Sehenswerte Reise in die Vergangenheit

Die Berliner Nationalgalerie rekonstruiert die gemeinsame Ausstellung von Camille Claudel und Bernhard Hoetger von 1905 in der Galerie Blot.
Die gleichzeitige Präsentation von Malerei und Plastik ist in aktuellen Ausstellungen selten geworden. Meist werden sie sogar in getrennten Museen gezeigt. Das war nicht immer so und wer kunsthistorische Epochen wie den Impressionismus verstehen und in seiner ganzen Fülle begreifen will, braucht das Zusammenspiel der Gattungen, den Vergleich, die gegenseitige Ergänzung.
Daran versucht sich jetzt eine Ausstellung in der Alten Nationalgalerie in Berlin, die „Camille Claudel und Bernhard Hoetger“ nicht nur zusammenbringt und ihre „Emanzipation von Rodin“ thematisiert. Sie rekonstruiert die gemeinsame Ausstellung der Rodin-Vertrauten Camille Claudel (1864-1943) und des zehn Jahre jüngeren, deutschen Bildhauers Bernhard Hoetger (1874-1949) in der Pariser Galerie von Eugèn Blot im Dezember 1905. Damals zeigte Blot zwölf Bronzen von Camille Claudel und 46 von Bernhard Hoetger nebst Gipsen und Zeichnungen.
Galerist Eugèn Blot hatte die richtige Wahl getroffen: Für Hoetger bedeutete die Schau den Durchbruch in Paris. Bei Camille Claudel war es komplizierter, denn als Mitarbeiterin (und Geliebte) von Rodin musste sie sich nicht nur als Künstlerin etablieren, sondern auch ihre Eigenständigkeit beweisen. Die Ausstellung half ihr dabei. Der Erfolg des deutschen Künstlers Bernhard Hoetger bei Blot ist umso bemerkenswerter, da es zu dieser Zeit in Paris nur so von Künstlern und Künstlerinnen wimmelte. Denn Paris um 1900 war das Kunstzentrum, der Sehnsuchtsort, der Treffpunkt.

Camille ClaudelLa Vague (Die Welle), 1897 (Modell, Ausführung 1898–1903), Onyx, Bronze, 62 x 56 x 50 cm, Paris, Musée Rodin
Von der Claudel/Hoetger-Schau bei Blot gibt es ein Foto, das die Berliner Ausstellungskuratorinnen Yvette Deseyve und Sintje Guericke als Vorlage für ihr Ausstellungsdesign genutzt haben. Sie haben Topfpflanzen, Orientteppiche, geraffte Vorhänge in den Sälen verteilt. Die Bronzen stehen auf einfachen Bildhauerhockern teils dicht nebeneinander und wurden in direkter Beziehung zur impressionistischen Malereisammlung der Nationalgalerie aufgestellt.
Das Ganze wirkt etwas rumpelig und eng, denn diese Art der Präsentation ist den white-cube-gewöhnten Augen moderner Ausstellungsbesucher:innen fremd. Doch das kann man auch als die besondere Stärke der Ausstellung bezeichnen. Denn indem sie die historische Präsentation zitiert, vermittelt sie einen Eindruck von der originalen Verkaufssituation, in der die Pariser diesen Werken zum ersten Mal gegenübertraten. Sie sahen Kleinplastik für den heimischen Kaminsims. Denn staatliche Großaufträge waren nur schwer zu bekommen – nicht nur für ausländische Künstler. Deshalb arbeiteten die meisten Bildhauer vor allem für den privaten Markt. In der Ausstellung sind von Bernhard Hoetger zum Beispiel ein „Lumpensammler“ mit leuchtender Lampe zu sehen. Camille Claudels „Schwätzerinnen“ zeigt eine Frauengruppe im Bad, die sich ebenfalls perfekt für die Aufstellung in einer Wohnung eignet.

Unbekannter Fotograf, Ausstellung von Werken von Camille Claudel und Bernard Hoetger in der Galerie Blot, in Zeitschrift Le Tourisme, 1905, Paris, Bibliothèque National de France

Blick in die Ausstellung "Camille Claudel & Bernhard Hoetger" in der Alten Nationalgalerie, © Nationalgalerie/David von Becker
Wer kunsthistorische Epochen wie den Impressionismus verstehen und in seiner ganzen Fülle begreifen will, braucht das Zusammenspiel der Gattungen, den Vergleich, die gegenseitige Ergänzung.
Wobei im direkten Vergleich sehr deutlich wird: Camille Claudel, die zehn Jahre Ältere, beherrscht die elegante Form, das Ausdrucksvolle in Gesicht und Bewegung perfekt. Hoetgers zeitgleich entstandene Arbeiten sind zu dieser Zeit expressiver, roher, suchender. Das zeigt sich allerdings nur in dieser Klarheit, weil die Arbeiten direkt nebeneinander betrachtet werden können. Und das macht diese Ausstellung zum Fest des Sehens, das durch einige wenige Rodin-Bronzen ergänzt wird. Sie machen die Dimensionen der „Emanzipation von Rodin“ erst so richtig sichtbar.
Neben einem Ausstellungsbesuch ist der begleitende Katalog unbedingt zu empfehlen. Denn das Bild, das dort vom Kunst-Paris um 1900 gezeichnet wird, ist nicht nur informativ, sondern äußerst detailliert und voller historischer Fotografien. Thematisiert wird neben der Entwicklung der Kunstschaffenden auch die für sie so überaus wichtige Arbeit des Galeristen Eugèn Blot und des Kunstkritikers Louis Vauxcelles.

Bernhard Hoetger, Fécondité, 2. Fassung, 1904, Bronze, 43,2 x 38 x 22,5 cm, Emden Kunsthalle, Foto: bpk
Camille Claudel und Bernhard Hoetger. Emanzipation von Rodin
Alte Nationalgalerie Berlin
bis 28.09.2025
