Sinnlichkeit in Düsseldorf? Die Hauptstadt im Bann lauter Lüste und stiller Düfte

Düsseldorf verbinden Gäste mit vielem: mit zeitgenössischer Architektur, als wichtiges Wirtschaftszentrum, mit erstaunlich gut zurückgedrängtem Autoverkehr, kurzen Wegen – und natürlich großartiger japanischer Küche, schließlich lebt hier die zweitgrößte japanische Community Europas. Aber Sinnlichkeit? Dieses Attribut haftet der Rheinmetropole eher selten an. Düsseldorf gilt als chic, distanziert, geschäftig. Doch aktuell versuchen gleich drei große Ausstellungen in den Kultur-Flaggschiffen der Stadt, das Gegenteil zu beweisen. Sie holen das Thema Sinnlichkeit – frei interpretiert – in die Stadt. Und am Ende zeigt sich: Die tiefste sinnliche Erfahrung kommt nicht aus der Kunst, sondern aus einer Teekanne.
Die Nase als Augenöffner:
„Die geheime Macht der Düfte“ im Kunstpalast, bis 08.03.26
Der Kunstpalast, seit seiner fulminanten Neueröffnung 2023 unter Direktor Felix Krämer wieder ein echtes „Museum der Düsseldorfer“, wagt sich an ein widerspenstiges Medium: den Geruch. Die Ausstellung „Die geheime Macht der Düfte“ (bis 8. März 2026) ist ein olfaktorischer Parcours durch Jahrhunderte – und ein echter Nasenöffner.
Kuratiert von Duftexperte Robert Müller-Grünow, führt die Schau durch „riechbare“ Räume und verbindet Werke der Sammlung mit Duftstationen: vom Holz sakraler Skulpturen und Altäre der Frühzeit über den Gestank der Städte des 18. Jahrhunderts bis zur Frage: Wie riecht Krieg? Antwort: verkohlt, abgestanden. Und das Liebesleben zur Zeit Rubens? Zibet – damals kaum verdünnt – wirkt auf heutige Besucher:innen eher zurückschreckend als erotisierend. Besonders charmant: der komponierte Duft der legendären Creamcheese-Bar – ein spätnächtliches Bouquet aus Bier, Rum, Whiskey und Tabak. Und schließlich eine chemisch konstruierte Probe des Weltallgeruchs, da Astronaut:innen zwar Monate im All verbringen, aber ihre Outdoor-Umgebung nie riechen können.
Die Ausstellung zeigt, wie sehr Gerüche unsere Wahrnehmung prägen – und wie schnell wir darauf vergessen: „Den/die kann ich nicht riechen!“ bekommt hier eine aktuelle Präzision.

Ausstellungsansicht "Die geheime Macht der Düfte", 2025/26, Kunstpalast Düsseldorf, Foto: Anne Orthen
Auf die Entstehungsgeschichte der Ausstellung angesprochen, zeigt sich Direktor Felix Krämer im Gespräch mit PARNASS zufrieden: „Unsere Strategie geht auf“, sagt er. Durch konsequente Besucher:innenorientierung und -einbindung sei der Kunstpalast das Museum für die Düsseldorfer geworden. Der Erfolg machte möglich, was vor zwei Jahren noch undenkbar war: das Ankaufbudget von 360.000 Euro auf fast 1,2 Millionen Euro zu erhöhen – dank eines stetig wachsenden Freundeskreises (von 500 auf 2000 Mitglieder seit Wiedereröffnung) und lokaler Unternehmen. Die gefeierte Gerhard-Richter-Ausstellung 2024, „notgedrungen“ wegen der Covid-Pandemie aus regionalen Sammlungen bestückt, erwies sich als Glücksfall: Sie festigte Netzwerke und erleichtert heute hochkarätige Leihgaben.
Für „Die geheime Macht der Düfte“ gilt jedoch: Es hilft, die Sammlung und ihre Konzeption der Präsentation vorher zu kennen. Die Geruchsausstellung bespielt nicht alle Räume der vielfältigen Sammlungspräsentation – eine Führung ist unbedingt empfehlenswert.

Ausstellungsansicht "Die geheime Macht der Düfte", 2025/26, Kunstpalast Düsseldorf, Foto: Anne Orthen
Prüderie Reloaded?
„SEX NOW“ im NRW-Forum, Bis 03.05.26
Während der Kunstpalast auf raffinierte Sinnlichkeit setzt, kommt das NRW-Forum mit der Domina-Peitsche. „SEX NOW“ (bis 3. Mai 2026), kuratiert von Alain Bieber, Leiter des NRW-Forums, und Judith Winterhager, verspricht „Sexualität in der Gegenwartskunst“. Über 400 Objekte zeigen Positionen von Tom of Finland bis Paul McCarthy.
Künstlerisch ist die Schau für aufgeklärte, sexuell aktive Menschen jedoch weniger aufschlussreich als gedacht. Künstlerische Interpretationen von Vulven, Penissen und SM-Lack-Leder-Outfits haben Besucher:innen schon oft gesehen – in Galerien wie Museen, im Nachtleben oder schlicht im Internet. Natürlich werden Missbrauch, Unterdrückung, Feminismus und Gleichberechtigung diskutiert, aber echte ästhetische oder inhaltliche Überraschungen bleiben rar. Ein paar Arbeiten mögen verstören, doch eine nachhaltige Vertiefung der Debatte? Eher nicht.

Ausstellungsansicht "SEX NOW", 2025/26, NRW-Forum, Foto © Anne Orthen
Interessant scheint vielmehr der Skandalisierungsversuch von außen: Zutritt ab 18, mediale Empörung, kulturpolitische Erregung. Offenbar ist eine bigotte Öffentlichkeit Deutschlands wieder sensibilisiert – oder die breite Bevölkerung driftet zurück in eine neue Prüderie. Ironisch, wenn man bedenkt, dass man hierzulande vor einigen Jahren noch mit 16 heiraten durfte.
Erschreckend die Liebes- und Sex-Praktiken der Zukunft, die sich enorm von den unmittelbaren zwischenmenschlichen Liebesspielen distanzieren:
Viele Jugendliche erleben erste Intimität angeblich im sterilen VR-Metaversum. Nicht unbedingt sinnlicher als eine PowerPoint-Präsentation.
Der vielleicht denkwürdigste Aspekt der Ausstellung: der „Playboy“-Faktor. Ausgerechnet jenes Magazin, das wahlweise für toxische Männlichkeit oder biedere Nacktkultur steht, lieferte inhaltliche Unterstützung wie notwendige Kontakte – und veröffentlichte eine Sonderausgabe zur Ausstellung. Ein reizender Anachronismus in der MeToo-Ära.
Am Ende bleibt die Frage: Ist „SEX NOW“ eher Spekulation als Sinnlichkeit? Die Ästhetik wirkt oft steril – so steril, wie Sex vielleicht eines Tages tatsächlich werden könnte.

Tom of Finland, On the Bike, 1973, Graphit auf Papier, 30x25 cm, © Tom of Finland und VG Bild-Kunst Bonn, 2025, Courtesy Galerie Judin, Berlin, Foto: Highlevel, Berlin
Liebe, Lust und Unterdrückung:
„Queere Moderne“ im K20, Bis 15.02.26
Während das NRW-Forum mit Spektakel operiert, geht das K20 in die Tiefe. Die Kunstsammlung NRW zeigt mit „Queere Moderne. 1900 bis 1950“ (bis 15. Februar 2026) eine längst überfällige Aufarbeitung queerer Kunst in der Klassischen Moderne – von Leonor Fini über Georgia O’Keeffe, Grete Stern, Léonard Tsuguharu Foujita oder Glyn Warren Philpot bis Claude Cahun.
Isabelle Malz und Isabelle Tondre entwickelten die Schau gemeinsam mit Gastkuratorin Anke Kempkes über drei Jahre hinweg. Auf die Frage, ob hier – analog zur Vorsicht bei „SEX NOW“ und zum Ausdruck „queer“ als Gottseibeiuns reaktionärer Influencer – eine Altersbeschränkung diskutiert wurde, antwortet Malz trocken: „Nein, hier geht es doch um die Liebe!“
Die Ausstellung zeigt eindrucksvoll, wie schwierig es für Künstler:innen war, queere Identitäten zu leben – und wie subtil Codes im künstlerischen Schaffen verwendet wurden, die Homo- wie Transsexualität verbargen und zugleich erkennbar machten.

Ausstellungsansicht "Queere Moderne. 1900 bis 1950", Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen, 2025, Foto: Achim Kukulies
Die „Sapphische Moderne“ der 1920er- und 1930er-Jahre, insbesondere in Paris und Berlin, erscheint als kurze, fragile Blüte queerer Freiheit. Berlin feierte Travestie-Shows im Kabarett – bevor Repression und Faschismus alles grausam zunichte machten. Malz erinnert nüchtern daran, dass auch queer gelesene Künstler:innen wie Romaine Brooks oder Jean Cocteau den Verlockungen des Faschismus erlagen: „Queer zu sein bedeutet nicht automatisch, tolerant und demokratisch zu sein.“
Kontrovers wurde es auch bei Leihgaben: Einige Sammler:innen wussten nicht, dass ihre Künstler:innen queer waren. Die Reaktionen reichen von Begeisterung über das neue Storytelling zu Sammlungsstücken bis zu vehementer Ablehnung. Ein Sammler wörtlich: „Ich habe nichts gegen Homosexualität, aber für mich gibt es nur zwei Geschlechter!“ – woraufhin einige Werke zurückgezogen oder nicht zur Verfügung gestellt wurden, um posthume Transgender-Debatten zu vermeiden.
Die Schau ist ein wichtiger Beitrag – auch wenn die Qualität einiger Werke diskutiert werden sollte. Manches schrammt nahe am Kitsch. Aber vielleicht muss sich der Kunstkanon schlicht erweitern.

https://www.parnass.at/Marie Laurencin, Unga kvinnor (Young Women), 1910, Öl auf Leinwand, 115 x 146 cm, Schenkung in 1966 von Rolf de Maré, Moderna Museet, Stockholm
Sinnlichkeit, aufgegossen:
Tee-Zeremonie bei Anna Friedel
Die sinnlichste Erfahrung Düsseldorfs findet sich allerdings außerhalb der großen Häuser. Anna Friedel – Künstlerin, Galeristin, Designerin – bietet private Teezeremonien an, für die sie sich über Jahre in die Welt des hochwertigen Tees vertieft hat.
Die Zeremonie offenbart, wie exklusiv Teeanbau sein kann und wie feinste Nuancen schmecken, die selbst Kaffee- und Teegourmets irritiert staunen lassen – bevor sie beim Hören der Preise wieder klar im prekären Bobo-Leben stehen.
Friedels Wissen, ihr Lebenslauf und das Gespräch über Kunst und Kultur im Zuge der Zeremonie machen das Erlebnis zu einer sinnlichen Ausnahmeerscheinung. Eine echte Empfehlung.
Düsseldorf kann sinnlich sein – wenn auch manchmal unfreiwillig, manchmal verkopft und manchmal theoretisch. Aktuell bietet die Stadt dazu ein ganzes Spektrum von der Nase über die Augen bis zur Zunge. Ob Düsseldorf tatsächlich eine „sinnliche Stadt“ ist? Sie hat momentan zumindest Ausstellungen, die uns dazu bringen, darüber nachzudenken.
Und wenn die Kunst mal zu steril oder zu spekulativ wird, bleibt immer noch der Tee bei Friedel – der ist garantiert authentisch.

