freundlicher Genehmigung der Künstler:innen, Foto: steirischer herbst / Mathias Völzke

Angélique Aubrit & Ludovic Beillard, Besser ein gesunder Esel als ein krankes Pferd (2025), Installationsansicht, mit freundlicher Genehmigung der Künstler:innen, Foto: steirischer herbst / Mathias Völzke


Erfundene Biografien und ambivalente Eindrücke

Den Keller des BAU betritt man allein und schippert ohne Zielangabe über den Styx – in Gelitins Arbeit „Am Aphodeliengrund 29“ (2025). In der griechischen Mythologie kommt an den titelgebenden Ort, wer nicht ausreichend Gutes oder Schlechtes vollbrachte und daher zwischen Olymp und Hades verharren muss.

Ähnliche Ambivalenz erzeugt Philippe Vandenberg, etwa über das im Titel erwähnte RAF-Mitglied Ulrike Meinhof. Seine um 2000 angefertigten Gemälde beziehen sich auf missverstandene Persönlichkeiten und fesseln durch ihren Bildaufbau. Der Blick zentriert sich auf die menschlichen Figuren. Was diesen vor unruhigem Hintergrund widerfährt und mit der Biografie des Staatsfeindes zu tun hat, können wir selbst rekonstruieren.

Mounira Al Solh, Stray Salt (2025), Installationsansicht, mit freundlicher Genehmigung der Künstlerin, Foto: steirischer herbst / Mathias Völzke

Mounira Al Solh, Stray Salt (2025), Installationsansicht, mit freundlicher Genehmigung der Künstlerin, Foto: steirischer herbst / Mathias Völzke 

Einfacher scheint das in den Auftragstexten von sechs Autor:innen über erfundene Biografien gegen Ende des Zweiten Weltkriegs, die die Ausstellung begleiten. Die Funktionen sind hier klar, manchmal gar holzschnittartig – etwa ein „pragmatischer und weltgewandter britischer Offizier“ oder eine „in Rachepläne verwickelte Holocaust-Überlebende“, denen je ein zur Erzählung gestalteter Raum gewidmet ist.

„Nie wieder!“ ist aber ein Aufruf, der sich weder in historischer Fiktion noch in losen Verweisen erschöpft. Mit dieser Referenz auf die Befreiten des KZ Buchenwald im Titel sollte die Ausstellung aktuelle Missstände klar benennen und Widerstand einfordern. Eine Künstlerin fragt im Artist Talk zu Recht, ob der individuelle Ausdruck gar entbehrlich sei, wenn es um solidarische Organisation geht. Und obwohl der steirische herbst seine antifaschistischen Wurzeln betont, bringt „Violenza 2025“ rassistische Klischees und Misogynie auf die Bühne – mit Verweis auf die Recherche im rechten Milieu.

Michiel Vandevelde, Pankaj Tiwari und Eneas Prawdzic, Violenza 2025 (2025), Performance, Foto steirischer herbst Clara Wildberger

Michiel Vandevelde, Pankaj Tiwari und Eneas Prawdzic, Violenza 2025 (2025), Performance, Foto: steirischer herbst / Clara Wildberger


Gigi D’Agostinos Club-Klassiker „L’amour toujours“ wird in der fremdenfeindlichen Version tanzbar inszeniert und das Publikum in reflektierter Distanz eingelullt.

Durch derartige Polarisierung bleibt es bei einem Pseudo-Lehrstück, das Migrant:innen und Marginalisierte verletzt, während kritische Österreicher:innen beruhigt „So sind wir nicht!“ ausatmen können.

Die wirkliche Herausforderung wäre, sichtbar zu machen, wie wir im Alltag die Entstehung solcher Feindbilder unterstützen. Die Ausstellung wirkt danach, als wolle man möglichst nicht anecken – als Antithese zu Tollers fingierter Kriegserklärung für das friedliche Graz. Weder die Normalisierung von Hass gegen Teile der Bevölkerung noch, dass Menschen unter Krieg leiden, sind allerdings Realitäten, die erst am Horizont der friedlichen Zeit auftauchen.


Ein starkes Thema

Diesem Narrativ zu entgegnen, ist die Stärke des Festivalthemas. Im Rausch eines Raums, der unverkennbar nach der Schnapserzeugung im BAU riecht, verbindet Mounira Al Solh gemalte Muster und Motive, inspiriert vom Widerstand der Phönizier:innen gegen Versuche der Annexion, und überlagert diese etwa mit Aufnahmen lodernder Flammen nach Angriffen im libanesischen Bürgerkrieg, die wie eine Handkolorierung in grellen Farben die historische Imagination aktualisieren.

Helga Lázár, Foto: Vera Éder

Helga Lázár, Foto: Vera Éder

Candice Breitz’ Videoarbeit „Dear Esther“ (2025) richtet sich an die 2021 verstorbene Auschwitz-Überlebende Esther Bejarano, deren „Nie wieder“ sowohl die Shoah als auch die Nakba reflektiert. Von einer Drohne gefilmte Wassermelonenschriftzüge verbinden Geschichte und aktuelle Politik, ebenso wie Breitz’ Archiv von Artikeln und Social-Media-Posts zum Gaza-Krieg und der deutschen Staatsräson. Begleitet vom Erlernen des Schlagers „Bel Ami“ und von einer „Bella Ciao“-Version werden Verschiebungen zwischen politischer Message und Popularität deutlich.

Die Ästhetik des Leerstands und die Textinterventionen der Ausstellung lassen die Frage des Krieges hingegen in historische Ferne rücken. Es braucht heute kein gefälschtes Telegramm. Die Stadt hat alles, um „Nie wieder Friede“ auszurufen. Die stärksten Arbeiten des Festivals überzeugen mit historischer Klarheit und dem Mut, Widersprüche im Narrativ des langen Friedens in Europa aufzudecken und bringen das Thema damit aus der Komfortzone der Ironie. Um die Dringlichkeit herauszuarbeiten, braucht es vielleicht vermehrt Arbeiten im öffentlichen Raum, wo das Publikum diese Widersprüche verkörpert und entsprechend reagiert.

Ivo Dimchev, Hot Sotz (2025), Performance, Foto steirischer herbst / Johanna Lamprecht

Ivo Dimchev, Hot Sotz (2025), Performance, Foto steirischer herbst / Johanna Lamprecht

Lau Lukkarila, Foto: Marcella Ruiz Cruz

Lau Lukkarila, Foto: Marcella Ruiz Cruz

Augustin Maurs, The Story of the Wolf Tone (2025), Performance (Probe), Foto: steirischer herbst / Daniel Kindler

Augustin Maurs, The Story of the Wolf Tone (2025), Performance (Probe), Foto: steirischer herbst / Daniel Kindler

Manuel Pelmuș und Frédéric Gies, Tribute to Kurt Jooss’s „Green Table“ (2025), Tanzperformance, Foto: steirischer herbst / Johanna Lamprecht

Manuel Pelmuș und Frédéric Gies, Tribute to Kurt Jooss’s „Green Table“ (2025), Tanzperformance, Foto: steirischer herbst / Johanna Lamprecht

Theater im Bahnhof und Das Planetenparty Prinzip, mit freundlicher Genehmigung der Künstler:innen

Theater im Bahnhof und Das Planetenparty Prinzip, mit freundlicher Genehmigung der Künstler:innen

Gelitin, mit freundlicher Genehmigung der Künstler

Gelitin, mit freundlicher Genehmigung der Künstler

ranz von Strolchen, mit freundlicher Genehmigung des Künstlers

ranz von Strolchen, mit freundlicher Genehmigung des Künstlers

Haim Sokol, Scarecrow (2025), Installationsansicht, mit freundlicher Genehmigung des Künstlers, Foto: steirischer herbst / Mathias Völzke

Haim Sokol, Scarecrow (2025), Installationsansicht, mit freundlicher Genehmigung des Künstlers, Foto: steirischer herbst / Mathias Völzke

Charlotte Gash, Foto: Marcella Ruiz Cruz / Tanzquartier Wien

Charlotte Gash, Foto: Marcella Ruiz Cruz / Tanzquartier Wien

Candice Breitz, mit freundlicher Genehmigung der Künstlerin

Candice Breitz, mit freundlicher Genehmigung der Künstlerin

steirischer herbst ’25, "Never Again Peace", Design: Grupa Ee

steirischer herbst ’25, "Never Again Peace", Design: Grupa Ee