Pierre Huyghe im Berliner Techno-Club Berghain

Der berühmte Techno-Club Berghain in Berlin ist bei Licht und ohne Musik betrachtet ein unwirtlicher Ort. Graffittischmierereien, zerbrochene Flaschen, Müll, Absperrgitter, die von langen Schlangen wartender Partygäste erzählen. Wer allerdings in die dazugehörige Ausstellungshalle des Berghain geht, muss nicht warten und wird nicht abgewiesen, sondern betritt einen coolen, fast cleanen Kunstort.
Alles ist schwarz gestrichen, auch das Personal trägt schwarz. Für den Weg in die Ausstellungshalle braucht man eine Handytaschenlampe, um sich durch dieses Schwarz zu tasten und den Weg vor die hallenhohe Leinwand zu finden.
Das Tasten der Besucher:innen, ihre unsicheren Schritte im Schwarz einer riesigen Industriehalle sind Einstimmung und Teil der Inszenierung beim Eintritt in die verstörende Welt von „Liminals“ von Pierre Huyghe. In dieser Welt schlägt eine gequälte Seele ihren Kopf auf felsigen Untergrund. In dieser Welt wächst eine Frau aus der Steinlandschaft, liegt in ihr, kriecht nackt über die grauen, spitzen Steine und durch eine staubige Landschaft. Sie lässt einen Felsen in ihren Kopf und gibt ihn wieder frei. Es scheint ein Liebesakt – auch wenn er brutal ist – ein Liebesakt zwischen einem Steinblock und einem menschlichen Wesen in der Hülle einer nackten, sehr dünnen, sehr drahtigen, sehr wenig individuellen Frau, deren Gesicht ein schwarzes Loch ist. Sie hat keine Augen, keine Nase, keine Wangen, keine Stirn – nur ein schwarzes Loch, das das gesamte Gesicht ausfüllt. Die Illusion ist perfekt, weil sie technisch hervorragend gemacht ist.
Natürlich erinnert ein Kopf, dessen Gesicht aus einen schwarzen Loch besteht, an Edvard Munchs schreiende Mädchen. Bei Pierre Huyghes ist das gesamte Gesicht Schrei geworden und so schwarz wie Vantablack, das schwärzeste, undurchdringlichste, alles negierende Schwarz. Die Landschaft, durch die dieses Wesen taumelt, erinnert an Bilder der Marsoberfläche, die gern in Science-Fiction-Filmen verwendet wurden. Es sind solche Referenzen, die die verstörenden Filmbilder einigermaßen erträglich machen.

Pierre Huyghe, Liminals, 2025. Filmstill. In Auftrag gegeben von LAS Art Foundation und Hartwig Art Foundation, © Pierre Huyghe VG Bild-Kunst, Bonn, 2026
Zwischen dem Kriechen und Tasten, dem Leiden und Verschmelzen dröhnt immer wieder etwas, das der in Santiago de Chile lebende Künstler Pierre Huyghe durch die Zusammenarbeit mit einem Quantenphysiker entwickelte. Es ist ein Sound, der die Körper der Besucher:innen in Vibrationen versetzt. „Liminals“, der Titel der Arbeit, verweist auf einen Schwellenraum, auf das Erlebnis eines Weltenwechsels.
Die Arbeit entstand im Auftrag der LAS Art Foundation und der Hartwig Art Foundation, die den Austausch zwischen Kunst, Wissenschaft und neusten Technologien fördern. Huyghe hat sich dafür mit dem Phänomen der Quantenphysik beschäftigt, die das Verhalten von Atomen, Atomkernen, Photonen oder Elektronen beschreibt. Dieses Verhalten ist komplett anders als es die Gesetze der klassischen Physik vermitteln.
Doch für Pierre Huyghe geht es in „Liminals“ nicht um physikalische Ungewissheiten sondern um „Ungewissheiten des Seins, Lebens und Existierens“. Er sagt:

Pierre Huyghe, Liminals, 2026. Installationsansicht in der Halle am Berghain, Berlin. In Auftrag gegeben von LAS Art Foundation, gemeinsam mit Hartwig Art Foundation, © 2026 Pierre Huyghe. Foto: Andrea Rossetti © VG Bild-Kunst, Bonn, 2026
Der Film konfrontiert uns mit einem nichtexistenten Wesen, einer Seelenlandschaft, einem radikalen Außen, während er Empathie für das Unmögliche aufzubringen versucht.
Die Betrachter:innen entwickeln vielleicht neue Empathie, auf jeden Fall gehen sie mit tief verstörenden Bildern totaler Hilflosigkeit und Desorientierung aus dieser Installation. Die Umsetzung der bahnbrechenden Erkenntnisse der Quantenphysik in Kunst vermittelt vor allem ein Gefühl der Hoffnungslosigkeit.
'Liminals' verweist auf einen Schwellenraum, auf das Erlebnis eines Weltenwechsels.
Der Wissenschaftler und Direktor des Instituts für Quantenkontrolle am Forschungszentrum Jülich, Tommaso Calarco, mit dem Pierre Huyghe zusammengearbeitet hat, sieht es positiver und betont das Neue, bisher Einmalige der Zusammenarbeit. Über die Verbindung von Quantentechnologie und Kunst sagt er voller Optimismus: „Sie führt uns zurück zu dem, was uns im Kern als Menschen ausmacht: Fast alle Menschen haben bislang ohne Quantentechnologien gelebt, aber kein Mensch könnte je ohne irgendeine Form von Kunst leben.“

Pierre Huyghe, Foto © Ola Rindal
PIERRE HUYGHE. LIMINALS
bis 8. März 2026
In Auftrag gegeben von LAS Art Foundationund Hartwig Art Foundation.

Pierre Huyghe, Liminals, 2025. Filmstill. In Auftrag gegeben von LAS Art Foundation und Hartwig Art Foundation, © Pierre Huyghe VG Bild-Kunst, Bonn, 2026
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