Bernhard Leitners Ton-Raum-Skulpturen

Spürbare Klangkunst in der Secession

Bernhard Leitner, SOUNDSPACESCULPTURE, Ausstellungsansicht, Secession 2026, Foto: Iris Ranzinger

Bernhard Leitner ist ein Pionier der internationalen Sound Art. Seine Ton-Raum-Skulpturen involvieren die Betrachter:innen akustisch wie haptisch – aufregend und hinreißend. Bis 22. November sind seine neuesten Installationen in der Secession zu erleben.


John Cage hat den Klang von der Musik befreit und neue Gestaltungsmöglichkeiten eröffnet – er schuf damit die Materie, die Bernhard Leitner seit 1969 theoretisch und seit 1971 experimentell erforscht. In seinen Klanginstallationen entfaltet sich eine vielschichtige Kunstform: Seine Ton-Raum-Skulpturen sind keineswegs ein musikalisches Phänomen, sondern vielmehr eine spezifische Erweiterung des Skulpturenbegriffs – eine zeitbasierte akustisch-plastische Kunstform, die er seit den frühen 1970er-Jahren maßgeblich prägt und stetig weiterentwickelt.

Der ausgebildete Architekt erkundet und infiltriert den Raum mittels Schallwellen: Er lenkt sie als Ton-Linien, bündelt sie, reflektiert sie und richtet sie in Raum und Zeit. Es entstehen vierdimensionale Klang-Gebilde, die als immaterielle, nicht sichtbare und temporäre skulpturale Körper und Erfahrungsräume akustisch wie haptisch wirksam werden. Ein essenzieller Aspekt von Leitners Arbeiten liegt darin, dass man den Klang nicht nur mit dem Ohr hört, sondern ihn mit Körper, Haut, Knochen und Knochenröhren physisch spürt.

Leitners erste akustische Installationen bestanden aus einfachen Konstruktionen mit mehreren Lautsprechern, die miteinander verbunden und versetzt geschaltet werden konnten und so bewegte horizontale und vertikale Ton-Linien im Raum erzeugten. Mangels adäquater Tontechnik arbeitete er anfangs mit eigens entwickelten Steuergeräten – zunächst mit Kreis-Relais mit Handkurbel, später mit elektromechanischem Relaisgerät und Lochstreifenprogrammen. Um keine musikalischen Assoziationen zu wecken, nutzte er einfachste Töne. Die ersten Ton-Raum-Skulpturen basierten auf Zwei- und Vier-Kanal-Ton-Raum-Kompositionen; heute sind es ein Vielfaches davon. Leitner verfügt über modernste digitale Technik und ein umfassendes Tonarchiv.

Bernhard Leitner, SOUNDSPACESCULPTURE, Ausstellungsansicht, Secession 2026, Foto: Iris Ranzinger

Bernhard Leitner, SOUNDSPACESCULPTURE, Ausstellungsansicht, Secession 2026, Foto: Iris Ranzinger

In der aktuellen Ausstellung SOUNDSPACESCULPTURE in der Secession dominiert die neue Arbeit Wasser Würfel / Wand Wellen den Hauptraum. An zwei sich gegenüberstehenden Wänden eines schlichten Holzgerüsts windet sich wellenartig ein PVC-Schlauch, ausgestattet mit jeweils 24 Lautsprechern. Sie sind die Quellen einer 48-Kanal-Ton-Raum-Komposition: In bewegten Ton-Linien aus Wassergeräuschen entsteht eine akustische Skulptur im Raum, verbunden mit einer horizontalen Klang-Fläche, die acht weitere Lautsprecher an der Decke der Secession gestalten.

Wie intensiv Klänge am und im Körper physisch empfunden werden, können die Besucher:innen unmittelbar an der Ton-Liege erfahren, die Leitner erstmals 1975 präsentierte. Zwei Lautsprecher – einer im Brust-, einer im Fußbereich – lassen den Klang durch den Körper der liegenden Person deutlich als Bewegung fließen.
Ähnliches erlebt man beim Verweilen in der Installation Pulsierende Stille: Zwischen zwei parallel hängenden Metallplatten, die jeweils mit einem Lautsprecher ausgestattet sind, werden kaum hörbare Frequenzen als pulsierende Schwingungen körperlich empfunden.

Bernhard Leitner, SOUNDSPACESCULPTURE, Ausstellungsansicht, Secession 2026, Foto: Iris Ranzinger

Bernhard Leitner, SOUNDSPACESCULPTURE, Ausstellungsansicht, Secession 2026, Foto: Iris Ranzinger

Ein essenzieller Aspekt von Leitners Arbeiten liegt darin, dass man den Klang [...] mit Körper, Haut, Knochen und Knochenröhren physisch spürt.

Im Raum mit Klimts Beethovenfries wird man durch reflektierte Tonströme von einem neuartigen Klangerlebnis empfangen: Der Lautsprecher der Arbeit Klangstrahl mit Reflektoren richtet sich auf eine Parabolschale, die den Klang auf eine geneigte Metallplatte lenkt – von dort reflektiert er sich in den Raum und erschallt in feiner Klarheit, zauberhaft und fern seiner eigentlichen Quelle.

Fotografien und Graphiken in Ausstellung und Katalog verdeutlichen die Konzepte von Leitners künstlerischen Interventionen. Doch bleibt das unmittelbare Erlebnis unersetzlich: Erst in der Begehung von Bernhard Leitners SOUNDSPACESCULPTURE wird die Rätselhaftigkeit und das Wundervolle von Raum und Akustik zur komplexen elementaren Erfahrung.

 


 


Bernhard Leitner. SOUNDSPACESCULPTURE

11.09. – 22.11.2026
Secession Wien

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Bernhard Leitner, Skizze zu Wasser Würfel / Wand Wellen, 2026, © by the artist

Bernhard Leitner, Skizze zu Wasser Würfel / Wand Wellen, 2026, © by the artist

PARNASS 03/2026

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