Berührend ohne Zeitstempel

Oliver Laric im KHM: Marmor trifft 3D-Druck

Oliver Laric, Schwellenwesen, Ausstellungsansicht, 2025, Foto © KHM-Museumsverband, Tom Ritter

Hand aufs Herz – wann waren Sie zuletzt in der Antikensammlung des Kunsthistorischen Museums Wien? Jetzt ist der richtige Zeitpunkt für ein Wiedersehen. Die Sonderpräsentation „Schwellenwesen“ führt vor, wie lebendig die Antike im digitalen Zeitalter sprechen kann.


 

Aus dem Defizit ist für mich eine Ästhetik entstanden.

Oliver Laric

Es war in seinen Kindertagen, dass sich Oliver Laric (*1981, Innsbruck) von der vierköpfigen Sphinx aus dem 2. Jh. u. Z. begeistern ließ, und seither hat sie ihn nicht losgelassen. Nun tritt er mit ihr in einen Dialog auf Augenhöhe. Acht Objekte des in Berlin lebenden Künstlers unterwandern in den Wintermonaten die ständige Antikensammlung des Kunsthistorischen Museums. Es sind, so der Titel der Schau „Schwellenwesen“, hybride Figuren zwischen Mensch und Tier, Kunstgeschichte und digitaler Hyperrealität, Fabelwesen und Objekt. Ein „Gegenpol zur anthropologischen Weltsicht“, erklärt Laric, der in der „reinen Form“ auch eine „Fiktion der Macht“ versteht.

Gespeist wurden die Formen aus tatsächlichen antiken Werken vom Kunsthistorischen Museum, dem Louvre, dem British Museum und weiteren Zentren der Kulturgeschichte. Digitale Scans legen die Basis für die „Superwesen“, fiktiv neu komponiert vom Künstler. Entstanden sind charakterstarke Wesen, die den Dialog mit der Geschichte aufnehmen, die Gegenwart kommentieren und auf eine Cyborg-Zukunft weisen, ohne sich in der Beliebigkeit von Artifiziellem zu verlieren. Gerade weil sie haptisch verlocken, verbinden diese Schwellenwesen technoide Begeisterung mit berührender Lebendigkeit und zeigen, dass digitale Kunst auch Formen jenseits des Screens annehmen darf. Die Dualität aus dem Verführungsspiel der unterschiedlichen Oberflächen, wie sie die klassische Bildhauerei perfektioniert hat, und dem intellektuellen Reiz der Ambivalenz des Hybriden macht große Freude. Es war überfällig, Oliver Laric so umfassend in Wien zu begegnen und der Antikensammlung mit solch frischem Blick zu begegnen.
 


OLIVER LARIC. SCHWELLENWESEN

06.11.25 – 15.02.26 | Antikensammlung, Kunsthistorisches Museum

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Oliver Laric, Schwellenwesen, Ausstellungsansicht, 2025, Foto: PARNASS

Oliver Laric, Schwellenwesen, Ausstellungsansicht, 2025, Foto: PARNASS

„Die Frage, was ist Kopie, was ist Original, was ist Übersetzung, eine Transformation ist immanent in dieser Sammlung“, erklärt Jonathan Fine, Generaldirektor des KHM-Museumsverbands, und verweist auf die zahlreich in der Antikensammlung gezeigten römischen Kopien griechischer Originale, aber auch die größeren Fragen nach Identität, die diese Schau anstößt. Für ihn als Direktor ist sie auch ein Impuls in Richtung Besucher:innen-Akquise. „Je mehr ein Kunstwerk reproduziert wird, desto mehr wird der Hunger, es auch im Original zu sehen, gefüttert“, meint er.

Kuratiert wurde die Sonderpräsentation von Herwig Kempinger, mit dem Laric vor rund zehn Jahren seine erste Einzelausstellung in Österreich in der Secession gestaltete. Diese war ein entscheidender Moment in der Formfindung, erzählt der Künstler beim Presserundgang im KHM. Damals wurde Oliver Laric nämlich erstmals mit den Größenlimits des 3D-Drucks konfrontiert – „Aus dem Defizit ist für mich eine Ästhetik entstanden“. Inzwischen sind die zusammengesetzten Formen aus verschiedenen Materialitäten zu einem Markenzeichen geworden – prominent ausgestellt etwa auf der Biennale von São Paulo oder im Palais de Tokyo in Paris.

Spannend ist der Bogen, den die Objekte spannen. Während sie sich zunächst aus digitalen Scans von antiken Originalen speisen, verlassen sie den eng gesteckten Raum des Museums auch wieder, hin in eine digitale Ungewissheit. „Die Skulpturen, die hier existieren, existieren auch als Daten. Ich habe kein Eigentum an ihnen, sie gehören allen“, erklärt der Künstler, der seit 2012 alle digitalen Daten in einem öffentlichen Archiv zur Verfügung stellt. Seine Formen beginnen also parallel ungewiss zu zirkulieren und tauchen bereits in Musikvideos und Spielen wieder auf.

Oliver Laric, Schwellenwesen, Ausstellungsansicht, 2025, Foto: PARNASS

Oliver Laric, Schwellenwesen, Ausstellungsansicht, 2025, Foto: PARNASS

Oliver Laric beim Scannen der Vierköpfigen Sphinx in der Antikensammlung, © KHM-Museumsverband, Daniel Sostaric

Oliver Laric beim Scannen der Vierköpfigen Sphinx in der Antikensammlung, © KHM-Museumsverband, Daniel Sostaric

Oliver Laric, Schwellenwesen, Ausstellungsansicht, 2025, Foto © KHM-Museumsverband, Tom Ritter

Oliver Laric, Schwellenwesen, Ausstellungsansicht, 2025, Foto © KHM-Museumsverband, Tom Ritter

Oliver Laric, Schwellenwesen, Ausstellungsansicht, 2025, Foto © KHM-Museumsverband, Tom Ritter

Oliver Laric, Schwellenwesen, Ausstellungsansicht, 2025, Foto © KHM-Museumsverband, Tom Ritter

Oliver Laric, Schwellenwesen, Ausstellungsansicht, 2025, Foto: PARNASS

Oliver Laric, Schwellenwesen, Ausstellungsansicht, 2025, Foto: PARNASS

Oliver Laric, Schwellenwesen, Ausstellungsansicht, 2025, Foto: PARNASS

Oliver Laric, Schwellenwesen, Ausstellungsansicht, 2025, Foto: PARNASS

Oliver Laric, Schwellenwesen, Ausstellungsansicht, 2025, Foto © KHM-Museumsverband, Tom Ritter

Oliver Laric, Schwellenwesen, Ausstellungsansicht, 2025, Foto © KHM-Museumsverband, Tom Ritter

Oliver Laric, Schwellenwesen, Ausstellungsansicht, 2025, Foto © KHM-Museumsverband, Tom Ritter

Oliver Laric, Schwellenwesen, Ausstellungsansicht, 2025, Foto © KHM-Museumsverband, Tom Ritter

Oliver Laric, Schwellenwesen, Ausstellungsansicht, 2025, Foto © KHM-Museumsverband, Tom Ritter

Oliver Laric, Schwellenwesen, Ausstellungsansicht, 2025, Foto © KHM-Museumsverband, Tom Ritter