Rundgang mit Ashley Hans Scheirl in „In & Out of Painting*”

Mit der ersten großen Wiener Museumsschau Ashley Hans Scheirls* ist dem Belvedere 21 eine bunte und verführerische Präsentation gelungen.
*Um dem Selbstverständnis von Ashley Hans Scheirl zu entsprechen, werden in dem Text abwechselnd weibliche und männliche Pronomen verwendet.
Bereits im Foyer wird das Publikum durch einen „Ölfleck“ mit Farbspritzern in die Schau förmlich hineingesogen und im Obergeschoss ausgespuckt, wo sich ein Baugerüst zur körperlichen Ertüchtigung anbietet. „Die Arbeit stammt aus 1980. Es ist das erste Kunstwerk, das ich je gezeigt habe: Der Moment, in dem ich mich Künstlerin nennen konnte“, erklärt Scheirl.
Damit öffnet sich ein Parcours, der den oft schwer zu bespielenden Raum des Pavillons optimal nutzt. Die Bereiche gehen fast fließend ineinander über; das künstlerisch-ganzheitliche Verständnis Scheirls drückt sich hier nicht nur im Werk, sondern auch in dessen Präsentation aus. Keinesfalls sollte das Publikum nur Bilder auf Leinwand erwarten. Der Titel „In & Out of Painting*“ ist Programm: Aus dem Schaffen der Künstlerin werden außerdem Installationen, Videos, Skulpturen, Schriften, Zeichnungen und Performance gezeigt. Das Werk lebt von seiner Dynamik, seiner Non-Binarität. Scheirl, der sich weder als Mann noch als Frau identifiziert, stellt sich niemals fordernd oder aktivistisch, doch umso gewinnender dar.

Ausstellungsansicht „In & Out of Painting*“, Ashley Hans Scheirl, Belvedere 21, 2025, Foto: Johannes Stoll / Belvedere, Wien
So sollen sich des Künstlers Kerngedanken gemäß Besucher und Besucherinnen* „nicht als bloße Claqueure oder Rezipienten verstehen, sondern das Gehen durch die Ausstellung als etwas performatives erleben.“ Dabei hilft die Bühnenhaftigkeit der Schau, etwa die drei organisch geformten Stellwände in Scheirls charakteristischen Farben Gelb, Türkis und Rosa. „Die Wände sollen die Malerei auseinandernehmen: Diese besteht aus Schichtungen, und genau so kann man durch die Wände hindurch gehen“. Das Publikum hat damit stets die Möglichkeit, hinter die Kulissen zu blicken.
Entdecken will sich die Künstlerin dabei auch selbst: „Wichtig war mir, meine Arbeit zu hinterfragen und Bezüge auch innerhalb derer aufzudecken.“ Deren bekannte künstlerische Motive ziehen sich durch alle Medien: Ausscheidungen, Gold, Körperteile, Spritzer als Bodenbelag oder auf der Leinwand.

Ausstellungsansicht „In & Out of Painting*“, Ashley Hans Scheirl, Belvedere 21, 2025, Foto: Johannes Stoll / Belvedere, Wien
Berührend ist ein „Selbstporträt mit grüner Jacke“, das Scheirl 1996 schuf, als sie mit Testosteronbehandlungen anfing. Es ist Teil einer Installation: einer Art Insel, die mit Stroh ausgelegt und mit einem rot-weißen Band gesichert ist. Eine Baustelle mit Absperrung – auch zum eigenen Leben? „Ja, eine Distanz zur eigenen Herkunft“, bestätigt der Künstler.
Wichtig war mir, meine Arbeit zu hinterfragen und Bezüge auch innerhalb derer aufzudecken.
Einige in den letzten Jahren entstandene Gemälde werden in einem dunklen Raum mit dem Titel „Sehn-sucht und Dystopie“ Ausschnitten aus den Videos „Dandy Dust“ und „Rote Ohren fetzen durch Asche“ gegenübergestellt, die auch den Soundtrack liefern. Es ist ein Raum mit einem apokalyptischen Hintergrund, sagt Scheirl: „Da sind Selbstporträts, die sich vor Hintergrund der Apokalypse einen runterholen.“

Ashley Hans Scheirl, Neoliberal Surrealist, 2019, Foto: Johannes Stoll / Belvedere, Wien, © by the artist
Der Weg führt auch zu einem White Cube, dessen weißer Teppich zum Zeitpunkt unseres Besuchs noch mit Schutzfolie versehen ist, dann jedoch die Spuren des Publikums aufnehmen wird. Der Titel des Raums: „Der White Cube öffnet seine Beine“ ist wörtlich zu nehmen, denn an der Wand hängen zwei spiegelverkehrte Gemälde der Künstlerin, die gemeinsam das erwähnte Bild ergeben. Die cleane Ästhetik eines White Cube wird also in mehr als nur einer Hinsicht gebrochen.
So kommt auch der Humor nicht zu kurz. In dem Bereich „Schau mir in die Augen“ läuft das Video einer Performance mit Jakob Lena Knebl, in dem „wir Pollock und Yves Klein aufs Korn nehmen.“ Scheirl und Knebl sind nackt, erstere wird mit Farbe (in Yves-Klein-Blau) durch ihre – Jackson Pollocks Dripping-Bewegungen nachahmende – Partnerin angespritzt. Die Machogesten und das Selbstverständnis der Malerfürsten werden hier lustvoll gebrochen.
Die Überlegung, ob sie sich heute selbst als Malerin sieht, lässt Scheirl nachdenklich werden. „Das weiß ich nie. Es ist meine große Frage an die Ausstellung, an das Publikum, an die Kunstwerke selbst: Wie mache ich weiter? Bleibe ich am Bild oder schwinge ich immer wieder aus der Fläche raus und rein?“
Der Titel „In & Out of Painting*“ trifft es: Scheirls Kunst lebt durch ihre Vielfalt – und ist damit ganz und gar authentisch.

Ashley Hans Scheirl bei der Presseführung von „In & Out of Painting*“, Foto: Alexandra Markl





